Zeitung Heute : Du entgehst meiner Liebe nicht

DEUTSCHES THEATER Michael Thalheimer erzählt in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ die Passionsgeschichte eines jungen Mädchens.

PATRICK WILDERMANN

Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“ Diesen ungeheuerlich wahren Satz hat Ödon von Horváth seinen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ vorangestellt. Zeitlos gültig. „Es geht um ein Weltbild“, sagt Michael Thalheimer. „Die Figuren stehen stellvertretend für die gesamte Menschheit.“ Das Liebesstraucheln einer Zauberkönigs-Tochter an der schönen blut'gen Donau interessiert ihn nicht als bemitleidenswertes Einzelschicksal. Vielmehr sieht er in dem Volksstück die Versuchsanordnung eines so genauen wie unerbittlichen Beobachters. Er wird das Archetypische, das Universelle herausschälen, Bilder schaffen für die Conditio humana. „Es gibt auf der Welt ohnehin nur ein Handvoll Geschichten“, ist er überzeugt. „Und die werden seit Aischylos auf dem Theater wiederholt.“

Mit der Antike kennt sich Thalheimer aus. Gerade ist seine Frankfurter „Medea“-Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen worden. In der Titelrolle: Constanze Becker. Es ist eine weitere Erkundung des griechischen Tragödienkosmos der beiden, begonnen vor Zeiten mit der „Orestie“ am Deutschen Theater. Die Klytaimnestra hat Becker bei Thalheimer gespielt, die Iokaste, die Antigone. Der Regisseur schwärmt von ihrer seltenen Kunst, eine Figur anziehend und abstoßend zugleich zu machen. Und verspricht: „Wir werden die Antike auch weiter gemeinsam durchforsten.“

Es gebe eben „Stränge“ in seiner Arbeit, die er über Jahre verfolge, sagt Thalheimer. Die Griechen zum einen, Gerhart Hauptmann zum anderen. Horváth zählt nicht dazu. Für den österreichisch-ungarischen Schriftsteller und seine konturierte Kunstsprache habe er ein „aufblitzendes Interesse“. Thalheimer hat 1999 in Leipzig „Kasimir und Karoline“ inszeniert, später das gleiche Stück noch einmal in Stockholm. Aber die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ seien weitaus komplexer, schwerer zu greifen als die Rummelplatz-Moritat vom arbeitslosen Kasimir, die den Bogen durch eine einzige Nacht schlägt, findet er. Im Wiener Wald vergehe eine andere Zeit, „da beschreibt Horváth ein gesamtes Leben“.

Gilt es, die Leidensgeschichte des süßen Wiener Mädels Marianne aus dem achten Bezirk zu vermeiden? „Im Gegenteil“, betont Thalheimer. „Das Stück ist eine Passion. Das ist seine Substanz.“ Filmbeispiele fallen ihm dazu ein, Lars von Triers „Breaking the Waves“ oder „Dancer in the Dark“: klassische Via-Dolorosa-Geschichten über Frauen, die an der Welt zerbrächen. „Was es zu vermeiden gilt, ist das Opfer“, stellt er klar. Die Marianne, die den Metzger Oskar nicht heiraten will und stattdessen mit dem windigen Strizzi Alfred durchbrennt, die ein Kind bekommt, das von Alfreds Großmutter in der Wachau getötet wird – diese Frau trage auch selbst Schuld an ihrem Untergang, so Thalheimer. Den provoziere sie „mit ihrer Lebensnaivität, ihrer Kitschsehnsucht nach dem, was Liebe sein könnte“.

Liebe – das ist überhaupt ein trauriges Thema bei Horváth. Da muss man nur dem Fleischhauer Oskar lauschen, der einmal den mehr als bedrohlichen Satz spricht: „Ich werde dich auch noch weiter lieben, du entgehst mir nicht.“ Was sich am Ende bitter bewahrheiten soll. „Ich kann nicht mehr“, sagt schlussendlich die lebensmüde Marianne. „Dann komm“, entgegnet Oskar. „Als hätte er genau diese Gebrochenheit gebraucht“, so Thalheimer. Nur darauf gewartet, dass er sich um die schwache Frau sorgen könne. „Von Liebe ist das weit entfernt. Liebe würde bedeuten, das Starke in seinem Gegenüber zu schätzen.“ Aber viele Beziehungen zwischen Männern und Frauen liefen eben auf das Gegenteil hinaus. Da wird es wieder universell.

Thalheimer ist ein Regisseur, der wie wenige um die Kraft der Vorstellung weiß. Die Kindstötung etwa wird er nicht ins Bild setzen. Sondern vielmehr den Zuschauer dazu bringen, sie sich imaginieren zu müssen. Dann werde Theater hart und gut, sagt er. „Dann tut es weh.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 29.3., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 30.3., 19.30 Uhr

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