Zeitung Heute : Dünne Hoffnung

20 Prozent aller Kinder sind zu dick – ein Berliner Projekt tut etwas dagegen

Alexander Visser

Die Mädchen treiben ihre großen Gymnastikbälle durch die Halle, versuchen den anderen den Ball wegzuschlagen, denn dafür gibt’s Punkte. Sie lachen und kreischen, als wäre das hier eine ganz normale Sportstunde. In Wirklichkeit aber ist es die große Ausnahme. Denn die meisten der acht übergewichtigen Mädchen zwischen elf und 14 drücken sich vor dem Schulsport, weil sie Angst davor haben, gehänselt zu werden. „Fette Kuh rufen sie“, erzählt Solveig*. Sie kommt schon seit einem halben Jahr zur Sportgruppe im Sportgesundheitspark Wilmersdorf. Dort gibt es ein von der Berliner Charité entwickeltes Programm für besonders übergewichtige Kinder. Langsam, glaubt Solveig, bekommt sie ihr Essverhalten in den Griff. „Das Programm bringt viel mehr als alles, was ich vorher probiert habe“, sagt die Zwölfjährige. Es ist nicht ihre erste Therapie.

Im Virchow-Klinikum der Charité bemüht sich ein Team von Ärzten, Psychologen, Ernährungswissenschaftlern und Sportlehrern um die dicken Kinder, die zum Teil schon mit elf Jahren 100 Kilo auf die Waage bringen. Dieses Programm ist oft die letzte Hoffnung von Kindern, deren Hausärzte nicht mehr weiterwissen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für das Programm, das viel aufwändiger angelegt ist als ähnliche Projekte. Die Idee: Wenn das Kind eine Chance haben soll, wieder ein normales Gewicht zu bekommen, muss es seinen Lebensstil komplett ändern. „Das fällt ja schon uns Erwachsenen sehr schwer, die Kinder schaffen es nur mit viel Unterstützung der Familie“, sagt die Psychologin Zusann Vahabzadeh. Daher sind die Eltern bei dem Berliner Projekt besonders intensiv eingebunden. Sie lernen gesundes Kochen, gehen mit ihren Kindern zum Sport und werden in Rollenspielen psychologisch geschult.

Heute steht die Ernährungspyramide auf dem Stundenplan. Am breiten unteren Ende: Wasser, denn viel trinken ist gesund. Auf den folgenden, schmaler werdenden Stufen folgen Getreideprodukte, Obst und Gemüse, Milch, Fleisch und Fette, an der Spitze stehen die Süßigkeiten. Tanias Essensmuster sieht nicht aus wie eine Pyramide, eher wie ein V: viele süße Getränke, wenig Gemüse, viel Huhn und Schokolade. „Eine Tafel“, gibt Tanias Mutter an, die protokolliert hat, was ihre Tochter an einem Tag gegessen hat. „Eine Tafel sind 100 Gramm, also fünf Tagesrationen, denn laut Pyramide sind täglich nur 20 Gramm Schokolade drin“, erklärt Elke Lipphart, die Ernährungswissenschaftlerin des Programms.

Die acht Mütter der Gruppe, die hier ein Jahr lang 14-tägig die Schulbank drücken, nehmen viel auf sich, um ihre Töchter zu unterstützen: Sie müssen sich eingestehen, dass sie ihren Kindern nicht mehr allein helfen können und vor anderen offen legen, wie sie ihren Haushalt führen. Dafür bietet die Gruppe Trost, wenn die Tochter am Wochenende mal wieder einem Schokorausch verfallen ist. Zudem versuchen die Experten, möglichst alltagstaugliche Tipps für gesunde Ernährung zu geben. Für die Mütter, die zum Teil selber keine Gewichtsprobleme haben, sind die Essstörungen ihrer Töchter eine schwere Belastung. Alle kennen sie die Anspielungen, von denen Sarahs Mutter berichtet: „Man hört oft Sprüche wie: Na, deine Mama muss ja gut kochen.“ Die Mütter wissen, wenn die Kinder nicht in jungen Jahren abnehmen, werden sie ihr Leben lang darunter leiden.

Forscher schätzen, dass 50 Prozent der übergewichtigen Kinder und 80 Prozent der dicken Jugendlichen zu fetten Erwachsenen werden. Schon als junge Frauen und Männer entwickeln sie dann Krankheitsbilder, die früher nur Senioren plagten: Blutzuckerspiegel, Fettwerte und Blutdruck sind erhöht, das Risiko von Diabetes, schweren Herzkrankheiten und Schlaganfällen wächst. Die Pfunde belasten so auch das öffentliche Gesundheitssystem. Nach einer Schätzung der Verbraucherministerin geben die Krankenkassen jedes Jahr rund 30 Milliarden Euro für die Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten aus. Und die Kosten steigen rapide: Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben Übergewicht, in jedem Jahrgang werden es mehr. Für die Experten der Charité besonders bedenklich: Noch gibt es zu wenig geprüfte Programme, oft werden Kuren mit zweifelhaftem Nutzen angeboten. „Wenn sie ein Kind sechs Wochen zur Kur schicken, nimmt es meistens ein paar Kilo ab“, sagt die Psychologin Vahabzadeh. „Zu Hause kämpft es mit seinen alten Gewohnheiten und nimmt sofort wieder zu, wenn es nicht professionell weiterbegleitet wird.“

Wie stark adipöse, also besonders übergewichtige Kinder unkontrolliert zunehmen können, hat Sportpädagoge Endré Puskas oft erlebt. „Ein Mädchen konnte sich nur gelegentlich zum Sport aufraffen“, erzählt er. Die Mutter zeigte Verständnis dafür, also beendete das Mädchen das Programm. „Ein Jahr später habe ich die beiden auf der Straße getroffen“, berichtet Puskas. „Das Mädchen hatte 50 Kilo zugenommen, wog jetzt 120 und konnte kaum noch alleine gehen.“

Auch sonst macht sich Puskas in plastischen Beispielen verständlich: „Wenn ich frage, ob es sich lohnt, in zwei Minuten einen Schokoriegel zu essen und dafür eine Stunde auf dem Fahrradergometer zu strampeln, denken sie schon darüber nach, was sie so alles essen.“ Für die Zukunft hofft er auf integrierte Sport- und Gesundheitszentren, die sich nur um die dicken Kinder kümmern. „Das Erfolgserlebnis, das die Kinder beim Sport haben, wenn sie sich nicht mehr verstecken müssen, ist extrem wichtig“, sagt Puskas.

Derweil arbeitet das Team in der Charité in einem bundesweiten Netzwerk an einem einheitlichen Schulungskonzept für Adipositas-Trainer. Die sollen der Kinderfettsucht bald mit fundierter Ausbildung bekämpfen. Mit der Kombination aus Beratung, Sport und Schulung der Eltern glaubt man, das richtige Rezept gefunden zu haben. Das heißt nicht, dass die Mädchen plötzlich gertenschlank werden. Aber Sarahs Mutter freut sich schon, dass sich das Gewicht ihrer elfjährigen Tochter bei gut 60 Kilo stabilisiert hat. Früher nahm ihre Tochter mit jedem Zentimeter Wachstum rund anderthalb Kilo zu. Jetzt wächst sie wieder mehr in die Höhe als in die Breite. Sarahs Mutter ist froh: „Alleine hätte ich die Kurve nicht gekriegt.“

* Namen der Mädchen von der Redaktion geändert.

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