Zeitung Heute : Dreifaltigkeit der Macht

Wer regiert im Vatikan, wenn der Papst krank ist? Drei Kardinäle haben das Sagen: Joseph Ratzinger, Angelo Sodano, Giovanni Battista Re. Und jeder passt ganz genau auf die zwei anderen auf.

Paul Kreiner[Rom]

Der Papst ist krank. Den Apostolischen Segen, den er nur noch stumm andeuten kann, den spenden die Geschäfte. Wer die Souvenirläden um den Petersdom herum durchsucht, der findet nicht nur die üblichen Rosenkränze – pink und hellblau eingedost, made in China –, nicht nur die Papstmedaillen, die Gips-Papstbüsten und die Papstfotos, die Johannes Paul II. in jugendlichem Elan zeigen, den Arm emporgereckt, den Hirtenstab mit festem Griff auf Gottes Erdboden gestemmt. Nein, die Devotionalienhändler machen auch das Geistliche zur Ware. Für 50 Cent oder einen Euro, je nach Größe, verkaufen sie ein auf alt gemachtes Stück Papier, auf dem der Heilige Vater den unbekannten Käufern aller Länder „von Herzen seinen Apostolischen Segen erteilt“ und für sie „die Fülle der göttlichen Gnade erbittet“.

Was die Händler mit all den Kultsouvenirs anfangen werden, wenn dieser Papst einmal stirbt? Die vielsprachige Verkäuferin in der Via Ottaviano lacht übers ganze Gesicht: „Ha, dann werden die Sachen teurer!“ Wenn der Papst stirbt, sagt sie, „dann wollen alle Leute noch was haben von ihm. Er ist ja eine Figur!“ Bereits jetzt, während seiner Krankheit, hätten die Großhändler darauf gedrungen, die Verkaufspreise zu erhöhen: „Es geht schon los mit der Spekulation.“

Noch aber ist Karol Wojtyla, Johannes Paul II., der Chef im Vatikan. Das wollte auch Joseph Kardinal Ratzinger vor ein paar Tagen deutlich machen. Der Papst, so freute sich der oberste Glaubenshüter nach einem Besuch am Krankenbett, „bearbeitet die Akten, die ich ihm vorlege“. Doch diese Bemerkung war durchaus zweideutig. Ratzinger wollte allen Indizien entgegentreten, Johannes Paul II. sei körperlich nicht mehr in der Lage, die Kirche zu leiten. Der ranghöchste Kardinal wollte öffentlich bekräftigen: Der Papst arbeitet. Gleichzeitig machte er jedoch deutlich, wer die Tagesordnung festsetzt – er selbst, Ratzinger.

In den Wochen zuvor, während all der Krankheitstage des Papstes, war dessen Glaubenshüter wie vom Erdboden verschluckt. Noch die zurückhaltendsten Kardinäle im Vatikan hatten sich wenigstens mit einem „tief besorgten“ Satz oder mit einem Aufruf zum Gebet zitieren lassen. Von Ratzinger hingegen kein Wort. So, als schwärte die alte Wunde immer noch: Zu Ostern 2002, bei einer anderen großen Krankheitskrise Johannes Pauls II., hatte Ratzinger gesagt: „Sollte der Papst merken, dass er es nicht mehr schafft, dann tritt er zurück.“ Die Medien fassten diesen Satz bereits als offiziöse Rücktrittsankündigung auf – und Ratzinger, Tränen in den Augen, weil seine Loyalität zu Johannes Paul II. in Zweifel gezogen schien, sah sich zur Abbitte genötigt. Jetzt, mit seiner Lobrede auf den „arbeitenden“ Papst, darf er sich rehabilitiert sehen.

Ratzinger hat auch, wollte man die Sache als politisch-taktisches Spiel sehen, die kurzzeitige Schwäche eines Mitspielers geschickt ausgenützt. Denn wenige Tage zuvor hatte ausgerechnet Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, der oberste „Politiker“ des Vatikan, einen Rüffel bezogen. Sodano hatte auf eine Journalistenfrage nach einem Amtsverzicht Johannes Pauls II. nicht minder doppeldeutig geantwortet als Ratzinger: „Überlassen wir das dem Gewissen des Papstes. Er weiß, was er zu tun hat.“ Darauf schimpfte Kardinal Giovanni Battista Re, der „Personalchef“ der katholischen Kirche, es zeuge „von schlechtem Geschmack“, über einen Rücktritt des kranken Papstes zu reden. Ein derart offener Schlagabtausch an der Spitze der Kurie hat Seltenheitswert.

