Dresdner Bluttat : Opfer der Hetze

Die offenbar rassistische Messerattacke auf eine Ägypterin im Landgericht Dresden wird zunehmend zu einem Politikum. Warum ist die Tat so brisant?

A. Dernbach[F. Jansen] M. Gehlen[F. Jansen] J. Müller-Neuhof

BerlinDas ganze Ausmaß wurde vergangenes Jahr deutlich. An den Olympischen Spielen 2008 in China nahmen fast 130 Bundeswehrsoldaten teil. Damit hat die Armee knapp ein Drittel der deutschen Olympiastarter bezahlt. Athleten nicht- olympischer Sportarten werden dagegen selten von der Bundeswehr finanziert.

Insgesamt hat die Bundeswehr derzeit 824 Stellen für Topathleten reserviert. So sind etwa Schwimmer, Judoka, Skirennläufer, Volleyballer und Kanuten offiziell Soldaten und werden so in ihren sponsorenarmen Disziplinen gefördert. Welche Sportart sich qualifiziert und wie viele Athleten die Bundeswehr dann beschäftigt, ist Verhandlungssache. Die unterschiedlichen Sportarten konkurrieren um die Plätze, in den jeweiligen Verbänden findet ebenfalls eine Auslese statt.

„Zentral dabei ist die Frage, was die Kandidaten bei den nächsten Olympischen Spielen erreichen können“, sagt Michael Schirp vom Deutschen Olympischen Sportbund. Zusammen mit der obersten Sportbehörde, dem Bundesinnenministerium, vereinbart der Sportbund regelmäßig Ziele. Aktuell soll Deutschland bis zu den Olympischen Spielen 2012 in England einen festen Platz unter den fünf führenden Sportnationen der Welt erobern.

Wie das Arbeitsverhältnis dann tatsächlich aussieht, ist unterschiedlich. Einige bekommen während ihres Grundwehrdienstes bezahlten Sonderurlaub, andere sind als Zeitsoldaten in den Sportschulen, etwa im nordrhein-westfälischen Warendorf, stationiert. Beliebt sind bei vielen Sportlern die Plätze bei der Bundeswehr, weil sie nach verkürzter Grundausbildung kein richtiges Soldatenleben führen, sondern sich voll auf das Training konzentrieren können.

Die Auslese ist hart. Mehr als 10 000 Mitglieder des Deutschen Kanu-Verbandes trainieren in olympischen Disziplinen, 35 von ihnen treten für das Olympiateam an. Davon sind gerade mal 20 bei der Bundeswehr beschäftigt.

Sold und Verpflegung werden wie bei normalen Soldaten gezahlt, auch während des Trainings und Wettkämpfen. Wer sich über einen Olympiazyklus hinaus als Favorit seiner Disziplin qualifiziert und so für mehr als vier Jahre von der Armee bezahlt wird, kann nach sechs Jahren Stabsunteroffizier werden. Rund 1800 Euro brutto plus Verpflegung und Unterkunft gibt es dann.

Der Präsident des Kanu-Verbandes, Olaf Heukrodt, ist über solche Angebote froh, appelliert aber an andere Behörden und große Unternehmen, Sportler ebenfalls zu fördern, und ihnen mit besonderen Beschäftigungsmodellen nach der Wettkampfzeit eine berufliche Perspektive zu bieten. Seine Kanuten blieben oft nur zwei Jahre bei der Bundeswehr, denn viele wollten nach der Sportkarriere noch einen zivilen Beruf lernen.

Die Bundeswehr wolle erreichen, dass die Leistungen „sauber bleiben“, sagen Trainer. Deshalb müssen Kandidaten in ihrem Arbeitsvertrag eine Dopingklausel unterschreiben: „Ich werde niemals dopen und in meinem Umfeld gegen jede Art des Dopings und der Leistungsmanipulation Stellung beziehen.“

Eine solche Klausel müssen auch die Vollzeitsportler unterschreiben, deren oberster Dienstherr Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist. Etwa die kürzlich wegen Dopings gesperrte Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Die fünffache Olympiasiegerin ist seit 1993 bei der Bundespolizei beschäftigt. Ihren Beamtenstatus könnte Pechstein wegen der Dopingklausel nach einem Disziplinarverfahren verlieren, sollte sie der Internationale Sportgerichtshof des Dopings für schuldig befinden. Schäuble hat vor einer Vorverurteilung der Athletin gewarnt. Der Innenminister ist für 151 weitere Spitzensportler der Arbeitgeber. Vom Zoll, und damit dem Finanzministerium, werden 60 Athleten bezahlt. Ein paar Dutzend unterhalten die Landespolizeibehörden. Wer bei der Polizei als Azubi geführt wird, bekommt knapp 900 Euro brutto im Monat. Die Ausbildung wird bei vielen Sportlern alle sechs Monate für ein halbes Jahr unterbrochen, dann wird fast ausschließlich trainiert. Entsprechend länger dauert es, ehe die Sportler in den mittleren Dienst übernommen werden, normalerweise brauchen Polizeianwärter nur 30 Monate. Wer wie Pechstein nach der Ausbildung eingestellt wurde, steigt meist mit knapp 1800 Euro monatlich ein. Hinzu kommt der vorteilhafte Status des Beamten.

Bei langfristig ausbleibenden Erfolg wechseln die Sportler schnell in den normalen Polizeidienst. Rund 80 Prozent bleiben nach ihrer sportlichen Laufbahn bei der Bundespolizei – und einige machen dann eben dort Karriere.

Im Gericht herrschen Angst und Schrecken. „Überall war Blut“, sagt Christian Avenarius, Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft. Schreie, ein verzweifeltes Kind; ein Mann sticht immer wieder und wieder zu. Das Opfer, eine schwangere, 31-jährige Ägypterin stirbt, ihr Mann wird lebensgefährlich verletzt. Während Richter und Schöffen sich nach Angaben der Behörde nicht eingemischt haben, wirft der Anwalt mit einem Stuhl nach seinem rasenden Mandanten. „Das hat ihn aber nicht abgehalten, weiter zuzustechen, auch auf den Ehemann“, sagt Avenarius. Der Richter drückt den Notrufknopf, Gerichtswachtmeister laufen über die Flure. „Komm mit, du hast eine Waffe“, hätten sie einem Polizisten zugerufen, der als Zeuge in einem anderen Verfahren gewartet hätte. 32 Sekunden vergehen, in denen der Ehemann mit dem Angreifer kämpft, dann stürmen fünf Wachtmeister mit dem Polizisten in den Saal. „Der Polizist musste in einer Sekunde entscheiden, auf wen er schießt“, sagt Avenarius – und der Beamte irrt sich, er hält den unbewaffneten Ehemann für den Angreifer. Die „näheren Umstände“ würden jetzt geprüft.

Welches Motiv hatte der Täter?

Nach Informationen des Tagesspiegels hat sich Alex W. kurz vor der Tat am Mittwoch vor einer Woche im Gerichtssaal lauthals zur NPD bekannt. Die Vernehmung der Zeugen war abgeschlossen, da meldete sich der Russlanddeutsche zu Wort. Er bat, eine Frage stellen zu dürfen, die Kammer hatte nichts dagegen. Alex W. wandte sich an Marwa El-Sherbini: „Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?“ Stille im Saal. „Sie haben hier nichts zu suchen.“ Alex W. wurde laut. Und er drohte, „wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss. Ich habe NPD gewählt“. Direkt danach stürzte er sich mit dem Messer in der Hand auf die 31-Jährige. Ob Alex W. die NPD nicht nur gewählt hat, sondern auch mit ihr in Kontakt stand, ist offen. Die Partei versucht schon länger, Russlanddeutsche zu agitieren, obwohl viele Neonazis die Aussiedler als Ausländer ansehen und ablehnen. Im Februar 2008 gründete sich ein „Arbeitskreis der Russlanddeutschen in der NPD“. Die sächsischen Sicherheitsbehörden prüfen nun, ob sich in dem Material, das sie bei der Durchsuchung der Wohnung von W. mitgenommen haben, braune Propaganda findet. „Viele Aussiedler wollen hundertfünfzigprozentige Deutsche sein“, sagt ein Sicherheitsexperte, „das macht sie anfällig für NPD-Parolen.“

Was ist über den Angreifer bekannt?

