Drogenkrieg in Mexiko : Bürger bekämpfen die Mafia

Jahrelang haben sie unter der Drogenmafia gelitten, zahlten Lösegelder, sahen dem Morden machtlos zu. Doch nun greifen Bürger im mexikanischen Bundesstaat Michoacán zu den Waffen. Weil der Staat sie nicht schützt, sorgen sie eigenmächtig für Sicherheit.

Selbstverteidigung. So nennen die teils recht jungen Mitglieder der Bürgerwehr ihren schwer bewaffneten Kampf gegen die Drogenmafia. Foto: Philipp Lichterbeck
Selbstverteidigung. So nennen die teils recht jungen Mitglieder der Bürgerwehr ihren schwer bewaffneten Kampf gegen die...

Leo Sánchez nimmt das Mikrofon nur zögernd, senkt den Blick, starrt auf die Spitzen seiner Cowboystiefel. Dann sagt er mit unbewegter Miene: „Die Tempelritter haben meinen Vater und meinen Bruder umgebracht. Ich danke der Bürgerwehr, dass der Terror ein Ende hat und wir unser Land wiederbekommen.“ Die Menge auf dem Dorfplatz von Tancítaro applaudiert. So wie bei jedem der Bauern, die nun einer nach dem anderen vortreten und mit ausdruckslosen Stimmen berichten, was ihnen angetan wurde.

Sie rufen: Viva Mexico!

In kurzen Reden fassen sie lange Geschichten des Leids zusammen. Sie handeln von vielfachem Mord, Raub und vor allem von einem Gefühl der Ohnmacht. Einer mit Schnauzer und breitkrempigem Hut erzählt, wie er an einen Baum gekettet und 24 Stunden lang misshandelt wurde. Er hatte seine eigene Avocadoplantage betreten, nachdem die Mafia ihn zuvor enteignet hatte. „Ich hoffe, dass unsere Selbstverteidigungskräfte keinen Schritt zurückweichen und eine neue Zeit für Tancítaro angebrochen ist“, sagt er. „Viva México!“ Die Menge antwortet: „Viva!“

Tancítaro, ein Dorf mit 5000 Einwohnern, liegt in den Bergen des westlichen mexikanischen Bundesstaats Michoacán. Es ist umgeben von ausgedehnten, hellgrün im Mittagslicht schimmernden Avocadoplantagen, fast jeder hier hat mit Anbau, Ernte und Vermarktung der kostbaren Frucht zu tun, am Ortseingang steht sogar eine Avocadoskulptur. Doch ein ländliches Idyll ist Tancítaro nie gewesen.

Jahrelang wurde die Gemeinde vom Drogenkartell „Família Michoacána“ beherrscht. Es spezialisierte sich auf die Herstellung synthetischer Drogen und vertrieb das konkurrierende und für seine Brutalität berüchtigte Kartell der Zetas aus Michoacán, was ihm zunächst große Sympathie in der Bevölkerung eintrug. Dann änderte die Família jedoch ihre Strategie.

Wer sich wehrte, wurde terrorisiert

Weil der seit 2006 tobende Drogenkrieg dem Kartell die Geschäfte erschwerte, verlegte die Família sich auf die Erpressung von Schutzgeldern, Raub und Entführungen. Alle mussten Abgaben oder Lösegelder zahlen, vom kleinen Tortillaverkäufer über den Taxifahrer bis hin zum Großbauern. Im Jahr 2011 übernahm schließlich eine Abspaltung der Família die Macht in vielen Orten Michoacáns: die „Caballeros Templarios“, die Tempelritter. Sie setzten das alte Geschäftsmodell fort und vielerorts half ihnen die Polizei. In Tancítaro erschienen manchmal Beamte und erklärten eine Plantage samt Maschinen für enteignet. Wer sich wehrte, wurde terrorisiert.

Bis im Februar 2013 die Selbstverteidigungskräfte, „Autodefensas de Michoacán“, die ersten Orte von den Caballeros Templarios zurückzuerobern begannen. Seitdem sind sie auf dem Vormarsch.

Es ist die jüngste Entwicklung im acht Jahre andauernden mexikanischen Drogenkrieg, in dem je nach Schätzung zwischen 70 000 und 120 000 Menschen umgekommen sind. Einfache Bürger greifen zu den Waffen, weil sie einem Staat nicht mehr trauen, der zwar mehr Sicherheit verspricht, aber immer mehr Unsicherheit schafft. In Michoacán, wo der Staat sogar zum Komplizen der Mafia geworden war, übernehmen sie nun seine Aufgabe und schützen ihre Mitbürger. Die Autodefensas sind es auch, die zu der Zeremonie auf dem Dorfplatz von Tancítaro geladen haben, bei der 25 Familien ihr Land zurück erhalten. Unter ihnen ist auch die Familie des 28-jährigen Leo Sánchez, der sich noch einmal an das Schreckliche erinnert, das die Mafia ihnen angetan hat.

Männer mit Gewehren stiegen aus

„Es war ein Freitag vor vier Jahren“, sagt er. „80 000 Pesos Schutzgeld sollten wir zahlen“, umgerechnet 4000 Euro. „Wir besaßen damals zwei Avocadoplantagen mit insgesamt 23 Hektar. Aber wir hatten das Geld einfach nicht.“ Am darauffolgenden Montag kam ein Truck ohne Kennzeichen auf das Grundstück der Familie gefahren. „Drei Männer mit Gewehren stiegen aus“, sagt Leo Sánchez. „Sie nahmen meinen Vater und meinen kleinen Bruder mit.“ Nach der Entführung fuhr Leo Sánchez nach Morelia, die 170 Kilometer entfernte Landeshauptstadt Michoacáns, und bat auf dem dortigen Armeestützpunkt um Hilfe. Das Militär galt lange Zeit in Mexiko als letzte vertrauenswürdige Institution. Aber die Soldaten lachten Sánchez aus. Nichts geschah.

Sechs Monate später wurden die verscharrten Leichen gefunden. Sánchez’ Vater war erschossen worden, den Bruder hatte man erstickt. Leo Sánchez floh mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und seiner Mutter aus Michoacán. Mittellos zogen sie in ein Armenviertel der Millionenstadt Guadalajara, während die Tempelritter die Familienranch in Beschlag nahmen. Nun, nachdem die Mafia aus Tancítaro vertrieben ist, würde Leo Sánchez gerne zurückkehren. „Aber wir wollen erst einmal abwarten, wie sich die Situation entwickelt und ob die Bürgerwehr sich halten kann.“

Überall: Gewalt, Korruption, Rechtlosigkeit

Wer durch Michoacán reist, hört Geschichten wie die von Leo Sánchez dutzendfach. Es ist ein von der Mafia versehrtes Land. Offizielle Behörden sahen weg – oder machten mit. Einige Männer, die sich zu Leo Sánchez gesellen, sagen, dass mit den Einnahmen der Mafia die Wahlkämpfe von Politikern bis hin zum Gouverneur finanziert wurden. Michoacán, einer der schönsten Bundesstaaten Mexikos mit bis zu 4000 Meter hohen Bergen, fruchtbaren Ebenen, Stränden und einer großen indigenen Bevölkerung, gilt nicht umsonst als Wilder Westen Mexikos: schwer zu überschauen, voller Waffen und mit einer langen Geschichte von Gewalt, Korruption und Rechtlosigkeit.

Gegen Ende der Zeremonie in Tancítaro ergreift einer der Anführer der Bürgerwehr das Wort. Estanislao Beltrán wird wegen seines Rauschebarts und seiner gedrungenen Statur auch „Papa Schlumpf“ gerufen. Doch der nette Spitzname täuscht. Der 55-Jährige führt eine Truppe von schwer bewaffneten Zivilisten an, ihre Zahl wird mittlerweile auf 20 000 geschätzt, Tendenz steigend.

Das Dorf Tancítaro eroberten die Autodefensas nach schweren Kämpfen im November. Sie vertrieben die Tempelritter, die in die Berge flüchteten, und setzten die Ortspolizisten fest. Am Dorfplatz stehen die Polizeiwagen, auf denen nun hinter dem Wort „Polícia“ der Zusatz „Comunitaria“ steht: Bürgerpolizei. Maskierte und schwer bewaffnete Autodefensas bewachen alle Zufahrtsstraßen zum Ort.

Die Entwaffnung der Bürgerwehr scheiterte

Erst vor wenigen Tagen nahmen sie dann die 35 000 Einwohner zählende Stadt Nueva Italia in der Nähe ein. Sie ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der heißen Ebene Michoacáns, liegt auf dem Weg zwischen Mexiko-Stadt und Lázaro Cárdenas, einem der größten Frachthäfen Lateinamerikas. Die Regierung reagierte überstürzt. Jahrelang hatte sie untätig dem Konflikt zugeschaut, nun entsandte sie schwer bewaffnete Einheiten der Bundespolizei und der Armee, um die Autodefensas zu entwaffnen. Eine weitere bewaffnete Gruppe auf mexikanischem Boden könne man auf keinen Fall dulden, hieß es aus dem Präsidentenpalast.

Doch die Entwaffnung der Autodefensas scheiterte. Die Bevölkerung fragte sich, warum ausgerechnet die Bürgerwehr ihre Waffen abgeben sollte, aber nicht die Tempelritter, die immer noch viele Städte in Michoacán beherrschen. Die Menschen stellten sich vor ihre Beschützer und bei den Tumulten erschossen Soldaten mehrere Bewohner, darunter ein elfjähriges Mädchen.

„Ohne Waffen würden uns die Tempelritter massakrieren“, rechtfertigt Estanislao Beltrán die Weigerung der Autodefensas, ihre Waffen abzugeben. Er werde erst Ruhe geben, wenn alle 113 Gemeinden Michoacáns von den Tempelrittern gereinigt seien – versprochen. Man sei zwar willens mit Armee und Bundespolizei zusammenzuarbeiten, aber dazu müsse die Regierung erst einen Vertrauensbeweis liefern und die sieben Anführer der Mafia festnehmen. Das Gerücht, dass seine Truppen vom Drogenkartell aus dem benachbarten Bundesstaat Jalisco unterwandert sei, weist Estanislao Beltrán zurück. Tatsächlich gibt es dafür keine Beweise.

