Zeitung Heute : Duell der Verlierer

Retter verzweifelt gesucht: In der PDS ist der Machtkampf offen ausgebrochen

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Von Matthias Meisner

Frische Farbe“, steht auf Zetteln an Türen des Karl-Liebknecht-Hauses. Und dann steht da noch: Sie „schützt, verschönert, fällt einfach ins Auge!“ Wenn es nur auch so einfach wäre mit der PDS, deren Vorstand gerade zur entscheidenden Sitzung vor dem Bundesparteitag in Gera zusammenkommt, dann wären wohl alle im Konferenzsaal ziemlich froh. Ein frisches Outfit, mehr Ansehen beim Wahlvolk – keiner der versammelten Genossen weiß so recht, wie das, zweieinhalb Wochen nach dem Debakel bei der Bundestagswahl, bewerkstelligt werden soll. Und das trotz Dutzender Strategiepapiere, mit denen PDS-Funktionäre sich gegenseitig Rezepte anbieten: mehr Opposition oder mehr Gestaltung, Orientierung auf den Osten oder den Sozialismus oder am besten alles zugleich. „Das Chaos ist ziemlich komplett“, sagt einer aus der Parteispitze.

Und das nicht nur, was die inhaltliche Ausrichtung betrifft, über die 426 Delegierte am Wochenende in Gera entscheiden sollen. Ebenso unklar ist, von wem die angeschlagene Partei künftig geführt werden soll. Von Gabi Zimmer, der seit zwei Jahren ziemlich glücklos agierenden Vorsitzenden? Oder vielleicht von Roland Claus, dem eben abgewählten Chef der Bundestagsfraktion, der so recht von der Macht nicht lassen kann? Petra Pau, die ehemalige Berliner Landesvorsitzende, hat an der Basis und in Gesprächen mit den Funktionären aus den Ländern ihre Chancen sondiert – und verzichtet. Schließlich fasste sich Dietmar Bartsch, der Bundesgeschäftsführer, am Mittwoch ein Herz. Wenn sich niemand anders zur Kandidatur gegen Gabi Zimmer aufraffen könne, dann werde eben er das in Gera tun. Es ist auch ein Ausdruck der Krise, dass am Ende offenbar nur diejenigen in Betracht kommen, die als Spitzenteam in den Wahlkampf gezogen waren.

Zum ersten Mal in der Parteigeschichte wird ein Machtkampf vor aller Augen ausgetragen. Ziemlich geschlagen wirkt Zimmer, als sie vor der Presse erklären soll, was da eben hinter verschlossenen Türen passiert ist. „Zur Kenntnis“ nehme sie die Bewerbung von Bartsch. „Das ist natürlich sein Recht.“ Kein weiterer Kommentar zu ihrem Widersacher, stattdessen berichtet die Vorsitzende über ihren Kampf für die sozial Benachteiligten, für „soziale Mitte-Unten-Bündnisse“. So ausschweifend referiert Zimmer, dass eine Radioreporterin dazwischenfragt, ob es nicht auch kurz und knapp gehe, „so dass das auch unsere Hörer verstehen“.

Doch so ganz genau will sich Zimmer sowieso nicht festlegen, zumal auch personell die Dinge noch im Fluss sind. Kommt Roland Claus, der sich eigentlich bereits festgelegt hatte, Gabi Zimmer zu unterstützen und unter ihr als Bundesgeschäftsführer zu kandidieren, noch aus der Deckung? Jetzt, nach dem Ende der Vorstandssitzung, reden einige Spitzengenossen heftig auf Claus ein. Soll er vielleicht doch das Duell mit der Vorsitzenden riskieren? Es scheint ihm mulmig zu sein. „Das Blödeste“, sagt er, „wäre ein Sieg von Zimmer gegen eine Person, die für mehr Reformen steht als Zimmer. Von diesem Sieg würden wir uns nie wieder erholen.“ Heißt das also, er verzichtet und bewirbt sich definitiv nicht für das Amt des Vorsitzenden? „So klar ist die Tendenz nicht“, sagt Claus da vorsichtig, und der ehemalige Miterfinder der in Magdeburg erprobten Kooperation von SPD und PDS wird seinem Ruf als Taktiker wieder einmal voll gerecht. Seine liebste Lösung wäre vielleicht, dass Zimmer aufgibt, aber so weit ist die Vorsitzende drei Tage vor Parteitagsbeginn noch nicht.

Dietmar Bartsch hatte es tagelang immer wieder probiert: Erst erklärt, er werde unter Zimmer nicht weiter als Bundesgeschäftsführer arbeiten. Dann einen Aufbruch gefordert – mit dem deutlichen Hinweis, dass die amtierende Vorsitzende dafür nicht stehe. Noch am Vorabend der Vorstandssitzung saß Bartsch bei Rumpsteak und Rotwein und räsonierte über die Frage, warum sich Zimmer das überhaupt alles noch antue. „Sie tut mir ehrlich gesagt Leid.“ Diether Dehm, einer der Anhänger von Gabi Zimmer, schimpft: „Alle Manöver sind nur dazu da, sie von der Kandidatur abzubringen.“ Doch von einem lang geplanten Coup will Bartsch nichts wissen. Nervös wippt er nach der Vorstandssitzung auf den Schuhsohlen und erklärt, er nehme doch nur seine Verantwortung wahr: „Viel zu viel ginge verloren, wenn die Partei ein klägliches Ende nähme.“

Auch der Parteivorstand kommt an diesem Mittwoch nicht auf einen gemeinsamen Nenner: Abzustimmen hat er über den Leitantrag für Gera, die erste Vorlage von Gabi Zimmer war am Wochenende wegen Ideenlosigkeit durchgefallen. Aber auch der zweite Versuch der Vorsitzenden, gemeinsam mit Vertrauten der Partei neue Perspektiven zu geben, scheitert. Mit neun zu sieben Stimmen bekommt ein Antrag des Berliner Landesverbandes eine Mehrheit, die dortigen Genossen haben ihn als Anti-Zimmer-Papier geschrieben. Das Hochhalten von Fahnen und Etiketten reiche nicht aus, spötteln sie über den Kurs ihrer Parteivorsitzenden.

„Wir haben doch ohnehin nur eine verschwindend kleine Chance“, sagt einer der Zimmer-Gegner: „Vielleicht erhöhen wir in Gera von eins zu 99 auf zwei zu 98“. Und Dietmar Bartsch stöhnt: „Eigentlich brauchen wir einen Messias.“ Illusionen aber macht er sich keineswegs. „Den Messias wird es nicht geben.“

Apropos, von Gregor Gysi, dem populärsten Politiker der PDS, ist dieser Tage auffallend wenig die Rede. Zum Parteitag kommen will er nicht. Er sei doch kein Delegierter, Abgeordneter oder Funktionär. „Wenn ich jetzt Anforderungen formulieren würde, wäre das nicht besonders hilfreich. Die Verantwortung, die das nach sich zöge, habe ich gar nicht.“ Sagt es am Telefon und macht sich auf in seine Anwaltskanzlei.

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