Zeitung Heute : Durch den Matsch stapfen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

In der kommenden Woche wird der Potsdamer Platz fünf Jahre alt. Fünf Jahre! Es ist noch keine zehn Jahre her, acht, um exakt zu sein, da stand auf dem ganzen riesigen Areal ein einziges Haus, das alte Weinhaus Huth. Im Sommer 1995 gaben die Auslandskorrespondenten auf dem Dach des Gebäudes einen Empfang, um gemeinsam mit ihren Gästen den Blick auf den von Christo verhüllten Reichstag zu genießen. Zufällig stand ich neben der Frau, die bei debis dafür zuständig war, Fachleute aus aller Welt über die Baustelle zu führen. Damals sah das Gelände ringsum wie eine Steppe aus: viele Farben beige. Ute Wüest von Vellberg war kaum zu bremsen. „Da kommt der Bahnhof hin“, deutete sie über die Steppe. „Dort wird das Hotel stehen, dahinten das MusicalTheater, und hier vorne kommen die Arkaden hin.“

Ich blickte auf den Matsch – vorstellen konnte ich mir nichts davon. Musical-Theater? Arkaden? Bahnhof? In der darauf folgenden Zeit verdankte ich diesem Kontakt etwas Wunderbares: Ich konnte so intensiv wie wenige die Matschphase meiner Kindheit noch einmal nacherleben. In Gummistiefeln stapften wir zwischen Baggern, Lastern und Kränen umher, über und über mit Lehmspritzern bedeckt, balancierten über nasse Bretter und kletterten auf Sandhügel. Einmal war ich zu Besuch, als der ganze Platz in einen See verwandelt war. Die Fundamente wurden gerade von Tauchern unter dem Grundwasserpegel gelegt, wir stiegen über glitschige, steile Leitern zu ihnen hinab. Später balancierten wir durch die dämmerigen Rohbauten. Am Abend vor der Eröffnung ging ich kurz vor Mitternacht noch hin, und sah den Bauarbeitern zu, wie sie die letzten Kopfsteine in die Erde schlugen. Drei Jahre und drei Monat nach dem Empfang auf dem Weinhaus-Dach.

Einige Monate später wurden zwischen dem Musical-Theater und der mich immer an eine Kathedrale erinnernden debis-Zentrale lange rote Teppiche ausgerollt: die erste große Premiere. Es war ein eigenartiges Gefühl, in einer warmen Frühsommernacht im Abendkleid und ohne Gummistiefel über den Platz zu spazieren. Anderthalb Jahre später wurde die andere Hälfte, die mit dem schiefen Dach, ebenfalls eröffnet, mit einer eindrucksvollen Zeremonie. Der oberste Sony-Chef kam aus Tokio und erfüllte sich aus diesem Anlass einen Lebenstraum: einmal die Philharmoniker zu dirigieren. In einer anschließenden Reiswein-Zeremonie gab er den Stab, mit dem er dirigiert hatte, an seinen Nachfolger weiter, der an diesem Tag sein Amt antrat.

Inzwischen habe ich viele Premieren dort erlebt, wunderbare Filme gesehen, habe mit Freunden zu Abend gegessen, habe meinen liebsten Lunch-Stand entdeckt, habe am Wasser gepicknickt, Bücher gekauft, Ausstellungen angeschaut. Und bin, glaube ich, kein Mal dort gewesen, ohne an den Sommerabend 1995 zurückzudenken, als all dies eine unergründliche Steppe war. Nie würde sich der Platz beleben, hieß es in den Jahren der Bauzeit. Die üblichen Propheten sagten fast einstimmig voraus, dass das neue Herz der Stadt kalt bleiben würde. Ich hoffe, dass gelegentlich vorbeischauen und sich beschämen lassen.

Sonntags ist immer ein guter Tag, sich neu zu verlieben. Warum nicht mal in die eigene Stadt?

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