Sie entführten und vergewaltigten die Frauen

Doch wie ist es möglich, dass einfache Zivilisten einen ganzen Staat aufrollen und plötzlich als Lösung für einen komplexen Konflikt erscheinen? Der Impuls zur Gründung der Autodefensas ging von mehreren Viehhaltern aus. In ihren Gemeinden hatten die Tempelritter begonnen, Frauen und Mädchen zu entführen und zu vergewaltigen, von denen viele schwanger zurückkamen. Die Bauern schlossen sich der Untergrundbewegung an. Mit allen verfügbaren Waffen überraschten sie die Tempelritter, töteten zahlreiche von ihnen, nahmen ihnen die Kalaschnikows ab, errichteten an allen Einfallstraßen Kontrollpunkte und erklärten die Ortschaften für befreit. Nun, ein Jahr später, rücken die Autodefensas zur wichtigen Regionalhauptstadt Apatzingán vor. Sie gilt als „Hauptstadt der Tempelritter“.

Wegen der Offensive herrscht auch an einem Kontrollpunkt im nahen Nueva Italia große Hektik. Sandsäcke bilden Barrikaden am Straßenrand, drum herum tränken drei Dutzend Männer Wolle in Petroleum und stecken sie in Blechkanister. Nachts zündeten sie die Wolle an, um die Straße zu erleuchten, sagt einer, erst 18 Jahre alt. Lässig trägt er sein US-Sturmgewehr AR-15 um die Schulter.

Ohnehin stellen die Autodefensas alle möglichen Waffen zur Schau, von Pistolen über Kalaschnikows bis zu schweren Maschinengewehren. Auch ein mit Stahlplatten gepanzerter Geländewagen steht am Straßenrand, in seinen Seiten sind mehrere Einschusslöcher zu sehen. Die Männer sagen, dass sie die Waffen den Tempelrittern abgenommen oder geschenkt bekommen haben. Doch es ist kein Geheimnis, dass verschiedene Unternehmer der Region die Autodefensas finanziell unterstützen.

Sie fürchten kolumbianische Verhältnisse

Erste Stimmen warnen deshalb bereits, dass sich auf mexikanischem Boden das kolumbianische Szenario wiederhole. Dort hatten Großgrundbesitzer in den 90er Jahren Privatarmeen aufgestellt, um sich gegen die FARC-Guerilla und das Medellin-Kartell zu schützen. Die Truppen verselbstständigten sich jedoch, verübten zahlreiche Gräueltaten an Zivilisten und sind heute die größten Kokainhändler des Landes.

Die Anführer der mexikanischen Autodefensas betonen jetzt erschrocken, dass man die kolumbianische Erfahrung nicht wiederholen wolle. Und der Kommandeur einer Barrikade in Nueva Italia spricht schlicht vom „Job“, den man zu machen haben.

Bevor der 46-jährige Adolfo Rosales zur Kalaschnikow griff, war er ein Tagelöhner, der sich auf den Zitronenfeldern rund um Nueva Italia verdingte. „Wenn ich 100 Pesos am Tag verdiente, musste ich 30 Pesos an die Tempelritter zahlen“, sagt er. Manchmal zwangen die Tempelritter seine Arbeitgeber auch, eine Ernte verrotten zu lassen, damit der Preis der Früchte stieg, die sie anderen Bauern wiederum unter dem Marktpreis abnahmen. „Dann war ich ohne Arbeit“, sagt Adolfo Rosales. „Zum Glück haben wir den Mut gefunden, uns zu wehren.“ Kämpferischer Stolz ist es, den man bei den meisten der Männer findet.

Die Bevölkerung traut der Bürgerwehr

Rosales trägt eine Wollmaske, um von seinen Feinden nicht erkannt zu werden. Aber viele Männer zeigen ihre Gesichter. Als ein waffenstarrender Konvoi der Bundespolizei vorbeifährt, ignorieren sich beide Seiten. Geschätzt 50 000 Männer sollen in Michoacán inzwischen insgesamt unter Waffen stehen. Aber wie es scheint, vertraut die Bevölkerung einzig der Bürgerwehr.

Eine junge Frau kommt zur Barrikade und händigt Kalaschnikow-Magazine aus, die Männer stecken sie in ihre Westen. Wenig später hält ein Truck. Eine Familie bringt Verpflegung: Tortillas, Reis, geschnittenes Fleisch. Der Mann am Steuer erzählt, dass sein 23-jähriger Bruder von den Tempelrittern entführt und ermordet wurde, obwohl man das Lösegeld bezahlt habe.

Er sagt: „Dank der Autodefensas kann man wieder atmen.“

Erschienen auf der Dritten Seite

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