Alex W. fühlte sich in Deutschland offenbar als Verlierer. In Russland hatte er einen Hauptschulabschluss und eine Lehre in Lagerwirtschaft gemacht. 2003 kam W. aus Perm, einer Stadt im Ural, in die Bundesrepublik. Er lernte rasch Deutsch, aber das war offenbar der einzige Erfolg in der neuen Heimat. Alex W. lebte in Dresden von Sozialhilfe und war zur Tatzeit Hartz-IV-Empfänger. Keine Stelle, keine Ehefrau, keine Kinder – der 28 Jahre alte W. entspricht ziemlich genau dem Klischee des frustrierten jungproletarischen Mannes, den das martialische, selbstbewusst erscheinende Auftreten von Rechtsextremisten fasziniert.

Unklar bleibt weiter, ob W. schon in Russland auf Ausländerhass und vor allem Islamophobie programmiert war. Die Staatsanwaltschaft Dresden wartet noch auf Informationen der russischen Behörden zum Lebenslauf des Täters. Sicherheitskreise nennen die kursierenden Gerüchte, W. oder ein Angehöriger habe als Soldat in Tschetschenien gegen Rebellen gekämpft, „potenziell plausibel“. Zumal die Tat nicht nur vom Hass des Täters kündet, sondern auch einer möglicherweise trainierten Schnelligkeit im Umgang mit einem Messer. In 32 Sekunden versetzte W. der Ägypterin 18 Stiche, außerdem verletzte er den Ehemann Elwy O. schwer.

Wie reagieren Deutschlands Muslime?

Der Koordinationsrat der Muslime, in dem die vier größeren Verbände zusammengeschlossen sind, hat am Mittwoch in einer Presseerklärung den „Hass auf Muslime und Fremde“ für den Tod an El-Sherbini verantwortlich gemacht.“ Der Rat zieht in seiner Erklärung eine Verbindung zur Kopftuchdebatte. Seit der Entscheidung zum Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst gebe es auf einschlägigen Internetseiten Hetze und Verleumdungen. „Marwa ist das bisher tragischste Opfer unserer muslimischen Schwestern, die unter Demütigungen, Verdächtigungen und Diskriminierungen zu leiden haben“, heißt es.

Auch der Zentralrat der Juden hat Islamophobie für die Dresdner Tat verantwortlich gemacht. Generalsekretär Stephan Kramer hatte zusammen mit Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime am Montag den schwerverletzten Mann El-Sherbinis besucht. Am Freitag werden die deutschen Muslime der Toten während des Freitagsgebets gedenken. Die Mitgliedsverbände des Zentralrats wollen ihren Imamen nahelegen, Bittgebete für die Hinterbliebenen zu sprechen.

Wie reagiert Ägypten auf die Tat?

In Ägypten ist Marwa El-Sherbini die „Kopftuchmärtyrerin“. Viele Zeitungen berichteten über ihre Beerdigung auf der ersten Seite. „Deutsche sind die Feinde Gottes“, skandierten tags darauf drei Dutzend Demonstranten vor der Deutschen Botschaft in Kairo. Der Bruder der Toten sagte dem Fernsehsender Al Arabiya, seine Schwester sei getötet worden „nur weil sie ein Kopftuch trug“. Der Vorfall zeige, dass Extremismus nicht auf eine Religion begrenzt sei – und nicht einzig von Muslimen ausgehe. „Sie war eine fromme Frau, die wegen ihres Glaubens starb.“

Auch ägyptische Kommentatoren reagierten eher nachdenklich. Marwa sei ein Opfer der westlichen Islamophobie geworden, schreibt die regierungstreue „Egyptian Gazette“. „Aber auch wir Muslime müssen uns fragen, warum wir nicht besser in der Lage sind, den wahren Kern des Islam verständlich zu machen.“ Andere rieben sich an den deutschen Reaktionen. „Was für einen Aufruhr hätte es gegeben, wenn Marwa eine Jüdin gewesen wäre“, schrieb die Tagesszeitung „Al-Shorouk“. Ein Blatt erinnerte daran, wie empört der Westen reagiert habe, als ein muslimischer Fanatiker 2004 den Filmemacher Theo van Gogh auf offener Straße erschoss.

Ägyptens Regierung hält sich weiter bedeckt. Der höchste muslimische Kleriker warnte davor, den Fall aufzubauschen und als Indikator für generelle Muslimfeindlichkeit zu werten. Großmufti Scheich Mohammed Tantawi äußerte die Hoffnung, die Tat werde den Dialog zwischen dem Westen und dem Islam nicht negativ beeinflussen.

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