Zeitung Heute : Du brauchst mehr Stauraum!

Von Esther Kogelboom

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Bei mir liegt immer alles herum. Während ich diese Zeilen schreibe, befinden sich auf meinem Schreibtisch: eine TagesspiegelPolitiker-Skatkarte, auf die ich Telefonnumern gekritzelt habe, drei leere Flaschen Spreequell, eine Reisegröße Isana Fresh-Deo, eine Tüte Original Sahne- Muh-Muhs, der europaweit einzige Backstage-Pass für das Robbie-Williams-Konzert und eine „Bild“-Zeitung vom 26.September. Bei mir zu Hause sieht es weitaus schlimmer aus.

Neulich hatte ich meine Freundin, deren Bleibe nach den Prinzipien des Feng Shui ausgependelt ist, zum Spaghettiessen eingeladen. Wie immer in allerletzter Sekunde habe ich vieles, was herumlag, in eine Kammer gestopft – aber längst nicht alles. Mein Zimmer war danach immer noch schrecklich. Das lag möglicherweise daran, dass keine Zeit blieb, den Klapptisch, die weißen Wände, die sechs Flohmarkt-Stühle, die Matratze, den uralten Computer oder die vielen Mehrfachsteckdosen und Verlängerungskabel irgendwie zu dekorieren. Eine Glühbirne tauchte die Szenerie in ein fahles Licht. „Irgendwie“, sagte meine Freundin betroffen, „musst du endlich etwas unternehmen.“ Ich nickte und schämte mich sehr.

Es ist kaum zu glauben, dass ich ein Kind meiner Mutter bin. Ihr Haus ist nämlich eine Art Showroom für die neuesten Floristik-Trends, und auf dem Wohnzimmertisch hat sie die wichtigsten Interior-Magazine – solche, die es nur am Bahnhof Zoo zu kaufen gibt – zu einem Fächer arrangiert. Doch, ich mag diese Magazine. Sie bringen mich auf Ideen. Zum Beispiel finde ich es plötzlich durchaus vorstellbar, meine Zimmerwände bis in etwa Hüfthöhe mit Holzpaneelen zu verkleiden, den Rest mit altenglischer Rankentapete zu bekleben und eine samtene Chaiselongue mit Goldfüßen davorzustellen. Ach nee, hier, auf Seite 87, dieses minimalistische Konzept mit dem Plexiglaskubus-Dreisitzer, das entspricht meiner Persönlichkeit eher. Oder?

Meine Mutter sagt dazu für gewöhnlich: „Fest steht, du brauchst mehr Stauraum für deinen Krempel. Die Kammer reicht nicht. Und für deine Persönlichkeit trage ich übrigens nicht die geringste Verantwortung.“

Ich beantragte bei meiner Hausverwaltung einen Keller und begann mit der Entrümpelung. Zuerst trug ich den alten Computer ins Tiefgeschoss. Dann waren die Flohmarktstühle dran und ein paar Kisten mit unbenutzten Mehrfachsteckdosen und Verlängerungskabeln, der Klapptisch auch. Erschöpft sackte ich auf einem Flohmarktstuhl zusammen. Unter der Erde war es deutlich leiser als oben in der Wohnung, der Straßenlärm drang nur gedämpft bis in den gar nicht mal kleinen Keller vor, es war angenehm kühl. Durch einen schmalen Spalt fiel sogar Tageslicht. Und natürlich gab es weit und breit keine Telefone, keine Konsumgüter, keine Gegensprechanlage und damit keine Leute. Ich blieb sitzen, atmete tief ein und dachte nach. Was würde passieren, wenn ich einfach hier unten bleiben würde?

Der Mensch braucht ja den Tand, mit dem er sich umgibt, eigentlich überhaupt nicht. Ein Tisch, ein Stuhl, ein paar unbenutzte Mehrfachsteckdosen und Verlängerungskabel, damit kann er ziemlich lange auskommen.

Irgendwann wurde es doch langweilig. Da fiel mir der alte Computer ein. Ich zapfte die Stromleitung an, erstellte ein Word-6.0-Dokument und tippte: Wenn Robbie Williams mich unbedingt sehen will, muss er schon herkommen.

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