Zeitung Heute : Druck und Medien: Totgesagte leben länger

Harald Olkus

Der altehrwürdigen Druckindustrie wurde schon mehrfach der Untergang prophezeit. Doch Totgesagte leben länger. Dass es sie immer noch gibt, haben die Druckereien den mehrfachen und zum Teil schmerzhaften Modernisierungsprozessen zu verdanken, die sie in den vergangenen 30 Jahren hinter sich gebracht haben. Vor allem die Berufe der Druckvorstufe wurden grundlegend verändert. Noch in den siebziger Jahren hantierten die meisten Schriftsetzer mit Setzkasten und Winkelhaken, durch ihre Finger flitzen immer noch die gleichen Bleibuchstaben, wie sie Johannes Gutenberg bereits im ausgehenden Mittelalter erfunden hatte, und Lehrlinge bekamen noch jeden Tag einen halben Liter Milch von ihrer Firma spendiert. Sie sollte das Blei der Lettern in ihrem Körper binden.

Heute findet die Arbeit in der Druckvorlagenherstellung fast nur noch am Computer statt. Beim Bundesverband der Druckindustrie, der sich seit einem dreiviertel Jahr Bundesverband Druck und Medien (bvdm) nennt, um die erfolgte Umstrukturierung auch nach außen sichtbar zu machen, wird man nicht müde, die neudeutschen Begriffe direct imaging (DI), crossmedia-Kompetenz und computer-to-print zu betonen. Der Verband will zeigen, dass die Branche wieder auf der Höhe der Zeit angelangt und auf die Zukunft vorbereitet ist.

Denn beinahe hätte das durch kleine und mittelständische Unternehmen geprägte grafische Gewerbe den Zug in Richtung Zukunft verpasst. Nicht nur hatten viele der Branche den Niedergang durch das Internet prophezeit. Druckprodukte würden künftig immer weniger nachgefragt, hieß es. Auch hatten mit dem Aufkommen leistungsstarker und erschwinglicher Rechner viele neu eröffnete Vermittlungsbüros, Agenturen und Copyshops den Druckereien angestammte Bereiche abgejagt.

Mit mehr Flexibilität und Schnelligkeit, aber auch mit einer konsequenten Umstellung auf elektronische Datenverarbeitung versucht die Branche nun, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. So werden die neuesten Digitaldruckmaschinen nicht mehr mit Druckplatten, sondern mit Daten gefüttert. Die Druckvorstufe, aber auch die Drucker selbst mussten sich somit Kompetenzen im Datenhandling aneignen. Denn die unterschiedlichen Datenformate der Kunden müssen standardisiert und für die jetzt überall eingesetzte Digitaldruckmaschine aufbereitet werden.

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums bescheinigt der Branche nach der Umstrukturierung wieder gute Zukunftschancen. Nicht zuletzt der neue Beruf des Mediengestalters für Digital- und Printmedien spiele dabei eine wichtige Rolle. Denn die Druckereien wollen sich jetzt als Dienstleister profilieren, der neben klassischen Druckprodukten auch andere Medien produziert. Die moderne Druckerei sei ein Informationslogistik-Betrieb, der durch seine langjährige Medienerfahrung prädestiniert sei, seinen Kunden "crossmediale Leistungen" zu erbringen und ihnen "den Weg durch das Dickicht der neuen Medien" zu weisen, behauptet bvdm-Präsident Alexander Schorsch. Deshalb findet sich in der Ausbildungsverordnung des Mediengestalters für Digital- und Printmedien, in dem die traditionellen Berufe der Druckvorstufe aufgegangen sind, neben der Gestaltung von Printprodukten auch die Bewegtbild- und Audiosignalverarbeitung sowie die Herstellung interaktiver Medienprodukte.

Da die Verarbeitung der Datensätze nun am Bildschirm stattfindet, unterscheidet sich die Gestaltung eines Flyers nicht mehr so sehr von der einer Website, kalkuliert die Branche. Zudem können Elemente des einen ohne Umwege für das andere Medium verwendet werden. Und von der Website, mit den Möglichkeiten kurze Sequenzen bewegter Bilder oder Töne mit aufzunehmen, ist es nicht mehr weit zur Herstellung von interaktiven CD-Roms.

Der neue Ausbildungsberuf des Mediengestalters für Digital- und Printmedien findet großen Anklang. In Berlin bewerben sich auf einen Ausbildungsplatz mehr als 40 Bewerber, 350 Auszubildende haben den Beruf seit seiner Einführung im Mai 1998 gewählt. Bundesweit seien innerhalb von zwei Jahren noch nie so viele junge Menschen in einen neuen Beruf eingestiegen, wie in diesem Fall, jubelt der Verband.

Doch nur rund 15 Prozent von den Auszubildenden arbeiten tatsächlich bei Druckereien. Die Mehrzahl ist bei Werbeagenturen und Produktionsgesellschaften angestellt, sagt Horst Gerhard, Ausbildungsberater für Medienberufe bei IHK Berlin. "Agenturen bildeten bislang nur wenig aus", sagt Gerhard. Sie stellten Quereinsteiger, Schriftsetzer und Grafiker ein und "trimmten" sie auf ihre Bedürfnisse. Doch der neue Beruf des Mediengestalters bietet den Vorteil einer breiten Grundlagenausbildung, die Quereinsteiger und Umschüler nicht vorweisen könnten.

Derzeit werden zwar 220 Azubis in dem Beruf ausgebildet, es könnten aber weitaus mehr sein, sagt Gerhard. Durch den Boom in der IT-Branche lassen sich jährlich rund 400 Umschüler in arbeitsamtsgeförderten Kursen zum Webdesigner oder Multimedia-Konzeptionisten weiterbilden - sie konkurrieren mit den Mediengestaltern um die Jobs.

Ein Großteil der Nachfrage bei den Gestaltungsberufen geht also an den Druckereien vorbei. Wenn nur 25 Berliner Betriebe im Jahr einen neuen Mitarbeiter zum Mediengestalter ausbilden, kann es mit der crossmedia-Kompetenz noch nicht allzu weit her sein. Ganz so schnell und zukunftsorientiert, wie der Bundesverband Druck und Medien behauptet, scheinen noch nicht alle Betriebe der Branche zu sein.

Vor allem kleine Betriebe scheuen die Investition in die neue Technik. Die Branche muss sich sputen, denn die Konkurrenz ist heute sehr viel größer als früher.

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