DREIECKSGESCHICHTE „Wolke 9“ : Unbestechlich gebrechlich

Christiane Peitz

Da lieben sich zwei, seit langem schon, es gibt Kinder, Vertrautheiten, eine Wohnung voller Erinnerungen – bis eine neue Liebe dazwischenfährt. Betrug, Eifersucht, Ehekrise, Trennungsschmerz, man kennt das, auch aus dem Kino. Ungewöhnlich an Andreas Dresens „Wolke 9“ ist nur, dass die drei, die da aneinandergeraten, schon ziemlich alt sind. Inge (Ursula Werner, Foto, links) verlässt ihren Ehemann Werner für Karl (Horst Westphal, rechts): Sie ist Mitte 60, ihr neuer Geliebter weit über 70. Die Tochter verliert schier die Fassung, als die Mutter ihr mitteilt, dass es sich um mehr als einen Seitensprung handelt.

Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“) interessiert sich weniger für das vordergründig Soziale, für die gesellschaftliche Ächtung, die Inge erlebt. Er will wissen, wie das aussieht: Alte beim Sex. Faltige Haut, Schweiß, Verlegenheit, Gebrechlichkeit, Atemlosigkeit. Wie filmt man die sexuelle Gier von 70-Jährigen? Wie filmt man den Moment, nach dem die Hobbyschneiderin Inge mit der umgenähten Hose für Karl durch die halbe Stadt gelaufen ist, bis sie an seiner Tür steht, um Minuten später mit ihm nackt auf dem Teppich zu landen?

Der 45-jährige Dresen zeigt all das ehrlich und klar, man könnte auch sagen: asketisch. Keine Filmmusik, kein Kunstlicht, kaum Schönheit, sondern eine dokumentarische, minimalistische Erzählung mit Unschärfen und Überblendungen. Dogma lässt grüßen. Es wird auch wenig geredet in diesem Drama, das dem Glück einen tragisch hohen Preis abverlangt. Die Liebe – eine Erschütterung , eine atemberaubende, verheerende Naturkatastrophe.

Ein so warmherziger und doch unbestechlicher Blick wie der von Dresen ist selten im deutschen Kino. Und doch beschleicht einen angesichts all des abgewetzten Lebens in abgewetzten Interieurs ein Unbehagen: Warum so spartanisch? Gönnt Dresen seinen Alten die fantastischen Mittel des Films nicht? Und warum muss der moralische Konflikt bis zum bitterstmöglichen Ende zugespitzt werden? Ehemann Werner ist Bahnpensionär, fast alle Szenen sind mit dem Rattern und Sirren von Schienenfahrzeugen grundiert. Eine Todesmelodie, wie sich herausstellt. So verblassen die berührenden Momente vor der Zwangsläufigkeit einer Versuchsanordnung, deren Ausgang von Anfang an feststeht. Stilles, bewegendes Liebesdrama. Christiane Peitz

„Wolke 9“, D 2008, 98 Min., R: Andreas Dresen, Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal, Steffi Kühnert

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