Zeitung Heute : Drohender Ansturm auf Gymnasien

Der Tagesspiegel

Berlins Gymmnasien müssen sich bei den laufenden Anmeldungen der Grundschüler mit wesentlich mehr Bewerbern auseinandersetzen als früher: Die neuen Richtlinien zu den Grundschulgutachten haben dazu geführt, dass statt 30 jetzt 40 Prozent der Grundschüler eine Empfehlung für die Gymnasien bekommen haben. Dies geht aus einer Aufstellung des Landesschulamtes hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. Auffällig ist vor allem der Anstieg der „Spitzenschüler“ im Ost-Teil: Hier wird offenbar noch immer wesentlich freundlicher benotet als in den westlichen Bezirken.

In einigen Bezirken ist die Zahl der Gymnasialempfehlungen besonders dramatisch gestiegen. So waren es beispielsweise in Marzahn-Hellersdorf voriges Jahr 28,3, in diesem Jahr aber 45,4 Prozent der Sechstklässler, die das begehrte Papier in der Hand hielten. In Lichtenberg wuchs der Anteil um 16,4 Prozent, in Pankow um 17,2 Prozent und in Treptow-Köpenick um 16,3 Prozent auf den Berliner Rekordwert von 47,3 Prozent. In den meisten West-Bezirken lag die Veränderung nur zwischen einem Prozent (Steglitz-Zehlendorf) und 8,8 Prozent (Neukölln). Im Schnitt macht der Unterschied zum vergangenen Schuljahr genau zehn Prozent aus.

Die große Zuwachs bei den Gymnasialempfehlungen kommt dadurch zustande, dass seit diesem Schuljahr eine Gymnasialempfehlung automatisch gegeben werden muss, wenn der Notendurchschnitt der Schüler bei 2,2 oder besser liegt. Bisher haben Grundschullehrer offenbar häufig aus pädagogischen Gründen Einsen oder Zweien zu geben, auch wenn ein Schüler keine Spitzenleistungen brachte. Diese Diskrepanz konnten sie überbrücken, indem sie in ihrem Oberschulgutachten das Kind trotz der guten Noten für eine Realschule empfahlen. Diesen Spielraum haben sie jetzt nicht mehr, denn nach einem genau vorgegebenen Schema müssen sie die Noten der fünften Klasse und des ersten Zeugnisses der sechsten Klasse zusammenziehen, wobei Hauptfächer stärker gewichtet werden als Nebenfächer. Nur wenn der Durchschnitt über 2,2 liegt, haben sie die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie das Kind auf ein Gymnasium oder eine Realschule schicken.

Dass viele Lehrer auch in den fünften und sechsten Klasse noch sogenannte pädagogische, also freundlich-motivierende, Noten geben, war schon im Schulausschuss des Abgeordnetenhauses hart kritisiert worden (wir berichteten). Dort wiesen die Fachleute der Senatsschulverwaltung darauf hin, dass diese pädagogischen Noten nur in den Klassen ein bis vier erlaubt sind. Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) hatte richtig ärgerlich reagiert und Konsequenzen angedroht, wenn Schulen offensichtlich zu freundlich benoten.

Die Senatsschulverwaltung will die Vorschriften für die Grundschulgutachten trotz des drastischen Anstiegs der Gymnasialempfehlungen aber erstmal nicht ändern, sondern erstmal abwarten, wie sich die Notengebung künftig entwickelt. Denn die Grundschullehrer hatten ihre jetzt beanstandeten „guten“ Noten gegeben, bevor das neue Procedere beim Grundschulgutachten beschlossen wurde. sve

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