Zeitung Heute : Du musst bereit sein, Geld zu investieren!

Von Esther Kogelboom

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Ich bin verzweifelt, gelinde gesagt. Seit Jahren schon bin ich auf der Suche nach einer Anzugjacke. Manche sagen auch Blazer oder Jackett. Klar jetzt, was gemeint ist?

Im modernen Berufsleben kann man ohne jenes Kleidungsstück nicht überleben. Eine Anzugjacke strahlt Seriosität aus. Sie suggeriert dem Geschäftspartner: Mein Gegenüber weiß sich elegant, eloquent und emotionell auf internationalem Parkett zu bewegen – ich kann ihm trauen.

Mir kann keiner meiner internationalen Geschäftspartner trauen. Das war schon bei meinem ersten Termin so. Ich (15, zitronengelbe Radlerhose) sollte fürs Lokalblatt über die Eröffnung der Kaninchenzuchtshow berichten. Eifrig notierte ich: „Bürgermeister = Rede. Gähn. Trägt Anzug. Vorsitzende Landfrauenverband: Blazer, Brosche. Was muss ich tun, um als Reporterin ernst genommen zu werden?“ Die Antwort gab ich mir selbst, wenige Zeilen später: „Ich brauche ein Kostüm.“ Diese bedeutsamen Aufzeichnungen habe ich bis heute aufgehoben, als Mahnung.

Denn im Prinzip bin ich seit diesem Kaninchen-Abend auf der Suche nach passender und halbwegs geschmackvoller Businessoberbekleidung Doch ich finde sie nicht. Entweder sind die Ärmel zu lang oder die Schultern zu schmal, die Brustabnäher sind an der falschen Stelle, oder es tritt ein mehr als unvorteilhafter Faltenwurf am Rücken auf. Über die Jahre habe ich aus purer Not ein beachtliches Strickwestensortiment zusammengekauft. Für ein informelles Doppelinterview mit Kohl und Gorbatschow wäre ich bestens gerüstet.

„Selber Schuld“, sagte meine Freundin und stocherte in ihrem Kaiserschmarrn herum. „Du musst bereit sein, Geld zu investieren. Bei Peek & Cloppenburg haben sie alles.“ – „Mmh“, sagte ich und fasste einen Plan.

Am folgenden Samstagnachmittag besuchte ich ein Kaufhaus. Normalerweise gehe ich samstagnachmittags grundsätzlich nur bis zum Austernstand auf dem Kollwitzplatz. Aber mein Ausflug sollte so etwas sein wie ein letzter Versuch, die tatsächliche und geistige Schmuddelhölle Prenzlauer Berg zu verlassen.

Ich probierte so lange Kostüme an, bis mir eines annähernd passte. Es bestand aus einem schmalen, schwarzen Rock (Boss), der bis knapp über die Knie reichte, und einem kurzen Blazer (Boss). Ein Klassiker. Dazu trug ich eine viel zu enge Financial-Times-farbene Bluse (French Connection) und meine Chucks (Privatbesitz).

„Sie müssen sich natürlich die Schuhe wegdenken“, sagte die Verkäuferin. Sie trat einen Schritt zurück.

Dann entdeckte ich, dass der Weg aus der Schmuddelhölle insgesamt knapp 800 Euro kostete. Es kam seitens meines ohnehin schon geschwächten Immunsystems zu heftigen Abstoßungsreaktionen. Vor allem gegen die Bluse.

Meine Chucks trugen mich ins benachbarte H & M. Sie liefen ohne Umschweife auf einen Ständer mit olivgrünen Jacken zu und zwangen mich, eine mit gefütterter Kapuze zu kaufen. Die Jacke versteht sich ausgezeichnet mit den drei anderen olivgrünen, nach Kneipe riechenden Parkas, die ich bereits besitze und nur zum Schlafen ausziehe. Die Chucks lachten sich tot über mich.

Eine Journalistin in sprechenden Chucks wird höchstens zum Termin mit Pete Doherty oder Dirk Nowitzki geschickt. Das Dumme ist nur, dass beide so gut wie nie Interviews geben.

Nein, ein Klassiker werde ich niemals sein.

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