Zeitung Heute : Durch die Enge geführt

Jahr für Jahr rückte ihnen die Vergangenheit näher. Am Holocaust-Mahnmal haben die Geschwister Dreyfus sie nun gefunden

Claudia Keller

Das erste Mal hörten sie davon vor sechs Jahren. Damals ahnten sie noch nicht, dass es sie eines Tages nach Berlin führen würde. Und noch weniger ahnten sie, dass es ihnen etwas über ihre Familie offenbaren würde, das sie für immer verschüttet geglaubt hatten.

Es war ein Bericht im französischen Fernsehen, ein Bericht darüber, dass die Deutschen vorhatten, in Berlin ein Denkmal für die ermordeten Juden zu bauen. Die Familie Dreyfus hat das damals schnell wieder vergessen, nur das Kind hat es im Kopf behalten. Die Eltern waren erstaunt, als der damals zehnjährige Sohn von Evelyne Dreyfus ein paar Monate später fragte: „Sind denn die Steine schon in Berlin angekommen?“ – „Welche Steine?“ – „Die Steine für dieses Denkmal.“

Vor zwei Jahren kam dann der Anruf aus Berlin: Ein junger Historiker stellte sich vor. Er arbeite für die Stiftung Denkmal der ermordeten Juden Europas und wolle anfragen, ob ihre Familiengeschichte Teil des Denkmals werden könnte.

Nun sind die Geschwister Evelyne und Gérard Dreyfus aus Paris und Straßburg nach Berlin gekommen. Am Dienstag erleben sie im Festzelt die Eröffnungsfeier für das Mahnmal mit.

Die Familie Dreyfus aus dem Elsass ist eine von 15 Familien, deren Schicksal in dem unterirdischen „Ort der Information“ dokumentiert ist. Wenn man dem Ausstellungsparcours folgt und den „Raum der Familien“ betritt, fällt der erste Blick auf ein Gruppenfoto der Familie Dreyfus aus dem Jahr 1912. Aus Straßburg und von der anderen Rheinseite waren sie angereist damals, um die Großeltern im elsässischen Uttenheim zu besuchen. Für das Familienfoto versammelten sie sich vor deren etwas zusammengesackten Haus, die Großeltern betrieben eine Gewürzhandlung. Diese Großeltern, die beiden alten Leute in der Mitte des Fotos, sind die Urgroßeltern von Gérard und Evelyne. Links außen sitzt ihr Großvater Leopold Dreyfus, damals noch ein junger Mann. Zwischen den Knien hält er einen kleinen Jungen im Matrosenanzug. Neben ihm sitzt seine junge Frau Léonie, die ein Baby auf dem Schoß hält: Alice. Den Holocaust überlebt haben nur der kleine Junge im Matrosenanzug und seine Mutter Léonie.

Der Junge im Matrosenanzug ist der Vater von Evelyne und Gérard Dreyfus, die nun auf einem goldenen Plüschsofa in der Lobby des Hotels Ritz-Carlton am Potsdamer Platz sitzen. Gérard, 61 Jahre alt, dreht an seinem Ring mit hebräischen Buchstaben, Evelyne, fünf Jahre jünger, beugt sich immer wieder nach vorne und zurück, richtet den Blick in die Ferne. Die Dinge, die sie in den vergangenen Tagen erlebt hat, haben sie aus der Ruhe gebracht.

Der Vater und die Großmutter Léonie haben nicht oft vom Holocaust gesprochen. Auf dem Grabstein von Léonie in Straßburg, an dem sich die Familie jedes Jahr im September trifft, steht der Satz: „Zur Erinnerung an meinen Mann, der 1944 in Theresienstadt gestorben ist.“ „Mehr hatten wir nicht“, sagt Gérard Dreyfus in perfektem Deutsch. Was aus Tante Alice geworden ist, haben sie nie erfahren, sie war seit 1943 verschollen.

