Dresdner Musikfestspiele 2013 : Hier trifft sich die Welt

„Empire“ lautet der Schlüsselbegriff der Dresdner Musikfestspiele 2013. Im Gespräch erklärt Intendant Jan Vogler, warum sich Länder nicht durch Krieg, aber durch Kultur erobern lassen – und wie er dramaturgische Netze knüpft.

Jan Vogler, geboren 1964, gehört weltweit zu den gefragtesten Cellovirtuosen. 2008 übernahm er die Leitung der Dresdner Musikfestspiele.
Jan Vogler, geboren 1964, gehört weltweit zu den gefragtesten Cellovirtuosen. 2008 übernahm er die Leitung der Dresdner...Foto: Jim Rakete

Herr Vogler, Sie hatten seit Ihrem Amtsantritt schon die ganze Welt zu Gast in Dresden. Los ging es 2009 mit dem Themenschwerpunkt Amerika, dann folgten Russland und Asien, im vergangenen Jahr ging es um Zentraleuropa. Wohin wenden Sie sich 2013?
Nach den geografisch konzipierten Themen der letzten Jahre bieten wir mit dem Themenschwerpunkt „Empire“ einen neuen programmatischen Blickwinkel an. Dabei geht es nicht nur um Großbritannien, sondern auch um das, was dieses einstige Weltreich bis heute bewirkt. Die Historie vernarbt, die Kulturgeschichte aber strahlt über die Jahrhunderte. So irrwitzig es ist zu glauben, man könne Länder durch Kriege erobern, so erfolgreich erobert man sie mit Musik. Beethoven hat im 20. Jahrhundert Asien erobert, erst Japan, dann China. Oder nehmen wir Edward Elgar. Hat auch nur jeder zehnte Musikstudent in China seinen Namen gehört, bedeutet das: Er ist heute populärer denn je.

Die typisch englische Telefonzelle, die auf dem Titel des Festivalprogramms zu sehen ist, verweist also nur auf den Ausgangspunkt ihrer programmatischen Überlegungen?

Ja, wir wollen viele Fäden knüpfen, die sich verbinden. Denn das britische Empire hat kulturell in die ganze Welt ausgestrahlt. Die kulturellen Samen, die einst von den eroberungswütigen Briten ausgestreut wurden, sind in der ganzen Welt aufgegangen. Bei uns kann der Hörer sie entdecken. Zum Beispiel beim Abschlusskonzert mit Rufus Wainwright und dem Residentie Orkest aus Rotterdam. Wainwright bringt solche aufgegangene Saat aus Kanada mit, wenn er Shakespeare-Sonette vertont. Shakespeare gehört der ganzen Welt. Bei den Festivalthemen interessiert mich immer der gedankliche Sprung über das hinaus, was sich sofort aufdrängt. Denn es soll ja nicht platt werden. Natürlich könnte ich es mir leicht machen und einfach nur die Ensembles einladen, die einem sofort einfallen beim Thema Großbritannien. Doch die gedankliche Spannbreite macht so ein Festival erst spannend: Von Benjamin Brittens „War Requiem“ in der wieder aufgebauten Frauenkirche bis hin zum Ukulele Orchestra of Great Britain, von Rufus Wainwright bis zum New York Philharmonic...

...das Sie als Residenzorchester verpflichtet haben...

Meine Freundschaft mit dem Orchester entstand 2005 zufälligerweise in Dresden, als wir gemeinsam zur Eröffnung der Frauenkirche unter Lorin Maazels Leitung gespielt haben. Ich mag das Orchester sehr, vor allem auch aufgrund seiner starken rhythmischen Energie. Es ist ein Orchester, das nicht unbedingt mit den gleichen Mitteln arbeitet wie europäische Orchester, das andere Stärken hat, das sehr an Strukturen interessiert ist. Das macht ein Gastspiel in Europa spannend. 2011 war das New York Philharmonic erstmals bei den Dresdner Musikfestspielen zu Gast. Schon damals stand für uns fest, dass wir die Musiker für eine Residenz gewinnen wollten.

Sie leben ja selber abwechselnd in New York und in Deutschland.

Für mich war eine Motivation, nach New York zu ziehen, die jüdische intellektuelle Tradition, die dort noch zu finden ist. Berlin hat immer stark gelitten an dem Verlust der intellektuellen Kraft, eine Folge der Nazizeit. Vieles von dem Verlorenen habe ich in New York wieder gefunden, gerade auch in diesem Orchester. Zudem ist es eine irrsinnig internationale Truppe, die damit natürlich das heutige Leben im Schmelztiegel New York widerspiegelt.

Und dieses kosmopolitische Flair bringen die Musiker natürlich nach Dresden mit.

Wir wollen ein Festival werden, zu dem man von weit her anreist. Die Dresdner konnten wir gewinnen, jetzt wollen wir ein Magnet für ganz Europa werden. Das ist auch ein Zeichen des Stolzes. Wir haben legendäre Spielorte wie die Semperoper und die Frauenkirche, und wir haben den Anspruch, international vorne mitzuspielen. Wir werden daher neben den beiden Konzerten in Dresden ein drittes in Berlin veranstalten. Wir wollen in der Hauptstadt internationales Publikum für die Musikfestspiele begeistern.

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