Zeitung Heute : Dünne Stimme Hoffnung

4200 Menschen wurden in Kolumbien entführt. Wie ein Sender versucht, sie zu erreichen

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Sie ist die Mutter des prominentesten Entführungsopfers Kolumbiens. Ihre Stimme klingt gefasst. „Ich habe große Angst um dich. Ich bitte die Guerilla um einen Brief von dir.“ Fast jede Sonntagnacht ruft Yolanda Pulecio beim Radiosender Caracol an, um in der Sendung „Voces del secuestro“ (Stimmen der Entführung) zwei Minuten lang eine Nachricht an ihre vor drei Jahren entführte Tochter Ingrid Betancourt, die ehemalige Präsidentschaftskandidatin, loszuwerden.

Nach dem Drogenhandel ist der Menschenraub die zweitgrößte Einnahmequelle in dem Krieg, der das Land seit vier Jahrzehnten ausbluten lässt. Insgesamt 4200 Entführte sind auf der Webseite des Radioprogramms aufgelistet. Politiker, Unternehmer, Kinder, Militärs, drei USSöldner und auch ein Deutscher – der vor vier Jahren verschleppte Hotelier Lothar Hinze. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß keiner. Manche sind schon seit über sieben Jahren verschwunden. Nur sporadisch bekommen die Familien Lebenszeichen. Den meisten Medien sind die Fälle nur Randnotizen wert. Drei Viertel der Entführten sind in den Händen der linken Guerilla Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc).

„Das Warten ist zermürbend, in unserer Sendung können die Familien wenigstens etwas tun“, erzählt Paula Granados, eine der Moderatorinnen. „Ich habe das Gefühl, dass ich weitermachen muss, das bin ich den Angehörigen und den Entführten schuldig“, sagt die 25-Jährige. So tröstet sie weiterhin jeden Sonntag von ein bis sechs Uhr morgens weinende Mütter und spricht verzweifelten Ehegatten Mut zu. Sie kennt fast alle Dramen, auch das von Carmen und Gerardo Angulo, die sie liebevoll „die Großeltern“ nennt. Beide sind 80 Jahre alt und wurden vor fünf Jahren verschleppt. Heute ruft Tochter Patricia an und bittet die Entführer, Mitleid mit den beiden Alten zu haben. „Ich halte diese Ungewissheit nicht mehr aus, jeden Tag bete ich für euch“, schluchzt sie ins Telefon. „Nach der ersten Nacht habe ich nur noch geweint und geglaubt, dass ich das nicht verkrafte. Inzwischen versuche ich, so viel Optimismus wie möglich auszustrahlen, damit der Entführte seinen Lebensmut behält“, erzählt die Moderatorin.

Bei der Regierung ist die Sendung nicht beliebt, weil sie der Bevölkerung Angst einflößt, sie zeigt, wie schwach der Staat und wie stark die Guerilla ist. „Je mehr man über einen Entführten redet, desto schwieriger und teurer wird es, ihn freizubekommen“, gibt auch ein Priester zu bedenken, der mit dem Fall Hintze befasst war. Dass „Stimmen der Entführten“ trotzdem seit elf Jahren ausgestrahlt wird, hat damit zu tun, dass die Medien in Kolumbien mehr Glaubwürdigkeit genießen als Justiz, Regierung und Sicherheitskräfte zusammen.

Herbin Hoyos, der Gründer der Sendung, wurde selbst vor elf Jahren von der Farc entführt. Schwer bewaffnete Guerilleros verschleppten ihn am Ende seiner abendlichen Politiksendung aus dem Sender direkt in die Berge. „Das erste, was ich dort inmitten des Nebels und Nieselregens sah, war ein Mann, der unter einer Plastikplane hockte. Mit einer Hand war er an einen Baum gekettet, mit der anderen presste er ein kleines Taschenradio an sein Ohr“, erinnert sich Hoyos. Eine halbe Stunde lang habe er sich flüsternd mit dem Entführten unterhalten können. Als sein Gegenüber erfuhr, dass Hoyos Journalist war, warf er ihm vor: „Warum redet ihr nie über uns?“

Nach einer Verfolgungsjagd durch die Armee ließ die Guerilla den Radiomoderator 17 Tage später frei. Der ging sofort ins Studio, erzählte seinem Direktor die Geschichte und hatte am darauf folgenden Wochenende den Sendeplatz. „Diese Uhrzeit ist ideal, da sind die Radiowellen besser zu empfangen, und die Entführten ruhen sich von den Gewaltmärschen am Tage aus“, erläutert Hoyos, ein Kriegsreporter, der fast jedes Wochenende eine andere Region Kolumbiens besucht, um über das finstere Geschäft mit Menschenleben zu recherchieren. Er ist dabei auf Verbrecherbanden gestoßen, die Menschen entführen, um sie an die Farc zu verscherbeln oder auf Mitarbeiter von Banken, die Informationen über die Vermögensverhältnisse ihrer Kunden an die Farc verkaufen. Todesdrohungen hat der 36-Jährige schon dutzendfach erhalten, heute ist er nur noch im verspiegelten Geländewagen und in Begleitung von zwei Leibwächtern unterwegs.

In den ersten Wochen seiner Sendung redete er der Guerilla ins Gewissen, den Entführten Radios zu geben – und hatte Erfolg. „Heute gehört ein Radio ebenso zum Entführungs-Kit wie ein Handtuch, eine Regenjacke, Zahnpasta und Gummistiefel“, scherzt er und fügt gleich noch den Grund für so viel Großzügigkeit hinzu: „Seit es das Programm gibt, ist die Zahl der Selbstmorde unter den Entführten drastisch zurückgegangen.“ Dass manche ihm vorwerfen, das Spiel der Guerilla mitzuspielen, quittiert Hoyos mit einem Achselzucken. „Ich tue das für die Opfer. Ich will den sehen, der einmal entführt worden ist und dann immer noch so redet.“ Die meisten, die freikommen, besuchen anschließend das Studio und erzählen ihre Geschichte. Alle hätten die Sendung regelmäßig gehört, versichert Hoyos. „Sie geben sogar Tipps weiter: Mann hat zum Beispiel einen besseren Empfang, wenn man einen drahtigen Putzschwamm auseinander zwirbelt, ein Ende an einem Kochtopfdeckel festbindet und den auf einen Baumwipfel wirft."

Nicht für alle nimmt das Drama ein glückliches Ende. Wenige Stunden nach der Sendung meldete sich der Friedensbeauftragte der Regierung zu Wort. Er habe Kontakt zur Farc gehabt, und man müsse leider davon ausgehen, dass die Großeltern Angulo nicht mehr am Leben seien.

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