Zeitung Heute : Durch die Hölle gehen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

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So ähnlich stelle ich mir die Hölle vor. Seit einer Woche geht mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. Genauer gesagt, seitdem ich beschlossen hatte, diese Zeilen dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest zu widmen.

Das Deutsch-Amerikanische Volksfest ist der Inbegriff des Grauens. Es ist laut, grell, und an allen Ecken und Enden wird man von aufdringlichen Animateuren bedrängt, Dinge zu tun, die entweder albern, kreislaufschädigend oder lebensgefährlich sind. Und für all das muss man auch noch bezahlen.

Neuberliner sollten wissen, dass das Volksfest früher mehr war als nur eine Kirmes. Damals, als die Alliierten noch ihre schützende Hand über unsere Stadt hielten, dienten die Feste nicht nur dem Vergnügen, sondern auch der Völkerverständigung. Mit viel Liebe und Akribie wurden amerikanische Städte als Pappkulisse nachgebaut. Es gab amerikanisches Bier, Eis und Fingerfood, lange bevor deutsche Supermärkte auf die Idee kamen, diese Dinge in ihre Regale zu packen.

Dennoch begann schon damals meine Liebe zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest zu bröckeln. Schuld war ein Karussell, das harmlos aussah, mich aber in Todespanik versetzte, weil man in kleinen Göndelchen rauf und runter fuhr, sich zugleich im Kreis drehte und die Waggons dann auch noch seitlich gekippt wurden. Damals beschlich mich zum ersten Mal der Verdacht, womöglich zu alt für diese Art der Vergnügung zu sein. Das ist kein schönes Gefühl. Zum Glück teilte Tom (heute sechs) jahrelang meinen Hass. Die Ausflüge auf das Volksfest endeten meist kurz hinter der Kasse. Dem Kind war die Musik zu laut, die Ansager zu doof, die Karussells zu schnell. Und ich war zufrieden.

In diesem Jahr wollten wir wieder hin. Nachschauen, ob alles noch genauso scheußlich ist wie immer. Doch dann fing es an zu regnen. Es regnete am Sonntag, es regnete am Montag, und unser Keller lief so voll, dass Linda (zwei) ihre Badehose anziehen und dort baden gehen wollte. Am Dienstag regnete es immer noch, aber Tom und ich gingen hin.

Wir fuhren Kinder-Karussell und Auto-Scooter, warfen mit Bällen auf Büchsen, angelten Enten, traten beim Pferderennen gegeneinander an – und amüsierten uns prächtig. Es regnete und regnete, der nachgebaute Strand von Florida versank im Matsch, das rollende 3-D-Kino war geschlossen, und außer uns lief nur noch eine Hand voll Unentwegter über den Festplatz. Am Abend wurde noch die Miss Volksfest gewählt, aber leider konnten wir so lange nicht bleiben. Obwohl angesichts des strömenden Regens die Konkurrenz vielleicht gar nicht mal so groß gewesen wäre.

Am nächsten Tag war dann Kindertag. Halbe Preise, volles Haus, Riesenlärm. 20 Minuten haben wir es ausgehalten, und ich kann Ihnen sagen: So ähnlich stell’ ich mir die Hölle vor.Heike Jahberg

Das Deutsch-Amerikanische Volksfest ist am Sonntag zu Ende gegangen. Aber im nächsten Sommer gibt es wieder eines. An Unterhaltungsangeboten mangelt es trotzdem nicht. Vom 16. bis 25. August wird im Festzelt an der Onkel-Tom-Straße (Zehlendorf) beispielsweise „Kasperle im Zauberland" gespielt.

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