Zeitung Heute : Durch den südlichen Spessart und der Besuch im Wirtshaus

Claudia Diemar

Die Wirtstöchter tragen flotte Strohhütchen mit rotem Band und adrett gestärkte Schürzen. Sie füllen Eis in Tüten, häufen Nudeln auf den Teller und tippen Beträge in die Kasse. Doch den Teller zum Tisch bringen muss der Gast schon selbst. Denn Wilhelm Hauffs legendäres "Wirtshaus im Spessart" ist heute eine Autobahnraststätte an der A 3 zwischen Aschaffenburg und Würzburg. Bis 1959, als die Rennstrecke nach Südosten durch die lichten Buchenwälder gezogen wurde, stand hier eine kleine Waldgaststätte, die der Schauplatz der Hauffschen Erzählung gewesen sein mag. Aber es gibt noch fast ein Dutzend andere Lokalitäten, die gleichfalls historische Authentizität für sich beanspruchen. Der beinahe beschauliche erste Autorasthof wurde 1994 durch den heutigen Neubau mit seinen lichten Glasfronten ersetzt und kann dank seiner "FreeFlow-Anlage" bis zu 600 Gäste pro Stunde satt machen. Selbst Kindergeburtstage mit "Spessart-Burgern" lassen sich hier veranstalten. Filmplakate des Kassenschlagers aus den Fünfziger Jahren mit Lilo Pulver und Carlos Thompson in den Hauptrollen erinnern an die gute alte Zeit des legendären Wirtshauses im Spessart. Eine Kurve weiter überbrückt die B 8 die Autobahn. Aus beachtlicher Höhe schaut man hinunter auf das graue Asphaltband, das sich in anmutigen Kurven durch die Wälder windet. Spielzeugautos brausen gen Süden, Laster rennen gegen die Steigung nach Norden hin an.

Am nahen Waldparkplatz Rohrbrunn II halten wir und folgen den Blechschildchen mit dem Keiler auf einem Rundwanderweg durch das Naturschutzgebiet Rohrberg. Erste Frühlingsblumen wie Anemonen und Hundsveilchen säumen den Weg zwischen gewaltigen Buchen. An einigen Stellen finden sich noch Reste von jenen reinen Eichenlichtwäldern, die einst den ursprünglichen Bestand des Spessarts ausmachten. Riesige tausendjährige Traubeneichen wechseln ab mit den wertvollen Furniereichbäumen.

Zwei Bundesländer, Bayern und Hessen, halten Anteil an dem ursprünglich Spechtswald geheißenen waldreichen Mittelgebirge zwischen Kinzig, Main und Sinn. Wir haben uns dieses Mal den südlichen, bayrischen Teil mit seinen Wäldern und Weingärten vorgenommen. Auf einer Nebenstrecke trödeln wir durch das Dammbachtal und den Krausenbacher Forst, der mit seiner "Spessarträuberschenke" gleichfalls ein Stück von der Legende aufleben lassen will. Es gibt Hotels, die im Pauschalarrangement für ihre Gäste eine Kutschfahrt mit inszeniertem Überfall als Überraschung einplanen. Andere Pensionen werben damit, "garantiert räuberfreie" Gastlichkeit zu bieten. Ein Wiesental nennt sich bis heute Mordsgrund.

