Zeitung Heute : Drohende Freundschaft

Blitzbesuche, Telefonate, Verführungen und Verlockungen: Die unentschiedenen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats stehen gewaltig unter Druck. Zum Beispiel die Mexikaner. Jetzt zeige sich, sagen die USA, ob sie wirklich gute Nachbarn sind. Ein Bericht aus einem Land in der Zwickmühle.

Annabel Wahba[Mexiko-Stadt]

Von Annabel Wahba,

Mexiko-Stadt

Luis Ernesto Derbez ist ein Mann mit guten Manieren. Er ist groß und schlank und trägt stets ein feines Lächeln auf den Lippen. Wüsste man nicht, dass er mexikanischer Außenminister ist, würde man ihn für einen englischen Gentleman halten. In seinem makellosen Anzug und mit den streng nach hinten gekämmten Haaren ist er ganz das Gegenstück zum Präsidenten Vicente Fox, der einen Schnurrbart trägt und sich am liebsten in Cowboystiefeln zeigt.

Außenminister Derbez lächelt selbst dann noch, wenn zwei Friedensaktivisten mit strubbeligen Haaren vor laufenden Kameras seine Pressekonferenz sprengen und Plakate mit dem Schriftzug „Nein zum Krieg“ entrollen. Der Außenminister hat sich vor ein paar Tagen im „Club der Industriellen“ im Marriott-Hotel von Mexiko-Stadt mit den Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses getroffen, um über Mexikos Position im Irak-Konflikt zu beraten. Normalerweise treffen sich hier mexikanische Unternehmer, um bei einer Zigarre über Geschäfte zu reden oder Domino zu spielen. Doch an diesem Tag wird hier über ein Thema von essenzieller Bedeutung debattiert. Es geht um das Verhältnis zum mächtigen Nachbarn USA.

Den Saaldienern muss aufgefallen sein, dass der 21-jährige Mann und die 20-jährige Frau, beide Politikstudenten, unmöglich Abgeordnete oder Journalisten sein können – wer von diesen Leuten trägt schon eine Anstecknadel mit der irakischen Fahne auf der Brust? –, aber man hat sie dennoch eingelassen. Während also der mexikanische Außenminister seine Statements der letzten Tage wiederholt, halten die beiden Studenten ihre Plakate hoch. Derbez sieht sie, spricht aber unbeeindruckt weiter: Mexiko habe noch nicht entschieden, welches Votum es im Sicherheitsrat abgeben werde, und lasse sich dabei keinesfalls von den „bilateralen Beziehungen zu den USA“ leiten. Am Ende seiner Rede lässt er dann den Friedensaktivisten ein Mikrofon bringen, damit sie laut und deutlich sagen können, dass sie gegen einen Militärschlag sind. Dann küsst Luis Ernesto Derbez die junge Frau mit den rot gefärbten Haaren und schüttelt ihrem verdutzten Kommilitonen die Hand. Mit einer derartigen Begrüßung hatten die beiden wirklich nicht gerechnet. Presse und Fernsehen klatschen begeistert Beifall.

Diese Episode im Marriott-Hotel ist natürlich nicht nur den guten Manieren des mexikanischen Außenministers zuzuschreiben. Sie ist vor allem ein Beispiel für den Eiertanz, den die mexikanische Regierung zurzeit vollführt. Einerseits gibt man sich volksnah und zeigt sich gerne in der Gesellschaft von Pazifisten, andererseits ist man peinlich darauf bedacht, sich in der Irakfrage nicht festzulegen, um bloß die USA nicht zu verärgern.

Mexiko gehört zu den sechs unentschiedenen, nicht-permanenten Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates. Seit Tagen sind die Befürworter und die Gegner einer militärischen Intervention im Irak darum bemüht, diese Länder – neben Mexiko gelten auch Chile, Pakistan, Angola, Guinea und Kamerun als mehr oder weniger unentschieden – auf ihre Seite zu ziehen. Der französische Außenminister Villepin reist zu Blitzbesuchen nach Afrika, Präsident Bush telefoniert mit den Präsidenten von Mexiko und Chile. Was da konkret an Wirtschaftshilfen versprochen wird, weiß keiner so genau. Aber natürlich werden jetzt wieder die Geschichten erzählt von der letzten UN-Abstimmung über einen Angriff auf den Irak 1990. Damals hatte Jemen mit Nein gestimmt. Und gleich nach der Sitzung soll die UN-Delegation der USA den Diplomaten des Jemen gesagt haben: „Das war die teuerste Stimme, die ihr je abgeben habt.“ Kurz darauf strichen die USA dem Jemen die Entwicklunsgshilfe in Höhe von etwa 60 Millionen US-Dollar.

