Zeitung Heute : Drei Tage und ein Lebenslänglich

Höchststrafe für die Berlinerin, die ihr Kind verdursten ließ

Kerstin Gehrke

Der Todeskampf, sagt der Richter, muss schrecklich gewesen sein. Wie solle man sich das vorstellen, ein verdurstendes Kind? Dass seine Leiche danach wochenlang herumliegt? „Mitten unter uns. Warum merkt es keiner – bis es aus der Wohnung stinkt?“ Sein Blick geht hin zu einer Gruppe von Zuhörern. Von dort war gerade Beifall gekommen, wie bei einer Sportveranstaltung. Sie hatten geklatscht, weil Veronika W. wegen grausamen Mordes an ihrem zweijährigen Sohn Alisan-Turan zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Damit folgte das Berliner Landgericht am Montag dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Veronika W. sei „einfach gegangen“, sagt der Richter. An einem Abend im November 2001 nahm die 22-jährige Frau ihren Mantel, zog die Tür des Kinderzimmers zu und lief los, raus aus der Wohnung im Stadtteil Wilmersdorf. In der Handtasche nur das Schminkzeug, das Handy, den Schlüsselbund. Alisan-Turan schlief. Ein artiger Junge. „Er war ein liebes Kind“, sagte die Mutter im Prozess, „hat fast immer durchgeschlafen und sogar von allein laufen gelernt.“

Sechs Wochen später beschwerten Nachbarn sich über den Gestank, die Feuerwehr kam und brach die Tür auf. Die Männer standen knöchelhoch im Unrat, vielleicht 250 schmutzige Windeln lagen herum, die Jalousien waren herunter gelassen. In einer Ecke des Kinderzimmers fanden sie Alisan-Turan. Der Kopf war zwischen Bett und einem Sessel eingeklemmt, der Körper mumifiziert. Der verdurstende Junge habe unter Bauch- und Kopfschmerzen gelitten und Krämpfe gehabt, sagte ein Sachverständiger vor Gericht. Der Todeskampf habe mindestens drei Tage gedauert.

Veronika W. war davor noch einmal in die Wohnung zurückgekehrt. Ende Dezember soll es gewesen sein, sagte eine Nachbarin, einen Mantel habe Veronika W. damals geholt. Der Richter sagt, dabei habe sie gewusst: „Hier liegt mein totes Kind.“

Fünf Monate lang versuchte das Gericht zu klären, warum die Mutter ihren Sohn sterben ließ. „Sie wollte das geordnete Leben hinter sich lassen“, sagt der Richter. Sie habe Fesseln ablegen wollen, „wollte zurück zu ihrem alten Leben mit Spaß, Partys, Männern und Drogen.“ Sie habe „gefühllos und unbarmherzig“ gehandelt. Strafmilderung komme nicht in Frage.

Eine Mutter geht? Sie lässt ihren Sohn sterben, um für ein paar Wochen ungestört ihren Leidenschaften nachzugehen? Viel ist im Prozess über die Schuldfähigkeit der Frau gestritten worden. Etliche Sozialarbeiterinnen sagten aus. Keine von ihnen konnte erklären, was die Mutter wegtrieb von ihrem Kind. Veronika W. saß während des ganzen Prozesses regungslos auf der Anklagebank. Mit ernstem Gesicht, ohne Tränen – am Ende einer „langen Reise in die innere Finsternis“, von der einer ihrer Anwälte gesprochen hatte. Veronika W. habe ihren Sohn nicht gehasst, sagt der Richter. „Eher ihr Leben in dieser Phase.“

„Ich konnte nie über Gefühle reden“, hatte sie dem Gericht gesagt. Und dass sie ihren Sohn sehr geliebt habe. An jenem Abend, als sie ihn verließ, sei es ihr schlecht gegangen. „In dem Moment habe ich nicht an ihn gedacht.“ Und in den Wochen danach habe sie immer wieder Drogen genommen, wenn die Gedanken an Alisan-Turan kamen.

Veronika W. wuchs in der Nähe einer russischen Kleinstadt im Ural auf. Dort lernte ihre Mutter einen deutschen Monteur kennen. Als Veronika zehn Jahre alt war, kam sie nach Deutschland. Glücklich wurde sie nicht. Es gab Schläge und immer wieder Ärger, weil sie klaute. Der Anwalt von Veronika W. sagte, sie habe nur auf sich aufmerksam machen wollen, habe vergeblich auf Wärme und Verständnis gehofft. Mit 14 riss sie das erste Mal von zu Hause aus, ging auf den Strich. Mit 17 bekam sie ihr erstes Kind. Sie gab es zur Adoption frei. Sie sagt, ihre Eltern hätten das von ihr verlangt. „Ich habe sie dafür gehasst.“

Sie sollte nach der ersten Geburt endlich ein geordnetes Leben beginnen, ein „vernünftiges“, sagte ihre Mutter im Prozess. Veronika W. bekommt eine Lehrstelle, sie soll Raumausstatterin werden. Doch sie geht nicht hin. Sie landet wieder auf der Straße. Dann die zweite Schwangerschaft. Veronika W. will sich ändern. Sie sucht Hilfe. Das Jugendaufbauwerk besorgt ihr die kleine Wohnung in Wilmersdorf. „Ich hatte immer ein gutes Gefühl, wenn ich sah, wie sie mit dem Sohn umging“, sagte eine Sozialarbeiterin.

Im März 2001 endet die Betreuung. „Veronika W. wollte auf eigenen Beinen stehen“, steht im Urteil. Ein halbes Jahr später habe sie gemerkt, dass sie überfordert war. Sie zahlte keine Miete mehr, ließ die Wohnung verkommen. Die Richter sagen, sie hätte wieder zu den Ämtern gehen können. „Vielleicht war sie lethargisch und bequem, aber nicht von ausgeprägter Willensschwäche.“ Kein Drogenrausch, höchstens eine „leichte depressive Episode“ habe vorgelegen. „Diese Episode war aber beendet mit dem Verlassen der Wohnung.“ So hatte es auch ein psychiatrischer Gutachter gesehen, der Veronika W. als unreife Person, ich-bezogen, aber voll als schuldfähig beschrieben hatte.

Eine Gefängnisstrafe um die zehn Jahre wegen Totschlags hatten die Verteidiger gefordert. Sie hatten bis zuletzt gekämpft. Vielleicht, weil sich Veronika W. ihnen gegenüber ein bisschen offener gezeigt hatte, weil sie ihrem Wesen näher gekommen waren. Mit dem Verlassen des Kindes sei „eine lange Jahre andauernde Verwundung eskaliert“, hieß es in ihrem engagierten Plädoyer. Und sie verlasen Briefe ihrer Mandantin. „Es tut mir Leid, was ich getan habe, oh mein Gott“, steht in einem davon. Und von einem Traum berichtete Veronika W. Von den Bildern, die nachts kommen. Wie Alisan-Turan mit großen Augen vor ihr steht und fragt: „Mama, warum hast du mich allein gelassen? Ich dachte, du hast mich lieb.“

Nach dem Urteil wollten die Verteidiger noch mit Veronika W. sprechen. Sie drehte sich noch kurz zu ihnen herum, schüttelte den Kopf und ging.

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