Zeitung Heute : Durch den Kaffee gezogen

SOPHIENSAELE Ursina Lardi steht in Tschechows „Kirschgarten“ vor dem Kleinholz ihrer Existenz.

PATRICK WILDERMANN

Natürlich könnte sie jetzt weit ausholen, um diese ferne Frau zu durchdringen. Jene verarmte Gutsbesitzerin Ranjewskaja aus Tschechows „Der Kirschgarten“, die nach Jahren der Abwesenheit auf ihr Anwesen zurückkehrt und schließlich vor dem Kleinholz ihrer Existenz steht. Andere Schauspielerinnen würden da ins Psychologisieren geraten. Aber Ursina Lardi erklärt weder, noch deutet sie. Was sie über ihre Figur sagen könne: „Sie trinkt gerne Kaffee. Und gibt viel Geld aus.“ Punkt. So stehe es ja im Text. Und dann blitzen ihre Augen, während man sich selbst erstmal neu sortieren muss. Aber wie geht sie denn ihre Rolle an? „Ich lerne einen Text, ziehe ein Kostüm an, und dann agiere ich in der Situation.“ So einfach. Oder auch: so wahnsinnig schwer. Denn was Lardi meint, ist der Verzicht auf alle gedankliche Vorfertigung. „Keine Stützen, keine Absicherungen, keine Beruhigungen“, sagt sie. Nur spielen.

Ursina Lardi bleibt ein Rätsel, ohne sich geheimnisvoll zu geben. Vielleicht schaut man ihr deshalb so gebannt zu. Die Auftritte der gebürtigen Schweizerin, egal ob auf der Bühne oder im Film, lassen noch im lichtesten Moment den Abgrund erahnen. Und behalten stets einen Rest von Unergründlichkeit. Da muss man sich nur die bis zur Schmerzgrenze verschlossene Baronin vor Augen führen, die sie in Michael Hanekes preisgekröntem Film „Das weiße Band“ spielte – mit welch minimalistischer Wirkungswucht sie die Verhärtungen dieser Frau im Patriarchat einer Dorfgemeinschaft spielte, war sensationell. Der Part gab ihrer Filmkarriere noch mal einen kräftigen Schub.

Jetzt also steht die Ranjewskaja an, in der Regie des Duos Thorsten Lensing und Jan Hein, mit denen sie schon die Elena in Tschechows „Onkel Wanja“ erarbeitet hat, außerdem das furiose Solo „Die Kleider der Frauen“ nach Texten von Brigitte Kronauer. Lensing und Hein gelten als beinahe besessene Text-Exegeten, als Genauigkeitsfanatiker der Lektüre. Aber Lardi hat schon seit Beginn ihrer Karriere die Arbeit mit extremen Regie-Persönlichkeiten gesucht. „Sonst wird es ja todlangweilig“, ruft sie. Eine Kraft müsse im Raum sein, gerne auch eine Kampfenergie, „sonst schlafe ich sofort ein“. Tatsächlich ist sie gerade mit den als schwierig Verrufenen stets bestens klargekommen, mit Einar Schleef etwa, dessen Düsseldorfer „Salomé“ sie spielte, oder eben mit dem Perfektionisten Haneke. „Mich hat seine Präzision beruhigt“, sagt sie.

Seit zehn Jahren arbeitet Lardi als freie Schauspielerin, trat in Hamburg, Stuttgart oder an der Berliner Schaubühne auf, dreht fürs Kino oder den „Tatort“. Sie hat diese ungebundene Existenz gesucht, mit allen Ungewissheiten. „Ich finde es nicht schlimm, auch mal Angst zu haben und eine Nacht nicht zu schlafen“, sagt sie leichthin, und den dazugehörigen Mut strahlt sie mit großer Selbstverständlichkeit aus. Erfolg lässt sich nicht planen, das ist ihre Philosophie, „die paar guten Arbeiten“, die sie gelten lässt, die seien ihr passiert. Nur ein paar? Aber sicher, entgegnet sie gänzlich unaufgeregt, sie habe im Laufe der Jahre auch viel Unsinn fabriziert, das gehöre eben dazu.

Wie sich das Unprätentiöse ihrer Haltung in radikaler Spiellust entladen kann, das war vielleicht am besten in der Arbeit „Die Kleider der Frauen“ zu sehen. „Ungeschützte Front“, nennt Lardi dieses Solo – also genau nach ihrem Geschmack. Sicher, die Monologe einer Frau namens Rita stoßen in der sperrigen Kronauer-Sprache erstmal vor den Kopf, die Widerstände waren bisweilen greifbar. Kein Problem für Lardi: „Es gibt Abende, da finde ich auch ein renitentes Publikum sexy.“ Und dann sagt sie einen Satz, der auf wunderbare Weise den Narzissmuss von Schauspielern bestätigt und zugleich aushebelt: „Ich will, dass man mich anschaut – gefallen muss ich nicht.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 9.12., 20 Uhr

Auch 10./11. und 16.-18.12.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben