Die Autodefensas rücken vor - bis zur „Hauptstadt der Tempelritter“.

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Drogenkrieg in Mexiko : Bürger bekämpfen die Mafia

Das Dorf Tancítaro eroberten die Autodefensas nach schweren Kämpfen im November. Sie vertrieben die Tempelritter, die in die Berge flüchteten, und setzten die Ortspolizisten fest. Am Dorfplatz stehen die Polizeiwagen, auf denen nun hinter dem Wort „Polícia“ der Zusatz „Comunitaria“ steht: Bürgerpolizei. Maskierte und schwer bewaffnete Autodefensas bewachen alle Zufahrtsstraßen zum Ort.

Die Entwaffnung der Bürgerwehr scheiterte

Erst vor wenigen Tagen nahmen sie dann die 35 000 Einwohner zählende Stadt Nueva Italia in der Nähe ein. Sie ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der heißen Ebene Michoacáns, liegt auf dem Weg zwischen Mexiko-Stadt und Lázaro Cárdenas, einem der größten Frachthäfen Lateinamerikas. Die Regierung reagierte überstürzt. Jahrelang hatte sie untätig dem Konflikt zugeschaut, nun entsandte sie schwer bewaffnete Einheiten der Bundespolizei und der Armee, um die Autodefensas zu entwaffnen. Eine weitere bewaffnete Gruppe auf mexikanischem Boden könne man auf keinen Fall dulden, hieß es aus dem Präsidentenpalast.

Doch die Entwaffnung der Autodefensas scheiterte. Die Bevölkerung fragte sich, warum ausgerechnet die Bürgerwehr ihre Waffen abgeben sollte, aber nicht die Tempelritter, die immer noch viele Städte in Michoacán beherrschen. Die Menschen stellten sich vor ihre Beschützer und bei den Tumulten erschossen Soldaten mehrere Bewohner, darunter ein elfjähriges Mädchen.

„Ohne Waffen würden uns die Tempelritter massakrieren“, rechtfertigt Estanislao Beltrán die Weigerung der Autodefensas, ihre Waffen abzugeben. Er werde erst Ruhe geben, wenn alle 113 Gemeinden Michoacáns von den Tempelrittern gereinigt seien – versprochen. Man sei zwar willens mit Armee und Bundespolizei zusammenzuarbeiten, aber dazu müsse die Regierung erst einen Vertrauensbeweis liefern und die sieben Anführer der Mafia festnehmen. Das Gerücht, dass seine Truppen vom Drogenkartell aus dem benachbarten Bundesstaat Jalisco unterwandert sei, weist Estanislao Beltrán zurück. Tatsächlich gibt es dafür keine Beweise.

Sie entführten und vergewaltigten die Frauen

Doch wie ist es möglich, dass einfache Zivilisten einen ganzen Staat aufrollen und plötzlich als Lösung für einen komplexen Konflikt erscheinen? Der Impuls zur Gründung der Autodefensas ging von mehreren Viehhaltern aus. In ihren Gemeinden hatten die Tempelritter begonnen, Frauen und Mädchen zu entführen und zu vergewaltigen, von denen viele schwanger zurückkamen. Die Bauern schlossen sich der Untergrundbewegung an. Mit allen verfügbaren Waffen überraschten sie die Tempelritter, töteten zahlreiche von ihnen, nahmen ihnen die Kalaschnikows ab, errichteten an allen Einfallstraßen Kontrollpunkte und erklärten die Ortschaften für befreit. Nun, ein Jahr später, rücken die Autodefensas zur wichtigen Regionalhauptstadt Apatzingán vor. Sie gilt als „Hauptstadt der Tempelritter“.

Wegen der Offensive herrscht auch an einem Kontrollpunkt im nahen Nueva Italia große Hektik. Sandsäcke bilden Barrikaden am Straßenrand, drum herum tränken drei Dutzend Männer Wolle in Petroleum und stecken sie in Blechkanister. Nachts zündeten sie die Wolle an, um die Straße zu erleuchten, sagt einer, erst 18 Jahre alt. Lässig trägt er sein US-Sturmgewehr AR-15 um die Schulter.

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