Zeitung Heute : "Dreiland": Spielen ohne Grenzen

Till Hein

Das Foto fällt auf: In einer weißen Ebene sitzen drei Babys mit lustigen Zipfelmützen auf dem Kopf. Eine ist rot-weiß-rot, die zweite rot-weiß-grün und die dritte rot-blau-weiß. Darunter steht der Slogan: "Playing together". Die Kleinkinder sind Werbeträger, und die Farben ihrer Mützen haben tiefere Bedeutung: Das rot-weiß-rot-Baby stellt einen Österreicher aus dem Bundesland Kärnten dar, der Säugling in der Mitte einen Italiener, er vertritt die Region Friaul-Julisch Venetien, und Baby Nummer drei symbolisiert Slowenien.

"Playing together" heißt das Motto, unter dem sich die Grenzregion vermarkten will. Eine schöne Idee, allein: Die Welt muss erst von ihr erfahren. Neulich flogen daher Vertreter aus Italien, Österreich und Slowenien für zehn Tage nach Japan, um gemeinsam für den Urlaub im "Dreiland" zu werben. Nun hat man Journalisten aus ganz Deutschland zum Sight-Seeing eingeladen. Hannes und Robert finden es "iasinnig liab", dass wir zu ihnen nach Klagenfurt gekommen sind. Sie tragen fesche Sakkos, strahlen in einem fort und arbeiten für den Tourismusverband "Kärnten Werbung". Sogleich überreichen sie uns blaue Kärnten-Regenschirme. Dabei scheine in diesem "wunderschönen Teil Österreichs", in dem man "Urlaub bei Freunden" macht, eigentlich immer die Sonne.

Von den Sanktionen gegen Österreich nach der Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei Jörg Haiders habe man "eigentlich nichts bemerkt". Die Ferienregion profitiere sogar vom medialen Zirkus um den rechten Populisten, der nicht nur wegen seiner Äußerung, im Dritten Reich habe es eine "ordentliche Beschäftigungspolitik" gegeben, berüchtigt ist. "Viele Touristen kommen zum Haider-Schauen", sagt Hannes. Für ihn steht fest: "Unser Herr Landeshauptmann macht seine Arbeit iasinnig guad."

Absolut super sei selbstverständlich auch das Projekt "Playing together": Eine Sternwanderung zum Dreiländereck bei Arnoldstein mit Tausenden von Teilnehmern aus allen drei Ländern finde zum Beispiel im Sommer statt, und im Winter könne man mit einem einzigen Skipass die Lifts von Kärnten, Slowenien und Friaul-Julisch Venetien benutzen. Auch der Katalog "Urlaub auf dem Bauernhof" ist international gestaltet. Und wer mindestens drei Nächte im Dreiland bleibt, erhält eine "Urlaub Grenzenlos Card" und damit Rabatt in Thermalbädern, Museen und Grotten der drei Länder.

In Klagenfurt wird jährlich der "Bachmann-Preis" verliehen. Ingeborg Bachmann ist hier geboren worden, ebenso wie Robert Musil. Als der kleine Robert fünf Monate war, zogen die Eltern mit ihm fort. Im Werk des Schriftstellers spielt Kärnten keine Rolle. Aber im Klagenfurter "Robert-Musil-Literatur-Museum" sind einige seiner Reisekoffer ausgestellt. Gleich um die Ecke findet sich auch das Jugendstil-Kaffeehaus "Musil". Es ist allerdings nach seiner Wirtsfamilie Musil benannt, nicht nach dem Literaten. Dafür gibt es hier ein für das gediegene Ambiente eher ungewöhnliches Angebot: Für umgerechnet zwanzig Mark kann man eine Stunde lang Torten, Apfel- und Topfenstrudel und sonstige Mehlspeisen verdrücken. Bis zum Abwinken. "Der Rekord liegt bei 16 Stück", sagt Frau Musil anerkennend.

