Zeitung Heute : Drei Schüsse auf den Frieden

Heute vor zehn Jahren wurde Jitzhak Rabin ermordet. Ein Besuch auf dem Platz, wo er den Tod fand

Charles Landsmann[Tel Aviv]

Vor dem Rathaus, Tel Aviv. Auf dem riesigen Platz herrscht Alltag, ein paar Tage vor dem Tag, an dem sich Jitzhak Rabins Tod zum zehnten Mal jährt. Ein paar Alte diskutieren den Wetterwechsel, er macht ihnen Rheuma. Eine Dame diktiert ihrer Freundin ein „modernes Suppenrezept“, sie meint, dass die Hühnersuppe, traditionelles jüdisches Allheilmittel, wegen der Vogelgrippe ja nun zur Lebensbedrohung mutiert sei.

„Platz der Könige Israels“ hieß dieser Ort einst – dann wurde er zum Tatort. Zehn Jahre sind seither vergangen, seit jener Nacht, in der hier Jitzhak Rabin, Israels Staatschef, nach einer bewegenden Friedensdemonstration erschossen wurde. Jetzt heißt der Ort Rabin-Platz. Kikar Rabin. Mit tränenerstickter Stimme hat damals, am 4. November 1995, ein Mann der Welt Rabins Tod verkündet. Es war genau 23Uhr15. Eitan Haber hieß dieser Mann, er war Rabins Redenschreiber, aber Rabin war für ihn weit mehr als nur ein Chef. Zwei Tage später nahm Eitan Haber dann als letzter Grabredner Abschied: „Jitzhak, dies ist die letzte Rede“, begann er und endete: „Jitzhak, wir vermissen dich bereits.“

Jugendliche sind nicht auszumachen an diesem Tag. Damals hatten hier Tausende wochenlang Totenwache gehalten und die ganze Welt beeindruckt. Es gibt sie kaum noch, diese Friedensbewegten. Diese Optimisten, wenn man so will. Und es hat auch die moralische, die politische Wende nicht gegeben, die man sich von ihnen erhofft hatte. Israel hat damals nicht nur einen Staatschef und Friedensnobelpreisträger verloren. Auch das Oslo-Abkommen, Rabins Initiative, die Frieden schaffen sollte zwischen Israelis und Palästinensern, ist zusammengebrochen und hat sich nie wieder erholt.

Nein, sagt Eitan Haber am Telefon, nein, er gehe nicht mehr zu diesem Ort, der für ihn ein Tatort ist und keiner zum Gedenken, es ist zu schmerzhaft. „Ich brauche diesen Ort nicht, um zu spüren, was verpasst wurde“, sagt er.

Eitan Haber und Jitzhak Rabin sind sich 1958 zum ersten Mal begegnet, beim Kommando Nord. Kommandant Rabin war damals schon eine Legende, Haber einfacher Soldat. Im Sechstagekrieg von 1967 berichtete Haber dann als Militärkorrespondent über den glorreichen Sieg der israelischen Armee unter Generalstabschef Rabin. „37 Jahre…“, sagt er still. „Außer meinem Vater stand mir kein Mann näher.“ Später verfolgte Haber dann Rabins erste Schritte in der Politik: „Zu Beginn war er sehr naiv, sehr gutgläubig, er verstand nichts von Politik und nichts von den Politikern. Er war kein Mann der Tricks.“

„Jitzhak, du hattest tausend gute Qualitäten, tausend Vorteile, du warst groß“, hat Haber damals in seiner Grabrede gesagt, „aber Singen war nicht deine Stärke.“ Redenhalten auch nicht. Es wollte einfach nicht klappen mit der Intonation, Rabin betonte immer das falsche Wort. Und doch sind viele seiner Ansprachen Legende geworden, dank Habers Brillanz als Redenschreiber.

Seine letzte Rede hielt Rabin auf der Terrasse des Rathauses, die den Platz überragt, anschließend sang er mit den hunderttausend Demonstranten den „Song of Peace“. Dann faltete Jitzhak Rabin das Blatt mit dem Text zwei Mal in der Mitte, wie er es mit jedem Stück Papier tat, und steckte es, wie immer, in die linke Brusttasche. Im Krankenhaus entdeckten es die Ärzte, blutverschmiert. Sie haben es Haber übergeben; später wurde es sorgfältig im Staatsarchiv eingelagert. Es gibt ein berühmtes Foto davon, wie Haber es in der Hand hält, als er am Grabe nochmals den Liedtext abliest.

