Zeitung Heute : Du sollst nicht deuten

Sie sind Amerikaner, Christen – und vor allem bibeltreu. Bei Widerspruch werden manche von ihnen rabiat

Albrecht Meier[Topeka Kansas]

Im Eingangsflur hängen die Zehn Gebote, daneben die gerahmten Bilder der letzten Abschlussjahrgänge. Man sieht darauf lächelnde junge Männer und Frauen, die von einer amerikanischen Highschool gerade ins Leben entlassen werden. Die Cair-Paravel-Lateinschule in Topeka ist eine ungewöhnliche Schule. Wer sich für sie entscheidet, muss eine Erklärung über seinen Glauben abgeben – den Glauben, dass die Bibel buchstäblich das Wort Gottes darstellt. Schulleiter James Waldy sagt: „Ob Gott der Schöpfer ist, steht an unserer Schule nicht zur Debatte.“

Topeka ist die Hauptstadt von Kansas, einem Bundesstaat im Herzen der USA, der als hinterwäldlerisch gilt. Tiefgläubige Christen wie hier findet man überall in den Vereinigten Staaten. Nach Umfragen sind rund 250 Millionen Amerikaner Christen. 70 Millionen davon gehören einer evangelikalen Glaubensrichtung an – Bibeltreue, die oft durch ein persönliches Erweckungserlebnis zu Christen wurden. Zu den Evangelikalen zählen unter anderem Baptisten, Pfingstler, die wachsende Mitgliederschar der „Megakirchen“ in den Vorstädten – und eine laute Randbewegung, die ihren Glauben manchmal mit rabiaten Mitteln vertritt.

James Waldy, der Leiter der Cair-Paravel-Lateinschule von Topeka, trägt ein weißes Polohemd. Es ist immer noch warm in diesen Tagen in Kansas. In dem Aufenthaltsraum, in dem der Mittvierziger Waldy Gott, die Welt und seine Schule erklärt, riecht es nach alten Schokoladenkeksen. Nachdem Waldy den Besucher taxiert hat, kommt er ins Erzählen: Wenn seine Schüler ihren Abschluss machen, sollen sie möglichst viel vom abendländischen Bildungskanon erfahren haben – Sokrates, Aristoteles, Thomas von Aquin, Shakespeare. Auch sollen sie wissen, dass es eine Evolutionstheorie gibt, die ein gewisser Charles Darwin vor fast 150 Jahren veröffentlicht hat.

Darwin gilt hier allerdings nur als irrlichternder Außenseiter, als Erfinder einer lückenhaften Theorie. An der Cair-Paravel-Schule gilt das Wort der Genesis, der Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament. Sam Rendi, der hier Siebtklässlern Biologieunterricht gibt, beschreibt das so: „In der Regel debattieren unsere Schüler nur darüber, ob Gott die Erde buchstäblich in sechs Tagen erschaffen hat oder ob ein Tag in der Genesis vielleicht doch 1000 Jahren entspricht.“ Die Schöpfungslehre, die Sam Rendi unterrichtet, nennt sich Kreationismus. Sie darf hier gelehrt werden, weil die Cair-Paravel-Schule eine private Schule ist.

Die große Masse der jungen Menschen in den USA besucht hingegen öffentliche Schulen, und dort hat der Kreationismus nach einem Urteil des Obersten Bundesgerichts von 1987 nichts mehr zu suchen. Der Supreme Court entschied damals, dass der Unterrichtsstoff des religiös inspirierten Kreationismus der Trennung von Kirche und Staat zuwiderläuft. Seither haben die Kreationisten ihre Theorie verfeinert. Sie sprechen nicht mehr, so wie es James Waldy in Topeka tut, von Gott als dem Schöpfer, sondern von einem „intelligenten Designer“. Die Anhänger des „intelligenten Design“ behaupten nicht mehr, dass das Universum in sechs Tagen entstand. Auch gestehen sie zu, dass sich biologische Arten im Lauf der Zeit an ihre Umwelt angepasst und verändert haben. Vom grundlegenden Schöpfungsgedanken haben sie sich aber nicht verabschiedet: Das Wunderwerk einer Zelle sei zu komplex, als dass es allein durch Evolution entstanden sein kann.

Aber auch der neue wissenschaftliche Jargon, der das „intelligente Design“ vom Kreationismus unterscheidet, hat die Schöpfungslehre in den USA nicht vor Rückschlägen bewahrt. So verbot im Dezember ein Bundesgericht Lehrern in der Kleinstadt Dover im Bundesstaat Pennsylvania, Neuntklässlern zu erzählen, dass das „intelligente Design“ neben Darwins Theorie durchaus plausibel sei. Auch bei den parteiinternen Vorwahlen für den Rat der Schulbehörde in Kansas erlitten die Verfechter des „intelligenten Design“ vor knapp zwei Monaten eine Schlappe.

