Zeitung Heute : Du musst zum Panzer werden

Thomas Kraft

Eine Welle der Gewalt schwappt durch die Schulen. Jugendliche bringen Waffen mit. Diebstahl, Körperverletzung und Drogenmissbrauch sind an der Tagesordnung. Kein Wunder, dass Internatsromane à la Torberg und Musil und die Spoerlschen Heiterkeitsidyllen ausgestorben sind. "Pumpgun" reflektiert den Wandel, den jugendliche Amokschützen auf ihre Art zum Ausdruck bringen. In seinem Debütroman spielt der Münchner Marc Höpfner gekonnt mit Versatzstücken der hard boiled fiction, des film noir und des Actionkinos. "Pumpgun" könnte so etwas wie die ausgearbeitete Form einer Zeitungsmeldung sein, wenn nicht der Versuch spürbar wäre, die Psyche der Täter zu erforschen. Hoepfner bietet mehr als das Strickmuster von Außenseiter-Lovestory-Showdown. Er jongliert mit ironischen Zwischentönen, großspurigem Pathos und einfachen Wahrheiten. Das gelingt nicht immer, zuweilen rutscht die Rollenprosa in die Bauchrednerei, überstrapaziert der Autor die Eitelkeit seiner Figuren: "Du musst selbst zum Panzer werden... Du musst dein Leben verlängern... Das ist das ganze Geheimnis. Du musst die anderen töten, um genügend Bonus-Leben zu bekommen."

Alex war nach vier Jahren in seine Stadt zurückgekommen. Damals hatte er den Amoklauf seines Schulkameraden Alex Oxenberger, genannt Ox, gestoppt, nachdem dieser, vom mephistopheleshaften Pauly angespornt, mit einer großkalibrigen Schrotflinte acht Schüler seines Gymnasiums im Drogenrausch über den Haufen geknallt hatte. Doch dass er, Alex, die Waffe damals dem Hausmeister geklaut und nur halbherzig versteckt hatte, wusste niemand und überschritt für ihn die Grenze von der Fahrlässigkeit hin zur Mitverantwortung. Im Rückblick wird die Geschichte einer Gruppe von gelangweilten Jugendlichen erzählt, die in Spielhöllen abhängen und an der eigenen Selbstfindung arbeiten. Marc Höpfner gelingt es, diese Atmosphäre aus Apathie, Provokation und pubertären Sehnsüchten meist so einzufangen, dass die Figuren Profil erhalten und die Handlungsstränge ihre Logik und Sprengkraft. Er ist ein Freund der markigen Worte und der starken Adjektive. Das nützt dem Text, wo es um Attitüden geht, und schadet ihm, wo Charaktere beschrieben und andere Sensibiltäten vermittelt werden sollen.

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