Eitan Haber ist nicht überrascht, dass die „Jugend vom Platz“ heute rechts wählt: den Likud, und nicht friedensbewegt die Arbeitspartei, der auch Rabin angehört hat – „nicht zuletzt, weil die Palästinenser es geschafft haben, den gesamten Friedensprozess zu zerstören“, sagt Haber bitter. Er meint: Die Selbstmordattentate haben dazu geführt, dass ein Großteil der Bevölkerung heute an der Seite des Likud steht, der einen harten Kurs fährt gegen die Palästinenser – auch wenn von dort in letzter Zeit überraschende Signale kommen. Ausgerechnet Ariel Scharon, der nationalistische Hardliner, der damals gegen Rabins Friedenspläne gekämpft hatte, geht „heute zu einem gewissen Grad auf Rabins Weg weiter“, Haber erkennt das durchaus an. Aber der ewige Stolperkurs zwischen Morden und Waffenstillständen, zwischen Hoffnung und Enttäuschung hat auch ihm die Energie geraubt, die Optimismus braucht.

Am Tatort, an der Treppe, die von der Rathausterrasse zur Ibn-Gvirol-Straße führt, sind Metallplättchen eingelassen. Sie markieren die Standorte der Personen, die vor zehn Jahren ins Attentat verwickelt waren: Rabin, sein Leibwächter Joram Rubin, der Attentäter Jigal Amir und andere. Ein Fremdenführer steht an diesem Tag hier und versucht gestikulierend, einer Delegation aus Rumänien den Ablauf zu schildern. Auf jedes Plättchen stellt er einen Gast. Den Mörder muss er selbst spielen, kein anderer will.

Drei Schüsse hat Jigal Amir damals auf Rabins Rücken abgegeben. Zwei töteten Rabin, die dritte Kugel traf den Leibwächter. Die Details sind heute wichtiger denn je. Denn obwohl Amir den Mord damals nicht nur gestanden, sondern sich vor Gericht sogar damit gebrüstet hatte, kommen aus der rechtsextremen Ecke immer noch abstruse Konspirationstheorien, die die Schuld ablenken sollen von den jüdischen Nationalisten, denen Amir angehörte.

Nicht Amir habe den tödlichen Schuss abgegeben, sagen diese Leute, sondern ein Geheimdienstler, wahlweise auch ein Linker, der den vorsichtigen Rabin aus dem Weg zum Frieden hatte schaffen wollen, um dem vorwärts drängenden Schimon Peres Platz zu machen. Solche Verschwörungstheoretiker lassen sich immer mal wieder auf dem Rabin-Platz blicken, und nun, kurz vor dem Todestag, werden es wieder mehr. „Schimon Peres gab den Befehl, Jitzhak Rabin zu töten“ steht auf dem T-Shirt eines jungen Mannes, der am Geländer des Rabin-Denkmals lehnt. Er verteilt Flugblätter an amerikanische Touristen. Unweit plustert sich der lauteste Vertreter der Konspirationstheorie, Barry Chamisch, vor ausländischen Fernsehkameras auf: „Yeah, wir haben Hochkonjunktur. Es gibt viel zu tun, viel zu erklären, wie das Ding damals wirklich lief“, sagt er. Die Amerikaner, die zuhören, stoßen sich an und sagen: „Wie bei uns. Harvey Oswald und JFK.“ Don’t forget, beide waren Linke, Kennedy und Rabin. „Und beide haben die noch linkeren Geheimdienste auf dem Gewissen. Traut den Linken nicht.“

