Zeitung Heute : Du solltest dich dringend impfen lassen!

Von Esther Kogelboom

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Meine Mutter war am Telefon. Sie klang aufgeregt: „Du musst dich sofort impfen lassen, und zwar gegen alle Krankheiten der Welt!“ Ich sagte, darüber hätte ich auch schon nachgedacht. „Bitte nicht immer nur nachdenken, auch was tun“, rief sie in den Hörer. „Am Ende liegst du irgendwo in Mhlume und wirst vom Fieber geschüttelt! Und weißt du, wer dich dann nicht abholen kommt?“ – „Du?“ – „Genau!“

Nun bekam ich es doch ein bisschen mit der Angst zu tun. Ich entschied mich, bei einer Filiale des Tropeninstituts vorbeizuschauen. Es gibt eine im Globetrotter-Laden in Steglitz, erfuhr ich. Wie praktisch: die moderne Impf-in-Shop-Lösung.

Eine sehr attraktive Tropenärztin lauschte ungerührt meinen afrikanischen Reiseplänen. Sie empfahl mir das Standardprogramm: Tetanus, Diphterie, Poliomyelitis, Typhus, Hepatitis A, Hepatitis B. Auch noch Tollwut. „Stellen Sie sich vor, da ist irgendwo ein ganz zutrauliches, kleines Äffchen. Das kratzt Sie. Und was machen Sie dann?“ Ich zuckte mit den Schultern. Es ist aber auch verdammt schwer, sich am Steglitzer Kreisel vorzustellen, man werde von einem ganz zutraulichen, kleinen Äffchen gekratzt. Ich entschied mich erst mal gegen Tollwut und schwor, alle süßen Äffchen auf Distanz zu halten.

„Ach ja, Keuchhusten“, sagte die attraktive Tropenärztin weiter und warf einen Blick in den von mir wahrheitsgetreu ausgefüllten Anmeldebogen. „Sie sind jetzt 31. Planen Sie in den nächsten zehn Jahren eine Schwangerschaft?“ – „Der Impfstoff hält zehn Jahre vor, also bei ihnen genau bis zum voraussichtlichen Eintritt der Menopause“, ergänzte die Schwester fachkundig und sah mich milde bis erwartungsfroh an. Ich kaufte auch die Keuchhustenimpfung. Gegen Menopause kann man sich ja nicht impfen lassen. Noch nicht.

Nachdem die Schwester mittels meiner EC-Karte eine dreistelligen Betrag von meinem Konto abgebucht hatte, schlurfte ich – etwas wackelig von den Spritzen – durch die Axt- und Machetenabteilung des Globetrotter-Ladens. Was wohl passieren würde, versuchte ich, in Tegel mit einer zierlichen Damenaxt im Handgepäck einzuchecken? Würden sie mir glauben, dass ich mir damit nur die Äffchen vom Hals halten will?

Ich schlurfte weiter, zu den Traveller-Kulturbeuteln. Ist ja klar, dass ich ohne ein Minimum an Körperpflegeartikeln sowie dekorativer Kosmetik überhaupt nirgendwo hinreisen werde. Traveller-Kulturbeutel haben einen Haken. Damit man sie überall aufhängen kann und nicht – im Ausland soll es weniger sagrotanmäßig zugehen als bei uns – im Dreck der südlichen Welthalbkugel abstellen muss. Doch keiner der ausgestellten Kulturbeutel sprach mich spontan an. Viele atmungsaktive Traveller-Sachen sind von abgrundtiefer, rostbrauner Hässlichkeit. Nicht alle, nein, aber viele.

Ich schaute mich weiter um, es war sensationell. Würde ich einen Gaskocher brauchen? Einen Kompass? Astronautennahrung aus der silbernen Tüte? Ein alternatives Bio-Menstruationsset? Eine sich selbst aufblasende, feuerfeste Isomatte mit integriertem Moskitonetz und Raketenabwehrsystem? Und warum wurde ich den Verdacht nicht los, dass man es wirklich auch übertreiben kann?

Erschöpft betrat ich die stockdunkle Ebene „London“ des Parkhauses im Steglitzer Kreisel. Von irgendwoher ertönte gedämpftes Hundegebell, dann -gejaule. Ich beschleunigte meinen Schritt und biss fest auf meine neue BSR-orangefarbene Notfall-Trillerpfeife.

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