Bekannt ist auch das Lindwurm-Denkmal im Zentrum von Klagenfurt. Der Sage nach soll diese Echse einst in den Sümpfen vor den Toren der Stadt gelebt und sich von Kärntner Jungfrauen ernährt haben. "Der Lindwurm ist daher oft fast verhungert", sagt Robert, der immer für ein Späßchen zu haben ist. Sein Kollege Hannes wiederholt, dass Kärnten und seine Umgebung "einfach iasinnig schön" seien, "jetzt amal ohne Schmäh". Er fahre zum Beispiel oft nach Italien um Kaffee zu trinken und nach Slowenien zum Tanken.

Von Klagenfurt nach Triest, der Hauptstadt der italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, braucht man über den Loibl-Pass nur zweieinhalb Stunden. "Es gibt bei uns nicht nur Opern, man kann auch Jets hören", spricht Roberta begeistert ins Mikrofon, als wir uns dem Stadtzentrum nähern. - Leichtes Befremden im Reisebus. Später wird klar, dass die italienische Fremdenführerin lediglich zum Ausdruck bringen wollte, die alte Hafenstadt sei nicht nur für ihre Musiktheater-Aufführungen berühmt. Hier treten inzwischen auch regelmäßig Jazz-Bands auf.

Im Jugendstil-Café San Marco hängt ein Foto von Sigmund Freud an der Wand und weitere Referenzen an die Zeit um die Jahrhundertwende, als Triest noch Teil der Habsburger Doppelmonarchie war. Damals hielten sich hier - ähnlich wie in den Wiener Kaffeehäusern - namhafte Literaten auf. Rainer Maria Rilke und James Joyce zählten zu den Stammgästen. Noch immer liegt daher neben internationalen Zeitungen auch Weltliteratur in dem Café aus.

Robertas Kollegin Anna erzählt, dass Friaul-Julisch Venetien neben Neuseeland eines der wichtigsten Kiwi-Anbaugebiete der Welt sei. Auch der berühmte San Daniele-Schinken stamme aus dieser Gegend. Die beiden finden es einfach großartig, wie eng die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen im Dreiland bereits seien. Nach dem Mittagessen - hervorragende Fischgerichte im Restaurant "Antipastoteca di Mare ex Voliga" - fragt Roberta den slowenischen Reiseleiter Tomaz, was in seiner Muttersprache eigentlich "Auf Wiedersehen!" heißt. Man kann ja nicht alles wissen.

Die "Original Oberkrainer" kommen übrigens nicht aus Österreich - wie viele Leute vermuten -, sondern aus Slowenien. Und da dort, wie in Österreich, in den meisten Landgasthöfen volkstümliche Musik gespielt wird, hat Tomaz immer Ohrstöpsel dabei. Tomaz ist Ende Dreißig und Professor für Agronomie und Semantik an der Universität von Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens. Nebenbei arbeitet er als Reiseleiter und hat sieben Fremdsprachen gelernt.

Nicht nur in puncto Musikgeschmack gebe es viele Parallelen zwischen den beiden Ländern: "Die Österreicher sind langweilig", sagt Tomaz. "Sie arbeiten die ganze Zeit. Genau wie wir Slowenen." Manchmal vermisse er persönlich das alte Jugoslawien, sagt Tomaz. Die Serben mit ihrer orthodoxen Kirche zum Beispiel. "Das war für uns sehr exotisch." Aber, was wüssten die Deutschen schon darüber? "Viele glauben immer noch, dass in Slowenien Krieg herrscht", sagt Tomaz. Der Kosovo-Krieg hat die Touristen auch aus dieser Region vertrieben. Zehn Tage wurde 1991 gekämpft, dann hatte Slowenien die Unabhängigkeit durchgesetzt.

Slowenien ist ein kleines Land mit zwei Millionen Einwohnern. Slowenien hat auf seinen wenigen Quadratkilometern viele unterschiedliche Landschaften zu bieten: von alpin bis mediterran. Zwei Drittel des Landes sind von Wald bedeckt. Die slowenische Mittelmeerküste ist nur 48 Kilometer lang, aber dafür besonders malerisch. Hier gibt es keine weißen Kalkstein-Felsen. Der Boden ist sehr fruchtbar, und die Bäume wachsen oft fast bis zum Meeresufer.

