Zeitung Heute : Du bist eine Oma!

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Mir kommt es vor wie gestern, dass ich mich über das Gitterbettchen von Jan und Josefine beuge, in dem sie damals einträchtig nebeneinander schlafen konnten, und mir vorzustellen versuche, wie es wäre, wenn wir uns miteinander unterhalten könnten. Endlich würde ich erfahren, was in ihren kleinen Köpfen vor sich geht, würde von all der Weisheit profitieren, die mir ihr kluges Schweigen vorenthielt. Damals hatte mich eine Freundin, Mutter von drei Kindern, schon gewarnt: Solange sie noch nicht reden, können sie auch nicht widersprechen. Was ich doch ein wenig hartherzig fand.

Inzwischen weiß ich es besser. Schon sehr kurz nach dem ersten „Mama“, was mich dahin schmelzen ließ, kam das kleine Wörtlein „Nein“, dicht gefolgt von „meins“, das gerade bei der Kommunikation zwischen Jan und Josefine eine große Rolle spielen sollte. Heute führen wir zwar nicht gerade hoch philosophische Gespräch, aber wir können uns mittlerweile recht gut unterhalten: über die schlafende Puppe, die letzte Beule und einen gerade vorüber fliegenden Vogel. Das einzige Hindernis dabei: Wenn ich mich als begriffsstutzig erweise und partout nicht verstehen will, dass Jan mit „Esse“ sein heiß geliebtes Schmusekissen meint.

Meine Bewunderung für Jan und Josefine wächst ins Grenzenlose, seit sie mir das kleine Wunder des Spracherwerbs offenbaren. Während mein Vokabular zu schrumpfen beginnt und ich mich immer wieder bei abenteuerlichen semantischen Simplifizierungen („Jetzt machen wir Winken!“) erwische, entwickeln sie sich zu kleinen Superhirnen: jeden Tag ein neues Wort, eine neue grammatikalische Konstruktion. Da kann mich auch nicht beruhigen, dass sich das „Mutterische“, wie Experten meine Sprachdegeneration bezeichnen, irgendwann wieder von selbst legt. Derweil werden Jan und Josefine mir turmhoch überlegen sein. Ich habe sie jetzt schon im Verdacht, wenn sie bei meinen Versuchen, ihnen den richtigen Artikel einzuprägen, hartnäckig auf dem falschen bestehen. Ein kluger Mensch hat gesagt, dass wir mit den Kindern wieder zu Lernenden werden. Was aber, wenn sie uns das Verkehrte beibringen?

Seit Tagen nun bewegt uns ein großes Thema: die geschlechtliche Zuordnung. Josefine weiß da genau Bescheid. Jan ist ihr Bruder, und er ist ein Junge; sie dagegen ist die Schwester und kein Kind, nein, ein Mädchen! Ihr Vater ist ebenfalls ein Junge. Und wenn ich nach meiner Zuordnung frage, erhalte ich stereotyp die Antwort: „Du bist eine Oma!“ Bisher habe ich noch nicht herausgefunden, ob sich dahinter eine große Ehrbezeugung verbirgt oder einfach eine Verwechslung. So hatte ich mir das vor zweieinhalb Jahren eigentlich nicht gedacht, als Jan und Josefine noch als Zeichen der Verständigung nur mit ihren Äugelchen plinkerten. Natürlich weiß ich, dass das Hirn verschlungene Wege einschlägt, Synapsen ihre eigene Dynamik besitzen. Was aber kommt zuerst: die optische Vorstellung (alte Frau) oder der Begriff (Oma)? Bisher hat man das noch nicht herausgefunden. Derweil werde ich von Jan und Josefine weiter lernen und auf Verjüngung hoffen.

Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachentstehung, Sprache & Denken. Haffmanns Verlag, Zürich.

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