Zum ersten Mal war die Vergangenheit vor 15 Jahren näher gerückt: Das Dorf, in dem die Großeltern eine koschere Metzgerei betrieben und das heute in Deutschland liegt, hatte Gérard und Evelyne mit ihrem Vater eingeladen. Evelyne ist Journalistin. Die Arbeit mit der Kamera hat ihr Abstand zu ihrer Familiengeschichte gebracht. „Aber bei diesem Besuch war ich sehr gerührt“, sagt sie – in fließendem Deutsch.

Als sich dann Jahre später Ulrich Baumann aus Berlin am Telefon meldete, waren sie erst einmal überrascht, aber sofort bereit, sich mit dem Historiker zu treffen. Baumann hatte die Familie gefunden, weil er im Rahmen seiner Doktorarbeit über Juden in Baden-Württemberg auf eine frühere Nachbarin der Dreyfus’ gestoßen war. Jetzt war er auf der Suche nach Holocaust-Überlebenden, deren Famililengeschichten er mit Hilfe ihrer Erzählungen und Dokumente für den Ort der Information rekonstruieren wollte.

Evelyne und Gérard Dreyfus zeigten Baumann Briefe vom Großvater aus Theresienstadt und alte Fotos. Baumann machte sich Kopien. Im Gegenzug schickte er einmal im Monat Fotos von dem wachsenden Stelenfeld und rief an, wenn er in einem Archiv etwas Neues über die Familiengeschichte entdeckt hatte. „Das war sehr interessant, aber das Denkmal war immer noch weit weg“, sagt Evelyne und lehnt sich zurück. „Noch hatten diese Betonklötze nichts mit uns zu tun.“ Dann klingelte das Telefon wieder und Baumann sagte: „Ich habe eine Überraschung für Sie: Die verschollene Alice leistete Zwangsarbeit bei Siemens in Berlin.“ Evelyne Dreyfus, eine kleine zierliche Frau in Jeans und schwarzem Rollkragenpulli, rutscht auf der Sofakante ganz nach vorn, der Anruf sei einer der aufregendsten Momente der vergangenen zwei Jahre gewesen. Die Vergangenheit, die in den raren Erzählungen des Vaters und der Großmutter nur grobe Umrisse gewonnen hatte, nahm mit jedem Anruf aus Berlin mehr Form an.

Vorher war nur bekannt gewesen, dass Großmutter Léonie 1939 aus dem badischen Dorf zu ihrem Sohn nach Straßburg gezogen war: Aus dem Sohn – dem Jungen im Matrosenanzug auf dem Familienfoto – war ein Eisenwarenhändler geworden. Léonies Mann, Großvater Leopold, und die Tochter Alice durften nicht nach Frankreich einreisen, sie hofften, in der Anonymität der Großstadt Berlin untertauchen zu können. Hier wohnte eine Cousine.

Die Denkmalstiftung schickte später auch Fotos vom Modell der unterirdischen Ausstellungsräume, dann wählte man gemeinsam Fotos aus. Vor einem halben Jahr kam schließlich die Einladung zur Eröffnungsfeier.

Am Sonntag, dem 8. Mai, zwei Tage vor der Zeremonie, landet Evelyne Dreyfus schließlich in Berlin. „Nur nicht in eine Demonstration geraten, für oder gegen Neonazis“, denkt sie. „Demonstrationen, bei denen Deutsche etwas brüllen, das könnte ich nicht aushalten.“ Am Montag landet Gérard. Vom Flughafen fährt er kurz ins Hotel, dann geht er zum Mahnmalsgelände. Besichtigung des Stelenfeldes und der Ausstellung steht auf dem Besuchsprogramm der Denkmalstiftung. Die Geschwister sind nervös und neugierig. Aber was sie dann im „Raum der Familien“ erfahren, überrascht sie völlig.

