Zeitung Heute : Duftende Träume

Manche Fliedersorten blühen auch im Herbst

Helga Panten[dpa]

Chemisch betrachtet ist es vor allem Alpha-Terpineol, ein Alkohol, der den Geruch des Flieders ausmacht. Aber wer hat schon Formeln im Kopf, wenn die Blüten betörend duften. Selbst nüchterne Gemüter verspüren dann einen Hauch von Romantik, empfinden Wohlbehagen. Kein Wunder, dass sich der Strauch unaufhaltsam ausbreitete, nachdem der österreichische Gesandte Ghislain de Busbecq ihn 1565 von seinem mehrjährigen Aufenthalt am Hof des Sultans Suleiman II aus Istanbul nach Wien mitbrachte.

Schon Anfang des 17. Jahrhunderts schreibt der im niederländischen Leiden wirkende Botaniker Clusius, dass Syringa caeruleo flore, wie er den Flieder botanisch nannte, jetzt auch in niederländischen Gärten wachse, ebenso in den meisten Gärten Deutschlands und in anderen Ländern. Danach dauerte es ein bisschen, bis der Strauch es aus den Gärten der Wohlhabenden zu den einfachen Leuten schaffte. Aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Flieder in fast allen Bauerngärten anzutreffen und wenig später – an warmen Standorten – sogar draußen in der Natur.

Jahrhunderte hindurch bestimmten sanftes Fliederblau, Weiß und später auch ein kräftigeres Rotviolett die Farbpalette von Syringa vulgaris, wie die Botaniker den gewöhnlichen Flieder nennen. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich das Bild. In England, Belgien und den Niederlanden wurde gezüchtet. In Deutschland entstand 1883 die Sorte ,Andenken an Ludwig Späth‘, die noch heute als eine der besten dunklen gilt. Den größten Schwung in das Fliedersortiment aber brachte die französische Baumschule Lemoine in Nancy. Aus ihrer Arbeit stammen 214 Sorten, die das Sortiment noch heute weitgehend bestimmen.Mit einfachen oder gefüllten Blüten ließen sich duftende Träume in Weiß, Hellgelb, Rose, Rot, Magenta, Violett oder Blau erfüllen. Nach dieser Leistung wagte sich kaum noch jemand an die Flieder-Züchtung heran. Nur in Kanada, dessen raues Klima Vulgaris-Sorten nicht zusagt, wurde weitergezüchtet. Dort entstanden die sehr frostharten Prestonia-Hybriden, wie beispielsweise die rosalila ,Royalty‘ oder die lila-blaue ,Nocturne‘. Sie alle wirken lockerer als gewohnte Flieder und blühen erst im Juni. Diese Eigenschaften sind das Erbe der Wildarten wie Bogenflieder und Zottiger Flieder, mit denen die Kanadier die Vulgaris-Sorten kreuzten.

In den Gärten spielen die Wildarten bisher kaum eine Rolle. Dabei wirken sie leicht und elegant wie der Königsflieder mit duftenden, hellvioletten Blütenrispen. Außerdem verlängern sie die Fliedersaison bis in den Juni, wie der Bogenflieder mit seinen elegant überhängenden Blüten oder der Perlenflieder mit rosaroten Knospen und hellrosa Blüten.

Eine Neuentdeckung sind die Zwergflieder, die bei nur eineinhalb bis zwei Metern Höhe Farbe und Duft auch in kleine Gärten, auf Balkone und Terrassen bringen können. Besonders beliebt ist Syringa meyeri ,Palibin‘, der im Mai und Juni eine Fülle zierlicher, duftender rosa Rispen aufsteckt. Syringa patula ,Miss Kim‘ öffnet wie mit Eis überhauchte purpurviolette Blütenrispen. Der Kleinblättrige Flieder (Syringa microphylla ,Supera‘) entschließt sich häufig zu einer zweiten Blüte im Herbst. Nicht nur er beweist, dass Flieder-Schönheit sich nicht im Frühjahr erschöpfen muss. Auch die Sorten ,Miss Kim‘ und ,Palibin‘ zeigen ihre Schönheit mit burgunderroter und orangegelber Herbstfärbung. Helga Panten, dpa

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