Im slowenischen Hafenstädtchen Piran kann man schon im Februar draußen in der Sonne sitzen. Das Städtchen steht unter Denkmalschutz und hat nur etwa 5000 Einwohner. Aber man kann sich hier leicht verlaufen. Vor allem die Gassen des ehemaligen Judenviertels sind ein einziges Labyrinth. Es riecht nach gebratenem Fisch. Die Drogerie heißt noch wie zu Titos Zeiten "1. Mai". Auch hier gibt es eine Kaffeehaus-Tradition. Das schönste Exemplar mit den weißen Arkaden, gleich bei der Piazza Tartini, dem Hauptplatz Pirans, brachte allerdings mit der Zeit immer weniger Umsatz und vor ein paar Jahren ist eine Fast-Food-Pizzeria eingezogen. Aber draußen auf der Terrasse sieht noch alles wie früher aus. Hier sitzt Tomaz gerne, trinkt Cappuccino und liest Zeitung. "Manchmal liegt in Ljubljana noch Schnee. Und ich fahre mit Freunden eineinhalb Stunden und setze mich in Piran draußen in die Sonne."

Ein weiteres Kaffeehaus heißt Galerija. Es ist mit Palmen geschmückt, der Cappuccino kostet umgerechnet eine Mark sechzig. Für 80 Mark kann man hier im Doppelzimmer mit Meerblick übernachten. Die Möwen kreisen über dem Wasser. Die ausländischen Touristen lassen sich an einer Hand abzählen. Für uns ist das schön. Für Piran ist es problematisch.

Rund zwei Dutzend Menschen leben hier bis heute vom Fischfang. Die Italienerin Erika ist die einzige Frau unter ihnen. Um fünf Uhr früh fährt sie jeden Morgen in ihrem Kutter aufs Meer hinaus. Diesmal ist ihr unter anderem ein kleiner Hai ins Netz gegangen. Die schmecken zwar nicht besonders gut, aber sie werden hier in der Bucht im Normalfall höchstens 20 Kilogramm schwer und man müsse zumindest keine Angst vor ihnen haben, erklärt Erika.

Vom Projekt "Playing together" hat sie noch nie etwas gehört. "Aber ich bin dagegen", sagt die junge Frau in den schwarzen Gummistiefeln grinsend. Sie hält solche Slogans für "Politikergeschwätz". Wie Milan mit dem imposanten Backenbart, der als einer der besten Fischer von Piran gilt. "Manchmal kommen schon ein paar österreichische Touristen", erzählt Milan. Vor allem im Sommer. "Die gehen fast alle am Stock." Wenn sich mal jüngere hier in der Gegend sehen lassen, steigen sie meist in Portoroz ab, der Hotel-Meile, ein paar Kilometer von Piran entfernt. Meeresfrüchte kauften sowieso nur Einheimische und einige Italiener, erzählt Milan. Sonstige Touristen holen lieber Fleisch im Supermarkt, das ist billiger.

Schließlich zeigt uns Tomaz noch Strunjan: vielleicht der schönste Strand an der slowenischen Küste. Er ist von Piran aus leicht mit Bus oder Fahrrad zu erreichen. Eigentlich sollte hier eine zweite Hotelreihe entstehen, wie in Portoroz. Aber die Naturschützer haben sich durchgesetzt. Massen von Touristen wünscht sich Tomaz sowieso nicht.

Und das Plakat mit den drei Babys? Auf ihn wirke das, ehrlich gesagt, alles noch ziemlich künstlich, sagt Tomaz. "Vielleicht wird es ja eines Tages ein Symbol geben, das mehr mit der Realität zu tun hat." Dabei ist das Werbeplakat doch gut gelungen: Die drei Babys spielen nicht miteinander. Sie sitzen etwas verloren da und schauen freundlich in die Kamera.

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