DUBAI : Oase der Kunst

Dubai ist Drehkreuz von Asien, Afrika und Europa – das kommt nun auch der Kunst zugute. Galerien, Sammler und Maler zieht es hierher. Von Freiheit, Zensur und dem Traum vom Geld.

Besucher der Art Dubai am Stand der Hunar Gallery
Besucher der Art Dubai am Stand der Hunar GalleryArt Dubai

Art Dubai, vergangene Woche. Austragungsort ist die Kongresshalle in der Shoppingmall Madinat Jumeirah, eine Trutzburg wie aus 1001 Nacht. Hier trifft sich die Welt auf 3000 Quadratmetern. Zum Beispiel Maliha Tabari. Die Palästinenserin wurde in Jordanien geboren, wuchs in Saudi-Arabien auf, studierte in Los Angeles Kunst und verkauft Bilder marokkanischer Künstler. Oder der Berliner Galerist Matthias Arndt. Er erklärt zwei libanesischen Frauen das Werk eines iranischen Künstlers, der in London lebt – eine Art Gartenpavillon mit aufwendig bemalten Kacheln, er nennt ihn „den Dom“. Eine indische Galeristin verhandelt derweil mit einem Kulturmanager aus Singapur darüber, wie sie Sammler aus dem Nahen Osten für südostasiatische Kunst gewinnen können. „Vielleicht zu einem Dinner einladen, wenn alle für die Formel 1 in der Stadt sind?“, schlägt sie vor.

Dubai hat sich zur internationalen Drehscheibe für zeitgenössische Kunst entwickelt – mit einem Fokus auf den arabischen Raum. Das liegt nicht nur an der Messe, auf der 75 Galerien aus 32 Ländern ausstellen und zu der rekordverdächtige 22 500 Besucher anreisen. In der Stadt boomt die Kunst wie sonst nirgends in der Region: Es gibt Netzwerke, eine Infrastruktur, eine organisch gewachsene Kunstszene. In Al Quoz und im International Financial Centre sind ernsthafte Galerienviertel entstanden. Viele Künstler der arabischen Diaspora leben oder stellen im liberalen Dubai aus, wo sie weniger Repressalien als in Iran oder Syrien fürchten. Sammler aus Irak, Saudi-Arabien oder Libanon bunkern ihre Werke im politisch stabilen Emirat.

Noch eine andere Nachricht der vergangenen Woche gibt dem Standort Auftrieb. Pünktlich zu Messebeginn verkündete Premierminister Scheich Mohammed bin Raschid al Maktum, rund um das größte Gebäude der Welt, den Burj Khalifa, ein Kulturviertel anzusiedeln – mit einer Oper, einem Museum für moderne Kunst und mehreren Galerien. Es ist das erste große Bauprojekt, das Dubai nach der Immobilienkrise anschiebt.

Diese Meldung hebt die Stadt am Golf endgültig in die erste Reihe der Kunstwelt. Das größere Nachbaremirat Abu Dhabi hat gerade die Pläne für seine gigantische Museumsinsel Saadiyat verschoben. Offiziell weiß keiner, ob dort die Ableger des New Yorker Guggenheim und des Pariser Louvre je gebaut werden. Der Anstrich, den sich Abu Dhabi in Sachen Hochkultur verordnet hat, ist merklich verblasst. Der kleine Nachbar prahlt erst gar nicht mit solchen Namen. Die alten Meister können ruhig in Europa bleiben.

Es scheint, Dubai hat aus seinen Fehlern gelernt. Schon einmal wollte der Scheich Kultur in die Stadt bringen, ein gigantisches Universalmuseum und eine riesige Oper waren im Gespräch. Dafür holte er 2007 unter anderen den früheren Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Michael Schindhelm, in das Emirat. „Damals war ein fast zerstörerischer Wettbewerb über die Immobilienentwicklung ausgebrochen“, erinnert er sich. Er verließ nach zwei Jahren das Emirat und arbeitet heute für das Strelka-Institut in Moskau. „Ich war stark konfrontiert mit einem kommerziellen Kulturbegriff. In erster Linie sollte Kultur Geld bringen.“ Sie war zur Ausschmückung von Bauprojekten vorgesehen – von Hotels und Shoppingmalls. Das neue Projekt scheint andersherum zu funktionieren. Ein Hotel vervollständigt das Areal. Es ist ein Signal: Wir glauben trotz Krise an die Strahlkraft von Kunst und Kultur.