Zu denen, die versuchen, den Lehren der Anti-Darwinisten ein Ende zu setzen, gehört Janet Waugh. Die resolute Dame betreibt in Kansas City ein Autohaus namens „Sav-On Auto Sales“, hat zwei erwachsene Kinder und engagiert sich seit über 30 Jahren im Erziehungswesen. Sie ist Christin. Und doch sagt sie, es widerspräche zutiefst ihrem Menschenbild, dass Darwin in der Schule in Zweifel gezogen wird. Deshalb freut sie sich über die Schlappe der Evolutions-Gegner bei den Vorwahlen im August: „Die Wähler sind wieder aufgewacht“, sagt sie.

Seit acht Jahren gehört Janet Waugh dem Rat der Schulbehörde in Kansas an, und seitdem bekämpft sie die Anhänger des „intelligenten Design“. An diesem Morgen sitzt sie mit ihren neun Ratskollegen an einem massiven, hufeisenförmigen Konferenztisch. Alle haben Laptops vor sich aufgeklappt, an der Wand steht die Fahne der USA. Die Konservativen auf der linken Seite des Hufeisen-Tisches sind stiller als sonst, einige von ihnen gehören zu den Verlierern der Vorwahlen. Wenn man Janet Waugh und ihre Ratskollegen hier – in diesem Raum in einem schmucklosen Verwaltungsbau ein paar Kilometer östlich von James Waldys Lateinschule – beobachtet, erlebt man eine sachliche Diskussion über das Budget, Ganztags-Kindergärten und Problemkinder. Janet Waugh verpackt ihre kritischen Bemerkungen stets in ein Lächeln, den Vorsitzenden der gegnerischen Partei spricht sie mit Vornamen an.

Die verbindliche Atmosphäre täuscht aber kaum darüber hinweg, dass sich Gegner und Befürworter des „intelligenten Design“ in dem Gremium seit 1999 eine erbitterte Auseinandersetzung liefern. Zweimal haben die Mehrheiten im Rat inzwischen gewechselt, und stets wurden dabei auch die Prüfungsrichtlinien für den Biologieunterricht im Sinne der Wahlsieger geändert. Im November, zeitgleich zu den Kongresswahlen, stehen nun fünf der zehn Schulräte erneut zur Wahl. Nach der Schlappe der Konservativen bei den parteiinternen Vorwahlen deutet alles darauf hin, dass Janet Waugh und die übrigen Darwin-Befürworter demnächst in Kansas wieder das Sagen haben werden.

Der Kulturkampf in Kansas dürfte damit aber nicht beigelegt sein. Schließlich hat auch Janet Waugh schon erlebt, wozu einige ihrer Mitbürger bei der Verteidigung ihres Glaubens fähig sind. Sie sagt: „Ich hatte lange überhaupt keine Ahnung, was es wirklich bedeutet, konservativ zu sein.“ Als sie vor sieben Jahren zum ersten Mal für Darwin und gegen das „intelligente Design“ stimmte, bekam sie eine E-Mail. Selbst ein langsamer Tod durch Folter sei noch zu gut für sie, schrieb ihr jemand. Seitdem ist sie vorsichtiger geworden. Im vergangenen November hob sie erneut für Darwin die Hand – aber erst, nachdem sie gemeinsam mit dem Pastor aus ihrer lutherischen Gemeinde die Genesis durchgegangen und zu dem Schluss gekommen war, dass auch ein gläubiger Christ die Evolutionslehre guten Gewissens verteidigen kann.

Auch Steven Case hat die Intoleranz seiner Gegner zu spüren bekommen. Über die Tür seines Büros in Lawrence, einer Universitätsstadt in der Nähe von Topeka, hat der Molekularbiologe eine Postkarte gepinnt, die ihm jemand aus Kalifornien geschickt hat. „In der Hölle gibt es keine Thermostate“ steht da – was wohl als Hinweis darauf zu verstehen ist, dass ihm jemand ewige Verdammnis wünscht. Case zog sich den Hass einiger Konservativer zu, weil er als Vorsitzender eines Komitees, das dem Schulrat den Unterrichtsstoff für die naturwissenschaftlichen Fächer vorschlägt, stets Stellung für Darwin bezogen hat.