Es ist aber nicht nur der herannahende Jahrestag des Attentats, der diese Leute auf den Plan ruft. Es sieht zurzeit so aus, als würde auch der Mordprozess neu aufgerollt – zumindest hofft der Mörder darauf. Seine Familie fordert öffentlichkeitswirksam die Freilassung, ein ultrareligiöser Abgeordneter verlangt, die lebenslange Haftstrafe zeitlich zu begrenzen. Und Kanal 2, der Fernsehsender, will bei Recherchen für einen Dokumentarfilm an Rabins blutverschmiertem Hemd ein drittes Loch entdeckt haben. Sinnloses Gerede sagt Jehuda Hiss, Chefpathologe damals wie heute, er hält daran fest, dass nur zwei Projektile in den Wunden waren. Aber das Gerede hört nicht auf. Der Jahrestag des Mordes wühlt die Gemüter auf. Selbst Carmi Gilon, damals Chef des Schabak-Geheimdienstes und damit auch verantwortlich für Rabins Schutz – meldet sich zu Wort, zehn Jahre nach dem Rücktritt, und gibt einen schweren Fehler zu: „Wir hätten den Mörder damals sofort erschießen müssen“, sagt er – gleich nach dem ersten, nicht tödlichen Schuss. Dann wäre Rabin wohl am Leben geblieben.

Jeden Freitag seit zehn Jahren treffen sich auf diesem Platz ein paar Dutzend Rabin-Verehrer. Sie scharen sich um das Denkmal, das am Fuß neben der Treppe steht. Aber in den nächsten Tagen werden es wohl eher ein paar Hundert sein, die kommen, vielleicht sogar Tausende. „Peace now“ wird hier Kerzen anzünden, und am übernächsten Samstag wird Bill Clinton sprechen, vor dem großen Staatsakt am Montag, dem 14., zu dem hohe Gäste aus aller Welt anreisen. Und deshalb ist Jael Arzi heute da.

Jael Arzi ist Bildhauerin, sie war es, die das Rabin-Denkmal geschaffen hat. 16 große, kantige Basaltsteine hatte sie damals in die Erde eingelassen. Jael Arzi kniet vor dem, in den sie Rabins Namen eingemeißelt hat. Vor zwei Jahren hat jemand rote Farbe darauf gegossen. „Der Basalt hat sie aufgesaugt“, sagt sie. „Den obersten Zentimeter habe ich zwar weggemeißelt, aber das genügt nicht.“ Es sind immer noch winzige Farbpartikel zu sehen, und die goldene Inschrift hat sich in dreckige Bronze verwandelt. Arzi kratzt das R des Nachnamens aus und füllt den Buchstaben wieder mit Goldfarbe: „Wie können die Leute das tun? Ich werde das nie verstehen.“

Am Straßenrand ein Knall. Ein Autofahrer ist, verwundert über den Auflauf am Denkmal, auf die Bremse getreten, ein Taxi ist ihm aufgefahren. Die Fahrer steigen aus: „Warum bremst du?“ – „Weil da was los ist“ – „Was denn?“ – „Keine Ahnung.“ Der Taxipassagier brüllt den Fahrer an: „Komm endlich. Ich hab’s eilig.“ Ein alter Mann, der auf der Bank neben dem Denkmal sitzt, schimpft: „Ruhe. Schließlich ist das hier das Denkmal für Rabin.“ – „Was geht mich das an?“ pampt der Taxipassagier zurück und knallt die Wagentüre zu.

Hätte Eitan Haber, Rabins Freund und Redenschreiber, es über sich gebracht, den Rabin-Platz zu besuchen, die Szene hätte ihn traurig gemacht. Jeden geht dieses Denkmal etwas an, sagt er. Er ist überzeugt davon, dass Israel heute anders aussehen würde, dass es dem Land viel besser gehen würde, wenn Rabin am Leben geblieben wäre: „Es hätten viele große Dinge gemacht werden können, die man damals in Angriff genommen hat. Sicherheit, Außenpolitik, Gesellschaft, Wirtschaft – wir waren in einer Periode, die niemand vergisst, es war eine unglaubliche Zeit, die nicht wiederkehrt.“

Jahrelang sind er und andere Freunde von Jitzhak Rabin einer Tradition gefolgt. Freitagmittag sind sie in das Olympia-Restaurant gegangen, in das Stammlokal der Rabins, und haben sich erinnert. An diesem Freitag wird Eitan Haber nach Jerusalem fahren und an Jitzhak Rabins Grab trauern. Wie immer wird er in der zweiten Reihe stehen, gleich hinter der Familie.

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