Die Männer sagen: Zum Glück haben wir den Mut gefunden

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Drogenkrieg in Mexiko : Bürger bekämpfen die Mafia

Ohnehin stellen die Autodefensas alle möglichen Waffen zur Schau, von Pistolen über Kalaschnikows bis zu schweren Maschinengewehren. Auch ein mit Stahlplatten gepanzerter Geländewagen steht am Straßenrand, in seinen Seiten sind mehrere Einschusslöcher zu sehen. Die Männer sagen, dass sie die Waffen den Tempelrittern abgenommen oder geschenkt bekommen haben. Doch es ist kein Geheimnis, dass verschiedene Unternehmer der Region die Autodefensas finanziell unterstützen.

Sie fürchten kolumbianische Verhältnisse

Erste Stimmen warnen deshalb bereits, dass sich auf mexikanischem Boden das kolumbianische Szenario wiederhole. Dort hatten Großgrundbesitzer in den 90er Jahren Privatarmeen aufgestellt, um sich gegen die FARC-Guerilla und das Medellin-Kartell zu schützen. Die Truppen verselbstständigten sich jedoch, verübten zahlreiche Gräueltaten an Zivilisten und sind heute die größten Kokainhändler des Landes.

Die Anführer der mexikanischen Autodefensas betonen jetzt erschrocken, dass man die kolumbianische Erfahrung nicht wiederholen wolle. Und der Kommandeur einer Barrikade in Nueva Italia spricht schlicht vom „Job“, den man zu machen haben.

Bevor der 46-jährige Adolfo Rosales zur Kalaschnikow griff, war er ein Tagelöhner, der sich auf den Zitronenfeldern rund um Nueva Italia verdingte. „Wenn ich 100 Pesos am Tag verdiente, musste ich 30 Pesos an die Tempelritter zahlen“, sagt er. Manchmal zwangen die Tempelritter seine Arbeitgeber auch, eine Ernte verrotten zu lassen, damit der Preis der Früchte stieg, die sie anderen Bauern wiederum unter dem Marktpreis abnahmen. „Dann war ich ohne Arbeit“, sagt Adolfo Rosales. „Zum Glück haben wir den Mut gefunden, uns zu wehren.“ Kämpferischer Stolz ist es, den man bei den meisten der Männer findet.

Die Bevölkerung traut der Bürgerwehr

Rosales trägt eine Wollmaske, um von seinen Feinden nicht erkannt zu werden. Aber viele Männer zeigen ihre Gesichter. Als ein waffenstarrender Konvoi der Bundespolizei vorbeifährt, ignorieren sich beide Seiten. Geschätzt 50 000 Männer sollen in Michoacán inzwischen insgesamt unter Waffen stehen. Aber wie es scheint, vertraut die Bevölkerung einzig der Bürgerwehr.

Eine junge Frau kommt zur Barrikade und händigt Kalaschnikow-Magazine aus, die Männer stecken sie in ihre Westen. Wenig später hält ein Truck. Eine Familie bringt Verpflegung: Tortillas, Reis, geschnittenes Fleisch. Der Mann am Steuer erzählt, dass sein 23-jähriger Bruder von den Tempelrittern entführt und ermordet wurde, obwohl man das Lösegeld bezahlt habe.

Er sagt: „Dank der Autodefensas kann man wieder atmen.“

Erschienen auf der Dritten Seite

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