Konservative Christen, die Hass-Mails verschicken, gehören in den Augen von Alan Bearman zum „zornigen Rand“ der Evangelikalen, nicht zu deren Mitte. Bearman, Historiker an der Washburn University in Topeka, sagt, wenn etwa Fanatiker Bomben in Abtreibungskliniken legen, dann habe das nichts mehr mit dem Glauben zu tun: „Echte Evangelikale würden so etwas nie tun“, sagt er, „dazu glauben sie zu sehr an das politische System Amerikas.“ Bearman weist allerdings auf ein anderes Druckmittel der Bibeltreuen hin: „Diese Leute beherrschen die Tastatur der Medien extrem gut.“ Wer im US-Fernsehen präsent sein will, muss kurz und prägnant formulieren – und das können die Evangelikalen.

Bearman hat auch beobachtet, dass die wörtliche Auslegung der Bibel weltweit „definitiv auf dem Vormarsch“ ist. „Die nächsten 20 Jahre werden sehr interessant werden, was das Verhältnis zwischen Christentum und Islam angeht“, sagt er, „denn beide Religionen versuchen, die gleiche Klientel zu bekehren.“

Ähnlich wie in Europa ist auch in den USA eine allgemeine Säkularisierung zu beobachten. Von diesem Trend sind die Bibeltreuen in Amerika allerdings nicht betroffen – im Gegenteil. Man kann sich beispielsweise die – sicher etwas ungewöhnliche – Geschichte von Barry Feaker anhören, um einen Eindruck davon zu bekommen, warum die Bibeltreuen einen solchen Zulauf haben. Man tut dem 50-jährigen Barry Feaker nicht unrecht, wenn man ihn als jemanden beschreibt, der lange nach dem richtigen Weg gesucht hat. Heute leitet er in Topeka ein Obdachlosenheim. Der Flachbau steht im Schatten der riesigen Getreidesilos, die typisch sind für Kansas. Feaker kennt sie schon aus seiner Kindheit .

Feaker hat ein freundliches, rundes Gesicht. Aufmerksam hört er sich die Fragen des Besuchers an. Er verliert den Faden nicht, auch wenn er sich während des Gesprächs noch auf andere Dinge konzentrieren muss. Zu seiner Linken hat er einen Monitor mit den Gemeinschaftsräumen des Obdachlosenheims in Blick, in der rechten Faust hält er ein Funkgerät. Feakers Ruhe steht in einem seltsamen Kontrast zu den Menschen, die ihn hier täglich umgeben: psychisch Kranke, Drogenabhängige, Aids-Infizierte, jugendliche Gang-Mitglieder.

Seine Eltern wollten, dass er Archäologe wird, erzählt er. Deshalb war es auch nur logisch, dass es ihn später, an der Universität, zunächst zu den Naturwissenschaften zog. „Ich dachte damals, dass die Evolutionslehre den letzten Stand der Wissenschaft darstellt“, sagt Feaker. Aber dann geschah im Alter von 21 Jahren etwas Sonderbares mit ihm: Als er spätabends mit dem Auto unterwegs war, habe er sich plötzlich die Frage gestellt: „Was ist, wenn es keinen Gott gibt?“ Also sei er ausgestiegen und habe um ein Zeichen gebeten.

Da war nichts, sagt Feaker, nichts außer dem Sternenhimmel und den Kühen von Kansas. Eine ganze Stunde lang ging das so, immer wieder habe er gebetet und gerufen, bis er wütend und traurig wieder ins Auto gestiegen sei. Als er dann weiterfuhr, sah er plötzlich eine „weiße, große, schimmernde Figur“ mitten auf der Straße. In panischer Angst bremste Feaker seinen Wagen. „Dann schaute ich wieder auf, die Figur war verschwunden.“

Ein Jahr nach diesem Erlebnis „gab ich mein Leben Christus“, sagt Feaker. Später begann er auch, die Evolutionslehre anzuzweifeln. Heute ist er davon überzeugt, dass Darwins Lehre beigetragen hat zu den „gesellschaftlichen Übeln, unter denen die Welt leidet: Gewalt, Drogensucht und Sex vor der Ehe“. Er hält der Evolutionstheorie vor, dass sie keinen Platz mehr lasse für eine göttliche Autorität, die die Menschen Demut lehrt.

Auch Sam Rendi, der Biologielehrer aus der Cair-Paravel-Lateinschule von Topeka, sieht das ähnlich: „Gott hat die Welt an sechs Tagen erschaffen – nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz buchstäblich. Würden wir etwas anderes behaupten, würden wir auch Gott in seinen Möglichkeiten begrenzen“, sagt er. Ganz nüchtern sagt Rendi das, dabei gebraucht er noch nicht einmal das nachdrückliche Pathos eines Predigers. Oder wollte da etwa jemand an seinen Worten zweifeln?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!