Die letzten vier Spessartbanditen wurden übrigens im Sommer 1812 hingerichtet. Dennoch verfolgen uns die "ausgestorbenen" Räuber beharrlich. Im ehemaligen Pferdestall von Schloss Mespelbrunn wurden Außenaufnahmen zum berühmten Streifen gedreht - das rustikale Schenkenschild aus dem Film ist geblieben und ein beliebtes Fotomotiv. Aus dem klaren Forellenweiher hebt sich ein verspielter Renaissancebau - Inbegriff einer romantischen Kulisse. Seit eh und je ist das Schlösschen im Besitz der Grafen von Ingelheim, Echter von und zu Mespelbrunn. Die Familie bewohnt noch heute den größten Teil der Räume. Ein Flügel ist zur Besichtigung freigegeben. Der junge Schlossführer ist mit viel Spaß bei der Sache, zeigt das chinesische Zimmer, den südamerikanischen Schrumpfkopf aus dem Kuriositätenkabinett der Vorfahren und erklärt gern, woher der Ausdruck "auf die hohe Kante legen" kommt. Es war das Geldversteck am hohen Kopfende des gräflichen Ehebettes, das sich mit seinem soliden Baldachin nicht aus Prunksucht schmückte, sondern schlicht, um die Wanzen abzuhalten. Das nahe Aschaffenburg wurde einst "bayrisches Nizza" genannt. Vom schönen mittelalterlichen Stadtkern blieb nach den Bomben des letzten Weltkriegs außer einigen Fachwerkhäusern und dem an das Rapunzelmärchen erinnernden Herstallturm nicht viel übrig. Schloss Johannisburg direkt am Ufer des Mains überstand die Angriffe schwer beschädigt und wurde restauriert. Die kurfürstliche Residenz beherbergt eine bedeutende Gemäldesammlung und gilt als einer der schönsten Renaissancebauten Deutschlands. Dennoch betrachtet man den gewaltigen Bau aus rotem Sandstein etwas beklommen, wenn man weiß, dass er einst aus dem konfiszierten Vermögen zu Tode verurteilter "Hexen" finanziert wurde. Viel heiterer stimmt da der bunte Wochenmarkt am Sonnabend auf dem Schlossplatz und das benachbarte, von König Ludwig I. von Bayern erbaute, "Pompejanum" inmitten der Weinberge am Fluss. Vorbild der römischen Villa war das antike Haus von Kastor und Pollux am Fuße des Vesuvs. Wir treffen bei Lohr wieder auf den Fluss. Das pittoreske Schloss wirkt wie eine Märchenkulisse. Im hier beheimateten Spessartmuseum finden sich denn auch die Pantoffel, die Schneewittchen auf ihrer Flucht in den Wald getragen habe soll - wie abgeschabte Ballerinenschuhe sehen sie aus. Ein örtlicher Apotheker und "Fabulologe" will nachgewiesen haben, dass die schöne Prinzessin nur aus Lohr mit seiner Fachwerkherrlichkeit und seinen stillen Gassen stammen kann. Entzückt sind vor allem kleine Besucher vom uralten Inventar eines bis vor zwölf Jahren noch in Betrieb gewesenen Gemischtwarenladens, der nun im Foyer des Museums eine bleibende Heimat fand. Die Kassiererin des Museums verkauft sogar noch von den sauren Drops in den großen Bonbongläsern.

Und weil es am Main so schön ist, folgen wir dem Fluss stromabwärts entlang der Weinberge. Ein Schmuckstück romanischer Baukunst ist die Kirche der Benediktinerabtei, die bereits 770 gegründet wurde.

Burg Rothenfels grüßt mit stolzen Mauern von ihrem steilen Hügel hinab. In Marktheidenfeld kauderwelschen die Lausbuben in Deutsch und Türkisch miteinander und halten ihre Angeln einträchtig in den grünen Fluss. Schöne Fassaden mit Fachwerk und rotem Sandstein finden sich auch hier in den Gassen. Das Prunkstück der Stadt, das Franckhaus, ein reiches Bürgerhaus aus der Barockzeit, betört das Auge mit seiner Fassade in Ultramarin mit Golddekoration. Und wenn nicht gerade geheiratet wird, kann man die herrlich ausgemalte Decke des heute als Trausaal fungierenden Salons im ersten Stock bewundern. Die Bibelfiguren "Josef und seine Brüder" sehen aus wie arabische Prinzen und halten ihr Versöhnungsmahl unter wohlwollend blickenden Figuren ab, die die damals bekannten vier Erdteile darstellen. Für uns gibt es zum Abendbrot Zander und Rehbraten in der uralten Wirtstube des Anker. Weitere Erkundungen auf den Spuren der Spessarträuber haben Zeit bis zum nächsten Morgen.

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