Zeitung Heute : Durch die Stadt donnern

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Kein halbes Jahr zuvor hatte ich noch über all die Eltern gelästert, die ihren Kindern diese teuren Design-Laufräder kaufen müssen: mit putzigen Lederkissen und perfekt gestylt, so dass man sie getrost ins Wohnzimmer stellen kann. Typisch Yuppie-Eltern!, hatte ich gehöhnt: Geht es nicht eine Nummer kleiner? Nein, weiß ich heute, ehrlich zerknirscht, zumal wir mit Jan und Josefine gleich zwei dieser Mini-Chopper namens „Velocat“ spazieren führen.

Das erste war noch als Proberad für Jan auf uns gekommen, ausgesucht vom Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion für die Rubrik „Verbrauchertest“. Dort besitzt man ebenfalls einen teuren Geschmack und hat ein Herz für die Berliner Wirtschaft, denn die „Radkatzen“ werden gleich um die Ecke hergestellt. Klar, dass Josefine ihrem Zwillingsbruder da nicht länger auf einem Dreirad hinterherhecheln wollte. Und auch wir Eltern hätten es nicht mehr unter einem dieser edlen Holz-Laufräder getan, die noch keine Blumengirlande, keine Tigerente verunziert.

Jan und Josefine rasen also ästhetisch einwandfrei bei Spaziergängen vor uns her. Nur geht uns jedes Mal durch Mark und Bein, wenn sie beim Absteigen ihr Gefährt auf den Boden knallen lassen. Die Unversehrtheit ihres Vehikels ist allerdings die geringste Sorge bei einem Fahrzeug ohne Bremse. Wie durch ein Wunder haben diese Großstadtkinder noch jedes Mal rechtzeitig gehalten, egal in welchem Tempo sie auf die Kreuzung zuheizen. Mir bleibt nur, mit rudernden Armen an den Straßenecken die nächste Richtung vorzugeben. Oder von hinten „rechts!“, „links!“ zu brüllen, was Jan und Josefine mit ihren dreieinhalb Jahren dank fortgeschrittener Verkehrstüchtigkeit perfekt beherrschen.

Mittlerweile haben sie sich das Gehabe der Großen zugelegt: geben wie echte Biker Gas mit der rechten Hand, lassen dazu „Brrrrrrr!!“ den Motorsound ertönen. Bei unserem letzten Ausflug mit Freund Oscar, natürlich ebenfalls mit Laufrad unterwegs, ging ein Flair von „easy rider“ von ihnen aus. Wir blickten nur noch neidisch hinterher. Bis zur übernächsten Ecke, da lagen die Rädchen auch schon wieder auf dem Boden, und die Hell’s Angels von morgen greinten: „Bitte tragen!“

Laufräder sind zu beziehen u.a. über „Die Idee“, Eisenacher Str. 78, Tel. 76885574.

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