Die Kellnerin stellt Kaffee auf den Tisch in der Lobby des Ritz-Carlton. Einen Moment herrscht Stille. Evelyne schaut Gérard an, Gérard Evelyne. „Ich weiß ja nicht, wie es dir gegangen ist“, sagt Evelyne schließlich, „für mich ist der Höhepunkt hier in Berlin der Moment, als ich in der Vitrine gelesen habe, dass Alice 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert wurde.“ Gérard nickt: „Ich kam als Erster in den Raum, stand vor dem Schaukasten mit unserer Geschichte. Ich war sprachlos.“ Nur noch ein Gedanke ist in seinem Kopf: „Das ist nicht irgendeine Familie, das ist meine Familie. Mein Gott. Das ist Alice. Endlich wissen wir, was mit ihr passiert ist.“

Wie lange sie in der Ausstellung waren, können die beiden nicht sagen. Eine Stunde? Zwei Stunden? Evelyne versetzte die Erfahrung in eine Art Trance. Sie schließt einen Moment die Augen. „Ich habe das Gefühl, als sei ich gar nicht hier in Berlin, als sei ich nicht im Ritz-Carlton, sagt sie dann. „Ich bin die ganze Zeit nur in meiner Familie.“ Wie in einem Film, aber diesmal sei sie vor der Kamera – Abstand geht im Moment nicht.

„Alice und der Großvater sind gestern zum ersten Mal lebendig geworden“, sagt Gérard. „Jetzt haben sie ein öffentliches Gesicht und ihre Namen zurück. Die Deutschen, die sie ermordet haben, haben sie wieder lebendig gemacht.“

Die Geschwister sind von Peter Eisenmans Mahnmal begeistert. Auch dass es mitten in Berlin liegt, hat sie beeindruckt. Daran komme keiner vorbei. „Die Deutschen haben getan für die Aufarbeitung der Geschichte, was sie konnten“, sagen sie. Am Montagabend hatte die Denkmalstiftung und der Förderverein zum Konzert in die Philharmonie eingeladen. Aufgeführt wurde auch ein Stück von Arnold Schönberg, „Ein Überlebender aus Warschau“. Darin ruft ein Sprecher auf Deutsch SS-Befehle in den Konzertraum – wie gruselig war den beiden Geschwistern da zumute.

Viel Zeit bleibt nicht, um sich in Berlin umzusehen. Schon ist es Dienstag, 14Uhr. Im Festzelt auf dem Mahnmalsgelände ist es stickig und heiß. Evelyne und Gérard sitzen unter den anderen Angehörigen links vorne an der Bühne. Getragene Musik von Arvo Pärt bringt Ruhe in das Zelt.

Wolfgang Thierse, Vorsitzender der Denkmalstiftung, dankt den Familien, dass „sie die persönlichen Zeugnisse ihres Leidens zur Verfügung gestellt haben“. Nicht was Politiker sagen sei wichtig, sagt Evelyne, sondern wie sie es sagen. Als Thierse spricht, senkt sie ihren Kopf. Seine Worte scheinen anzukommen. Später erzählt Sabina van der Linden von dem grausigen Schicksal ihrer Familie in Polen. Immer wieder kommt sie ins Stocken, kämpft mit den Tränen, zwingt sich zum Weiterreden. Viele im Publikum, nicht nur Evelyne, haben Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

Irgendwann spricht Lea Rosh, die mit ihrem Förderverein 17 Jahre lang für das Denkmal gekämpft hat. Sie hält einen Backenzahn in die Kamera, den sie vor vielen Jahren in der Nähe eines Vernichtungslagers gefunden hat. Der Zahn sei die Initialzündung für das Denkmal gewesen. Jetzt soll er in eine der Stelen eingelassen werden. Zum Schluss singt ein Rabbiner „Kaddisch“, das jüdische Totengebet. „Die Feier, die Reden, die Musik, das war großartig“, sagt Gérard Dreyfus hinterher. Das Denkmal sei jetzt wie ein Grab für ihre Verwandten. „Hier können wir ihrer gedenken.“ Deshalb wollen die beiden Geschwister nun öfter nach Berlin kommen. Von nun an jedes Jahr.

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