Er bat das Militär um Hilfe. Sie lachten ihn aus

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Drogenkrieg in Mexiko : Bürger bekämpfen die Mafia

Es ist die jüngste Entwicklung im acht Jahre andauernden mexikanischen Drogenkrieg, in dem je nach Schätzung zwischen 70 000 und 120 000 Menschen umgekommen sind. Einfache Bürger greifen zu den Waffen, weil sie einem Staat nicht mehr trauen, der zwar mehr Sicherheit verspricht, aber immer mehr Unsicherheit schafft. In Michoacán, wo der Staat sogar zum Komplizen der Mafia geworden war, übernehmen sie nun seine Aufgabe und schützen ihre Mitbürger. Die Autodefensas sind es auch, die zu der Zeremonie auf dem Dorfplatz von Tancítaro geladen haben, bei der 25 Familien ihr Land zurück erhalten. Unter ihnen ist auch die Familie des 28-jährigen Leo Sánchez, der sich noch einmal an das Schreckliche erinnert, das die Mafia ihnen angetan hat.

Männer mit Gewehren stiegen aus

„Es war ein Freitag vor vier Jahren“, sagt er. „80 000 Pesos Schutzgeld sollten wir zahlen“, umgerechnet 4000 Euro. „Wir besaßen damals zwei Avocadoplantagen mit insgesamt 23 Hektar. Aber wir hatten das Geld einfach nicht.“ Am darauffolgenden Montag kam ein Truck ohne Kennzeichen auf das Grundstück der Familie gefahren. „Drei Männer mit Gewehren stiegen aus“, sagt Leo Sánchez. „Sie nahmen meinen Vater und meinen kleinen Bruder mit.“ Nach der Entführung fuhr Leo Sánchez nach Morelia, die 170 Kilometer entfernte Landeshauptstadt Michoacáns, und bat auf dem dortigen Armeestützpunkt um Hilfe. Das Militär galt lange Zeit in Mexiko als letzte vertrauenswürdige Institution. Aber die Soldaten lachten Sánchez aus. Nichts geschah.

Sechs Monate später wurden die verscharrten Leichen gefunden. Sánchez’ Vater war erschossen worden, den Bruder hatte man erstickt. Leo Sánchez floh mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und seiner Mutter aus Michoacán. Mittellos zogen sie in ein Armenviertel der Millionenstadt Guadalajara, während die Tempelritter die Familienranch in Beschlag nahmen. Nun, nachdem die Mafia aus Tancítaro vertrieben ist, würde Leo Sánchez gerne zurückkehren. „Aber wir wollen erst einmal abwarten, wie sich die Situation entwickelt und ob die Bürgerwehr sich halten kann.“

Überall: Gewalt, Korruption, Rechtlosigkeit

Wer durch Michoacán reist, hört Geschichten wie die von Leo Sánchez dutzendfach. Es ist ein von der Mafia versehrtes Land. Offizielle Behörden sahen weg – oder machten mit. Einige Männer, die sich zu Leo Sánchez gesellen, sagen, dass mit den Einnahmen der Mafia die Wahlkämpfe von Politikern bis hin zum Gouverneur finanziert wurden. Michoacán, einer der schönsten Bundesstaaten Mexikos mit bis zu 4000 Meter hohen Bergen, fruchtbaren Ebenen, Stränden und einer großen indigenen Bevölkerung, gilt nicht umsonst als Wilder Westen Mexikos: schwer zu überschauen, voller Waffen und mit einer langen Geschichte von Gewalt, Korruption und Rechtlosigkeit.

Gegen Ende der Zeremonie in Tancítaro ergreift einer der Anführer der Bürgerwehr das Wort. Estanislao Beltrán wird wegen seines Rauschebarts und seiner gedrungenen Statur auch „Papa Schlumpf“ gerufen. Doch der nette Spitzname täuscht. Der 55-Jährige führt eine Truppe von schwer bewaffneten Zivilisten an, ihre Zahl wird mittlerweile auf 20 000 geschätzt, Tendenz steigend.

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