Zeitung Heute : „Du bist in der Dusche“

Bilder helfen: Wie Stimmen ausgebildet werden

Ute Bongartz

„Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Ma-Ma“ – vom Dur- Dreiklang hoch zur Oktave, zurück zur großen Septime, dann zur Quinte und von da aus zum Grundton: Fünfmal wiederholt Aylin Winzenburg ihre Stimmübung, achtet auf einen fließenden Atem. Die junge Sopranistin füllt mit ihren MaMaMas den kleinen Übungsraum Nr. 315 in der Fasanenstraße vom Boden bis zur Decke. Eine doppelte Eingangstür trennt sie von der Außenwelt.

Aylin studiert Gesang bei Professor Enrico Facini, in ihrem ersten Semester an der Fakultät Darstellende Kunst der UdK Berlin. Zweimal pro Woche widmet sich der Gesangslehrer ihrer Stimmausbildung. „Du musst dich mehr öffnen, nicht so viel nachdenken, sonst bist du blockiert. Bleib ganz bei dir!“ Der italienische Akzent des herzlichen Professors ist deutlich herauszuhören. Kritik klingt bei ihm zuckersüß. Enrico Facini kennt seine Studierenden genau. Ein Augenzwinkern reicht manchmal, um ihnen zu verdeutlichen, wo der Fehler im Ton liegt. Trotz gesundheitlicher Probleme hat er seine internationale Karriere als Tenor gemeistert. Auch Aylins Durchhaltevermögen will er stärken – denn der Weg auf die großen Opernbühnen der Welt ist harte Arbeit an Körper und Geist. Eine klassische Stimme entwickelt man nicht auf Knopfdruck. Jahrelang dauert die perfekte Beherrschung der Gesangstechnik, körperliche Veranlagung ist Voraussetzung. Hinzu kommt die psychische Verfassung eines Sängers. Die muss stabil sein, denn einem Profi darf man nicht anhören, wie ihm gerade zumute ist.

Der Körper eines Sängers ist sein Instrument. Doch wie bringt man Körper und Geist in Einklang, um einen starken stimmlichen Ausdruck und großes Volumen zu erreichen? Wie nimmt man Kontakt zu seinem Innersten auf? Die Ausbildung einer Gesangsstimme, das weiß auch der Masterstudent Matthias Otto, beruht stark auf Assoziationen und Bildern. „Seinen Körper nimmt man nicht einfach wie eine Gitarre in die Hand und zupft die Saiten. Es gibt durchaus emotionale Krisen, durch die man in der Ausbildung gehen muss“, sagt der junge Tenor, der in der nächsten Spielzeit bereits im Ensemble des Opernstudios der Komischen Oper singen wird.

Nach der Gesangsübung der Ma-MaMas interpretiert Aylin die Arie der Susanna aus `Figaros Hochzeit´ von Wolfgang Amadeus Mozart, begleitet vom Korrepetitor am schwarzen Yamaha-Flügel. Für einen Laien gibt sie ein gutes Bild ab. Doch ihr Professor fordert mehr Leidenschaft und Hingabe für die dramatische Geschichte. Mit nackten Füßen, in einem leichten Sommerkleid, singt sie ihre hinreißende Liebeserklärung: „Deh, vieni, non tardar, oh gioia bella“. Doch ihre Körpersprache an diesem Freitag Nachmittag für eine imaginäre Liebe aus dem 18. Jahrhundert brennen zu lassen, fällt der jungen Gesangsstudentin schwer. „Stell dir vor, du stehst unter der Dusche. Du bist allein. Niemand stört dich", ermutigt Facini die Studentin. Aylin schließt ihre Augen und lässt ihre hohe Stimme zur Klavierbegleitung erklingen. Schreitend bewegt sie sich im Raum – und plötzlich klingt es, als wäre sie tatsächlich im Schloss des Grafen Almaviva um 1780.

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