Zeitung Heute : Du musst Salbeitee trinken!

Von Esther Kogelboom

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Das schlimmste Symptom, das bei mir im Zusammenhang mit einem grippalen Infekt auftritt, ist Langsamkeit. Sobald meine Nase läuft und die Stimme versagt, brauche ich deutlich länger als sonst, um einen simplen Gedanken fertig zu denken. Es ist, als sei der Gedanke mit einem One Way-Ticket unterwegs zu einer fremden Destination, wo er schließlich sang- und klanglos verdunstet. Erkältet kann ich nur noch fernsehen.

Meine Freundin schickt eine SMS: Ich soll unbedingt Salbeitee trinken, rät sie. Es handele sich dabei um ein geniales Mittel, mit dessen Hilfe sogar der Profibrüller Joschka Fischer den Wahlkampf überlebt habe. Also riss ich am Kräuterbeet und stellte fest: Salvia officinalis ist das perfekte Haustier – zäh, bescheiden und in Kombination mit kurzgebratenem Kalbsschnitzel ein Gedicht. Und seine Blätter sind so weich, dass man sie in Momenten haltloser Wahlkampfbus-Einsamkeit streicheln könnte.

Der Tee dagegen war widerlich. Ich tat ordentlich Honig hinein und brachte immerhin den Ausguss damit zum Gurgeln. Dann schaltete ich endlich den Fernseher ein. Auf Vox lief gerade eine Folge der Serie „Für alle Fälle Amy“. Amy ist Jugendrichterin und hat die Haare, die ich immer haben wollte. Im Prinzip führte Amy auch das Leben, das ich immer leben wollte: Sie handelt konsequent, ist mutig, eigenständig und handelt wie ein Mann. Sie hätte den Salbeitee definitiv getrunken.

Zumindest an meinen Haaren könnte ich was ändern, dachte ich matt. Kurze Zeit später im Salon bemühte ich mich, nicht in Spiegel zu sehen, während die Friseuse mit der Schere hantierte. Nach einer unangenehmen Schweigeminute eröffnete sie den Friseusen-Kunden-Dialog mit der neuen Trendfrage.

„Und wen wählst du so?“

„Weiß nicht.“

„Du musst zur Wahl gehen. Das ist echt wichtig. Wenn du nicht zur Wahl gehst, gewinnen die Rechten.“

„Mmh.“

„Den Gysi find’ ich ziemlich gut.“

„Ah.“

„Ich würde jetzt unten etwas rausnehmen, dann hast du am Hinterkopf mehr Volumen.“

„Was?“

Zu spät. Sie hatte mir bereits die Helmholtzplatz-Frisur gemacht. Überall Fransen. Insgesamt eher Gysi als Amy.

Auf dem Heimweg kaufte ich bei einem für seine Naturheilkunde-Phobie stadtbekannten Apotheker eine Klinik-Packung Dorithricin-Tabletten. Ich schlich ins Bett und schlief traumlos bis zur nächsten Folge meiner neuen Lieblingsserie, in der Amy einen besonders schwierigen Sorgerechts-Fall verhandeln muss. Es ging darum, ob es okay ist, einen verdächtig rosafarbenen Säugling bei seiner Amish-Mutter zu lassen oder doch besser in die Obhut des Nicht-Amish-Vaters zu geben. Für die Amish-People sprach, dass das Kind dort in der ungebändigten Natur aufwachsen würde, es wäre abgehärtet, würde nicht fernsehen müssen und daher immer rosa und kerngesund bleiben. Dagegen sprach eigentlich nur, dass es niemals Kontakt mit einer Tastatur haben würde. Obwohl, eigentlich war auch das ein Argument für die Amish-Mutter.

Im Verlauf des Prozesses erwies sich jedoch Amys Vermutung als richtig, dass Amish-Mutter und Nicht-Amish-Vater sich immer noch lieben usw. Es kam zu einer dramatischen Versöhnungsszene. Ich musste schlucken. Einmal, zweimal. Es tat gar nicht mehr weh.

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