Ratzinger, Sodano, Re – damit ist das Trio beisammen, das im Vatikan die Geschäfte führt. Und das nicht erst, seitdem der 84-jährige Johannes Paul II. krank ist. Schon immer wusste man, dass Karol Wojtyla nur ungern über Akten brütete. Lieber meditierte, philosophierte, schrieb, empfing und reiste er. Die praktische Verwaltung überließ er seiner Kurie, setzte deren glanzlos-bravem Bürokratismus aber immer wieder strahlende Lichter auf. Das spektakuläre Friedensgebet mit allen Weltreligionen 1986 in Assisi, der große, selbstkritische Bußgang der katholischen Kirche im Heiligen Jahr 2000 mit der Vergebensbitte für historische Fehler, die diplomatische Friedensinitiative vor Beginn des Irak-Kriegs – all diese Ideen kamen nicht aus dem Kirchenapparat, sondern waren persönliche Initiativen Johannes Pauls II.

Dass derweil in der Kurie nichts anbrannte, dafür eben waren Ratzinger und Sodano eingesetzt, absolute Vertrauensleute des Papstes. Der Bayer und der Piemontese, beide haben 2002 die kirchliche Altersgrenze von 75 Jahren überschritten – doch Johannes Paul II. ließ sie nicht gehen. Im Gegenteil: Er beförderte Ratzinger noch zum Chef des Kardinalskollegiums, damit auch zum Leiter der Übergangsverwaltung nach dem Tod des Kirchenoberhaupts.

Da das kanonische Recht keinen formellen Vertreter für den monarchisch regierenden Papst kennt, bilden Ratzinger und Sodano gemeinsam die Doppelspitze in der Kirchenleitung. Zwar arbeiten die Ministerien der Kurie, Dikasterien genannt, formal selbstständig und gleichberechtigt, aber Sodanos Staatssekretariat fungiert als Koordinierungsstelle. Dort werden die Fäden gezogen; dort müssen die Dikasterien alle wichtigen Entscheidungen vorlegen.

Beschlüsse wiederum, die Glaube und Sittenlehre der Kirche tangieren, brauchen die Genehmigung der Glaubensbehörde von Kardinal Ratzinger. Von ihm muss in diesem Fall auch Sodano seine Entscheidungen absegnen lassen. Unter dem Papst also, der rechtlich immer das letzte Wort hat, gibt es ein echtes System von „checks and balances“ mit einem ganz klaren Ziel: Keiner in der katholischen Kirche soll sich zu einer Art Zweit- oder gar Gegenpapst aufschwingen können.

Und dann ist da noch Giovanni Battista Re. Als Chef der Behörde, die für Bischofsernennungen zuständig ist, verfügt er über ein überaus nützliches Personalwissen. Der Lombarde Re wird als effizient und energisch beschrieben. Zwar darf laut Recht und Gesetz ausschließlich der Papst die Bischöfe ernennen. Eine andere Frage ist, wer ihm aber die Vorschläge unterschriftsreif serviert.

Eine regelrechte Kabinettsrunde des Papstes mit seinen „Ministern“ gibt es, der Krankheit halber, schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Marco Politi, der erfahrene Vatikanspezialist der Zeitung „La Repubblica“ schreibt, maximal drei Stunden am Tag habe der Papst zuletzt noch arbeiten können. Selbst für leitende Kurienkardinäle sei das Mittagessen die praktisch einzige Gelegenheit geworden, den Chef zu treffen. Und in den 20 Minuten dort würden keine Diskussionen geführt, sondern die im Apparat getroffenen Entscheidungen abgenickt.

Die päpstlichen Gemächer übrigens, in denen diese Essen stattfinden, gelten neben der Kurie als der zweite Machtpol im Vatikan. Über Aus- und Eingang hier wacht der Pole Stanislaw Dziwisz, der langjährige persönliche Sekretär des Papstes. Um dessen eher informelle Position im alles entscheidenden Hierarchiegerangel des Vatikans zu stärken, hat der Papst seinen Landsmann zu höheren Ehren befördert, als dies den Sekretären früherer Päpste widerfahren ist: Dziwisz ist dem Rang nach Erzbischof, der Vermutung aller „Vaticanisti“ nach ist er sogar jener Kardinal, den Johannes Paul II. zuletzt „in petto“ ernannt hat, also ohne dessen Namen bekannt zu geben. Einer wie Dziwisz, das ist die päpstliche Botschaft in den Vatikan hinein, braucht sich von den anderen dort nichts vorschreiben zu lassen. Und es nennt ihn auch keiner mehr Zerberus, obwohl es mancher gerne täte.

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