Zeitung Heute : Dübel für die Dritten

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Zahnimplantate werden immer beliebter

Hartmut Wewetzer

Na, schon gewählt? Zumindest beim Zahnersatz gibt es einen klaren Trend. Implantate werden immer beliebter. Keine Sparte der Zahnheilkunde hat solchen Zulauf. „Man schätzt, dass dieses Jahr erstmals mehr als eine halbe Million Zahnimplantate in Deutschland eingesetzt werden“, sagt Joachim Zöller von der Uni Köln, im Implantologen-Verband für Wissenschaft zuständig.

Implantate gleichen Dübeln. Nur werden sie nicht in die Wand, sondern in den Kiefer gebohrt. Zunächst wird das Zahnfleisch zurückgeklappt und ein Loch in den Kiefer gebohrt. In den wird dann der Dübel aus Titan eingeschraubt. In drei bis sechs Monaten heilt er ein. In dieser Zeit ersetzt ein Provisorium den fehlenden Zahn. Dann wird die Mundschleimhaut erneut geöffnet und ein Pfosten auf dem Dübel befestigt, auf den dann die endgültige Zahnkrone aufgesetzt wird.

Geeignet sind Implantate als Ersatz für einzelne Zähne oder auch als Anker, um ein Gebiss auf einem zahnlosen Kiefer zu befestigen. Vor allem aber machen sie Brücken Konkurrenz, mit denen üblicherweise eine Zahnlücke im Kiefer überbaut wird. Hauptnachteile der Brücke: Unter Umständen müssen gesunde Zähne beschliffen werden, um als Brückenpfeiler zu dienen. Und zwischen den beiden Pfeilern klafft eine Lücke, die mit den Jahren größer und größer werden kann, weil der Kieferknochen darunter mangels Belastung schwindet.

Anders das Implantat: Es dient als künstliche Zahnwurzel, stimuliert den Kieferknochen und verhindert so den Verlust des Knochengewebes. Damit die Schraube fest im Kiefer sitzt, braucht es genügend Knochen. Mit Knochenvermehrung, -ersatz oder -verpflanzung kann ein Mangel ausgeglichen werden. Und mit neuen Verfahren lässt sich die monatelange Phase der Einheilung des Implantat-Dübels in einigen Fällen verkürzen. „Der Trend geht zur Sofortversorgung“, sagt der Implantologe Zöller. Und die Erfolgsquote? „Weit über 90 Prozent halten zehn Jahre oder länger, nach 20 Jahren sind noch neun von zehn Implantaten intakt.“ Viele spüren keinen Unterschied zu ihren „echten“ Zähnen.

Nach so viel Sonnenschein nun ein paar Wolken. Da sind zum einen die Kosten. Ein Implantat kostet je nach Kompliziertheit zwischen 1500 und 3000 Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten in der Regel nur etwa zehn Prozent. Es empfiehlt sich, sich von einem Zahnarzt mit dem „Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie“ behandeln zu lassen. Bei bestimmten anderen Erkrankungen kann Vorsicht geboten sein, zum Beispiel dann, wenn ein Diabetiker seine Krankheit nicht unter Kontrolle hat.

Implantate brauchen eine sehr gute Pflege und regelmäßige Kontrolle. Wer schon mit dem normalen Zähneputzen seine liebe Mühe hat oder wer ein starker Raucher ist, für den sind die Kunstzähne eher nichts. Bleiben sie doch stets Fremdkörper, die das Körperinnere – den keimfreien Kieferknochen – mit der Außenwelt – der von Millionen Bakterien bewohnten Mundhöhle – verbinden und die deshalb sauber sein müssen.

So, nun haben Sie die Wahl.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!