Denn Dubai hat sich vor drei Jahren mit Immobilien verspekuliert. Das Emirat überlebt dank einer Finanzspritze Abu Dhabis. Im Gegensatz zum konservativen Bruder macht Dubai sein Geld nicht mit Öl. Nur fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung verdankt die Stadt am Golf dem Rohstoff, seit den frühen 70er Jahren hat sie sich auf Freihandel und Transport konzentriert. Der Flughafen und die Gesellschaft Emirates Airline erwirtschaften ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes, im Freihafen Jebel Ali, einem der größten der Welt, schlagen 6400 Unternehmen aus mehr als 100 Ländern ihre Waren um. Die Einwohnerzahl hat sich von rund 100 000 im Jahr 1971, als die Vereinigten Arabischen Emirate gegründet wurden, auf 1,8 Millionen vervielfacht. Indische Bauarbeiter, britische Banker, Geschäftsleute aus der arabischen Diaspora kamen mit ihren Familien, um an einem Kapitalismus islamischer Prägung teilzuhaben.

Inzwischen leben nur noch zehn Prozent Emirati in der Stadt. Und die erleben gerade, dass mit Laissez-faire und Wohlstand neue Ideen in die Köpfe einziehen. Michael Schindhelm sagt: „Gerade die junge Generation fragt sich in diesem Tohuwabohu kultureller Globalisierung: Wie geht es mit uns weiter?“ Wo das Geld diese Frage nicht beantworten kann, suchen viele Araber nach Antworten in der Kunst. „In Dubai wurde Kultur als Wert in der Gesellschaft entdeckt“, erklärt Schindhelm – und gesteht dem Emirat damit eine Vorreiterrolle für die gesamte Region zu. Er erinnert daran, dass Musik lange verboten war, Klavierspiel hieß in der arabischen Übersetzung „die Finger des Teufels“, Kunst wurde an keiner Schule unterrichtet, Museen oder Galerien gab es nicht.

Maliha Tabari, die palästinensische Galeristin, kann sich ein Leben woanders nicht vorstellen. Sie ist 30, verheiratet und Mitgründerin der Galerie Artspace. Mit 22 Jahren kam sie aus den USA nach Dubai. „Ich habe mit meinen Eltern einen Deal gemacht. Sie wollten, dass ich in die Region zurückkehre – und ich habe gesagt: Wenn, dann nur nach Dubai.“ Die Stadt, in der sie sich entfalten kann. Das New York des Nahen Ostens, wo sie nicht mit Schleier auf die Straße gehen muss. Und man kann sich diese zierliche energische Frau nicht anders vorstellen als in diesem schwarzen Jackett von Balmain, dessen Schulterpolster wie Flügel aufragen.

Sie erzählt, wie sie 2003 die Galerie eröffnete und die Medien sich auf sie stürzten. Es habe ein regelrechter „Hunger“ nach Kunst geherrscht. Ab 2005 öffneten Galerien im Monatsrhythmus, 2006 kam das Traditionsauktionshaus Christie’s und 2007 die Art Dubai. „Das war ein wichtiger Schritt“, sagt Maliha.

Ihr Credo: „Ich will mit Kunst schockieren.“ Und das ist Maliha diesmal gelungen. Sie musste Bilder abhängen, als die Polizei noch einmal die Messestände abging, bevor der Scheich seinen offiziellen Rundgang begann. „Zensur“, sagt sie laut, gerade hat sie sich schon vor der Kamera der BBC darüber beschwert. Sie stört, dass sie ihren Stand noch mal umbauen musste, als die ersten Sammler bereits durch die Halle gingen.

Zwei Bilder hatten die Gemüter der Polizei erregt – beide Reaktionen auf den arabischen Frühling. Auf einem Bild des libyschen Künstlers Shadi Alzaqzouq sieht man eine junge Frau, die eine Unterhose in der Hand hält, auf der in Arabisch „Verschwindet!“ steht (Foto unten). Die marokkanische Malerin Zakaria Ramhani hat sich an ein Foto erinnert, das um die Welt ging: eine Frau, die auf dem Tahrir-Platz von Soldaten zusammengeschlagen wurde. Sie malte die Männer als Gorillas. So viel Politik wollte man dem Scheich nicht zumuten. Maliha plant nun, die zensierten Gemälde in London zu zeigen.

Auch Matthias Arndt, der als einziger Galerist aus Berlin anreiste, bekam trotz aller Vorsicht Probleme. Auf Bildern seines protegierten Künstlers prangten Gebetsformeln, die sich iranische Ringer früher vor einem Kampf zuriefen. Was der Galerist nicht wusste: Die Sprüche folgten der sufistischen Lehre. Das war den Zensoren zu heikel, weil Iran inzwischen Sufisten verfolgt. Der Rat des Polizisten an den Berliner: „No religion, no problem.“ Was im Fall Maliha Tabari gerade nicht zutraf.

Arndt ist das erste Mal auf der Messe. Gesehen hat er von der Stadt noch nichts. „Neue Märkte erschließen“, deshalb ist er hier. „Dubai liegt günstig. Die Australier oder Südostasiaten fahren lieber hierher, als noch mal sechs Stunden weiter nach Paris oder London zu fliegen.“ 75 000 Euro musste er für die beiden jeweils 30 Quadratmeter großen Stände aufbringen. Eine gute Investition, einige Bilder des deutschen Künstlers Heinz Mack hat er verkauft, den gekachelten Dom für 500 000 Dollar nicht. Die arabischen Galerien haben bereits am ersten Tag gute Geschäfte vermeldet: Die Lokalmatadoren der Ayyam Gallery erzielten zwei Mal 180 000 Dollar für Werke des Libanesen Pierre Koukjian.