Keines der bislang unentschiedenen Länder ist derart abhängig von einem anderen Land wie Mexiko von den USA. Mehr als 80 Prozent der mexikanischen Exportgüter gehen in die USA. Die beiden Länder haben eine 3000 Kilometer lange Grenze, und seit Jahren verhandelt Mexiko mit den USA über eine menschenwürdige Behandlung illegaler Einwanderer, denn in Arizona zum Beispiel sterben immer wieder Mexikaner beim Grenzübertritt, weil dort auf Illegale scharf geschossen wird. In den USA arbeiten drei bis vier Millionen Mexikaner ohne Erlaubnis, und das ist eine der wichtigsten Einnahmequellen ihres Heimatlandes, ganze Dorfgemeinschaften leben von dem Geld, das Verwandte aus den USA schicken. Eines der wichtigsten Ziele der mexikanischen Regierung ist eine US-Amnestie für illegale Arbeiter.

Bisher hat die US-Regierung keine offene Drohung an unentschiedene Länder ausgesprochen, aber es gibt Andeutungen. So hat der US-Botschafter in Mexiko, Antonio Garza, gesagt, in schwierigen Zeiten wie diesen könne man erkennen, wer die wahren Freunde sind. Den berühmten mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes hat das zu regelrechten Hasstiraden animiert. Bei der Vorstellung seines neuen Buchs nannte er den US-Botschafter eine „unbedeutende“ Person, die es nicht einmal wert ist, zur Persona non grata erklärt zu werden. „Mexiko wird nicht in die Knie gehen.“ So ist die Frage, wie Mexiko im Sicherheitsrat abstimmen wird, vor allem zu einer patriotischen geworden. Den Mexikanern geht es darum zu zeigen, dass sie nicht die Knechte der USA sind.

Natürlich wird jede Äußerung von Präsident Bush genau analysiert. In einem Interview sagte er neulich, wenn Mexiko oder andere Länder sich gegen die USA stellten, werde es eine „gewisse Art von Disziplinierung“ geben. Die Mexikaner empfanden das als Drohung, und es half wenig, dass die US-Regierung danach beteuerte, mit dem Wort „Disziplinierung“ sei keineswegs Bestrafung gemeint. Und natürlich war der Aufruhr groß, als ein US-Geheimpapier an die Öffentlichkeit kam, in dem stand, die USA hätten Telefone und Computer der UN-Delegationen im Sicherheitsrat angezapft, um deren Abstimmungsverhalten auszuspionieren.

Die Politikstudentin Quetzal Belmont, die der Außenminister vor den Fernsehkameras geküsst hat, und ihr Freund Vladimir Cortes sind in Mexiko-Stadt kleine Helden geworden. Denn die Mehrheit der Mexikaner sieht in Bushs Irakpolitik vor allem eine Form von US-Imperialismus. Die beiden jungen Friedensaktivisten sitzen im Park des Stadtteils Coyoacan, wo einst die Malerin Frida Kahlo und auch Leo Trotzki lebten, und wundern sich immer noch über ihren Mut, mit dem sie da einfach die Pressekonferenz des Außenministers gesprengt haben. Hier in Coyoacan, wo die Häuser orange, rosa und grün sind, versammelt sich die Bohème von Mexiko-Stadt. Auf dem Platz vor der Kirche kann man Marihuana kaufen, überall riecht es nach Räucherstäbchen. Quetzal und Valdimir sind aus moralischen Gründen gegen einen Krieg und nicht etwa, weil sie Amerika nicht mögen. „Es gibt natürlich diese Rivalität, und wir Mexikaner schimpfen gerne über die Gringos.“ Vor der US-Botschaft in Mexiko-Stadt wurde die Straße sicherheitshalber schon mal mit Dutzenden übereinander gestapelter Metallgitter abgesperrt, damit Demonstrationen erst gar nicht möglich sind.

Noch am Montag hielt sich der mexikanische Präsident Vicente Fox bedeckt, wie sein Land abstimmen werde. Vor zwei Tagen mischte er sich bei einer Universitätsfeier unter die Studenten und hielt ein Papier in die Kameras, auf dem mit Kugelschreiber geschrieben stand: „Nein zum Krieg“. Das heißt aber noch lange nicht, dass Fox definitiv gegen die US-Position wäre. Nur ja nicht festlegen, heißt seine Devise. Denn kaum ein anderer Präsident steckt in einer derartigen Zwickmühle. Bisher unterhielt der frühere Coca-Cola-Manager hervorragende Beziehungen zu Bush. Die beiden verbindet nicht nur ihre Liebe zu Cowboystiefeln, sondern auch eine gute Freundschaft. In den letzten Wochen war Fox wegen seiner engen Bande zu US-Unternehmen in die Schlagzeilen geraten, denn ein Teil seines Wahlkampfs soll von Coca-Cola, McDonald’s und dem US-Konzern Enron finanziert worden sein, obwohl Wahlkampfspenden aus dem Ausland in Mexiko gesetzlich verboten sind.

Eigentlich kann sich in Mexiko keiner so recht vorstellen, dass Fox es wagen wird, Bush vor den Kopf zu stoßen. Aber auch ein Ja würde im Land für Aufruhr sorgen. So hoffen alle, dass Frankreich, Russland oder China ein Veto einlegen wird und Mexiko seine Stimme erst gar nicht abgeben muss. Denn die Folgen eines Neins, sagt ein mexikanischer Diplomat, könnten schlimmer sein, als es sich selbst Präsident Fox ausmalen kann.

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