Ayyam besitzt eine Dependance einige Kilometer in die Wüste hinein. In Al Quoz spürt der Besucher nichts vom Glitzer, im Industrieviertel residieren Betonmischwerke, Autoreparaturstätten und Kleinbetriebe. An einer für hiesige Verhältnisse kleinen Straße, lächerliche sechs Spuren breit, liegen links und rechts blaue Wellblechhallen, Sand hat sie mit einem Film überzogen. Neben einer Tankstelle geht es in den Innenhof der Alserkal Avenue. Indische Arbeiter schrauben an Motoren, sie schauen belustigt, als eine Gruppe russischer Journalisten und Schweizer Sammler die „Avenue“ entlangläuft – den neuen Hot Spot.

In den Lagerhäusern sitzen rund 20 Galerien, unter anderem das Privatmuseum des syrischen Sammlers Khaled Samawi, die Ayyam Gallery. Der 48-Jährige lebte 20 Jahre als Hedgefonds-Manager in der Schweiz, baute eine Sammlung moderner Kunst in Damaskus auf, gründete eine Galerie in Dubai und zog vor einem Jahr an den Golf. „Die politische Lage half mir, den Schritt zu beschleunigen.“

Samawi ist einer der big player in der Kunstszene, sein Privatmuseum füllt drei klimatisierte, turnhallengroße Räume, in seiner Verkaufsgalerie im Financial District stellt er den syrischen Künstler Othman Moussa aus, der die Pracht der holländischen alten Meister mit zeitgenössischen Machtsymbolen kreuzt – mal ein Militärstiefel, mal eine Zigarre. Natürlich ist am Eröffnungsabend, zwei Tage vor der Art Dubai, mehr als die Hälfte der Bilder verkauft worden, diesmal haben auch zwei französische Sammler zugegriffen – für Preise zwischen 25 000 und 40 000 Dollar. Samawi findet die Kunst, die Stadt, „exciting“. Nur eine Sache stört ihn: „Die Zensur.“ Was er damit meint? „Keine Nacktdarstellungen.“

Sein Museum in Al Quoz könnte demnächst noch mehr Besucher anziehen. Abdelmonem Alserkal, Grundstückseigentümer und Geschäftsmann im weißen Dischdasch und mit blitzblanken Lederschuhen, will Künstlern mehr Räumlichkeiten bieten. Mit einem britischen Architekturbüro hat er eine Erweiterung des Galeriengeländes erdacht. „Keine Standardlösung“, wie er auf der Pressekonferenz vor Ort betont.

Mehr als 46 000 Quadratmeter baut er in den benachbarten Marmorwerkstätten um, 62 Parzellen stehen zur Vermietung, es wird ein Veranstaltungszentrum für 1000 Menschen geben, und, ganz wichtig, einen Parkplatz für 500 Autos. Öffentlichen Nahverkehr gibt es in der Gegend nicht. Die einmal die Sheikh Zayed Road entlangführende Metrolinie ist gute fünf Kilometer entfernt. Einweihung: 2014. Kosten: rund 10 Millionen Euro, die bisher größte Privatinitiative für Kunst. Als ein britischer Journalist ihn fragt, ob er damit nicht die Preise in der Gegend in die Höhe treibe, womöglich siedle sich doch dann auch ein Hotel an, sagt der Geschäftsmann: „Das ist doch großartig.“

Und das ist vielleicht einer der Unterschiede, der die Besuche in den Galerien und auf der Messe so anders macht: Keiner hat Angst, über Kunst in Verbindung mit Geld zu sprechen. In Berliner Kreisen wird über Summen gemunkelt, in Dubai gehört das Reden darüber zum guten Ton. Maliha Tabari sagt: „Kunst muss mir natürlich gefallen, aber sie ist auch eine Investition. Ich möchte keine Bilder kaufen, die an Wert verlieren. Die Bilder will ich meinen beiden Söhnen vererben, sie sollen diese später ihren Kindern weitergeben – und wenn sie im Notfall Geld brauchen, darauf zurückgreifen.“

Die Einstellung entwertet weder Künstler noch Käufer. „Dubai ist pragmatisch und liberal“, sagt Michael Schindhelm. „Die Stadt setzt lieber auf Eigeninitiative anstatt auf Subventionen.“ Das funktioniert in einer Szene, die es erst seit knapp zehn Jahren gibt, erstaunlich gut. Vielleicht liegt es an dem rasanten Tempo der Stadt. Wie sagt Matthias Arndt: „15 Jahre hier sind wie ein Jahrhundert in Europa.“

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