• „Durch diese Gasse musste ich gehen“ Es gab Ärger um Alexandra Kamp – sie flog aus einer TV-Jury. Dabei hält sie sich für ein Sonnenkind. Ein Gespräch über Höhen und Tiefen in der Unterhaltungsbranche.

Zeitung Heute : „Durch diese Gasse musste ich gehen“ Es gab Ärger um Alexandra Kamp – sie flog aus einer TV-Jury. Dabei hält sie sich für ein Sonnenkind. Ein Gespräch über Höhen und Tiefen in der Unterhaltungsbranche.

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Frau Kamp, erinnern Sie sich noch an den Garten, den Sie einmal auf Ihrer Schweizer Alm hatten?

Na, klar, das war ein Traum. Das war ja nicht nur ein Garten, sondern eine ganze Landschaft, die sich mehrere Bauern teilten. Auf unserem Abschnitt gab es einen Schimmel, einen Rappen, einen Teich mit Enten, eine kleine Laube mit Kaninchen und Meerschweinchen und einen riesengroßen Kräutergarten.

Wie kamen Sie eigentlich da hin?

Eine Liebesgeschichte. Ich lernte Mitte der 90er Jahre den holländischen Tenniscoach Sven Groeneveld kennen…

…ein prominenter Mann in seiner Branche: Er hat unter anderem Michael Stich und Mary Pierce trainiert…

…und nach fünf Monaten waren wir verheiratet. Zuvor hatte mich Sven jeden Tag gefragt, fünf Monate lang, ob ich seine Frau werden will. Und irgendwann habe ich geantwortet, warum eigentlich nicht. Wir liebten uns. Ich fand das so bezaubernd, dass jemand so hartnäckig ist und es so Ernst meint. Wir lebten also in der Schweiz, und da sagten wir uns: Wenn schon Schweiz, dann richtig Schweiz, also auf die Alm.

Diese Phase dauerte nicht allzu lang.

Diese Alm war sicherlich einer der Orte, an dem ich mich am wohlsten und glücklichsten gefühlt habe. Einfach, weil ich da mitten in der Natur war. Aber dann bekam ich eines Tages ein Angebot für ein Casting zu der Sat-1-Serie „Fieber“ in Berlin. Ich ging hin und bekam die Rolle. Sie wollten aber nur eine Schauspielerin, die in Berlin wohnt, weil sie hohe Reisekosten vermeiden wollten. Also nahm ich mir eine Wohnung in Berlin. Das war natürlich schwierig, auch für unsere Beziehung. Das ging auf die Dauer nicht gut.

Wie lange waren Sie verheiratet?

Eineinhalb Jahre. Während der Dreharbeiten der Serie lernte ich in Berlin Fred Kogel kennen. Den Rest kennt man ja. Müssen wir nicht ausführen.

Damals auf der Alm hätte Ihr Leben auch völlig anders laufen können. Sie hätten Kinder bekommen, eine Familie gründen können.

Kinder? Ich weiß nicht. Ich kann noch so sehr nach innen hören. Aber die Uhr tickt nicht. Ich werde jetzt zum ersten Mal Patentante. Das macht mich schon nervös genug. Mal gucken, wie ich das schaffe. Ich fühle mich einfach nicht bereit dafür. Vielleicht wird es nie kommen. Vielleicht sagt in drei Jahren der Körper, Pech gehabt, das wars, vorbei. Oder er sagt, okay, wir probieren es.

In einem Fernseh-Interview sagten Sie mal, Sie hätten schon als Kind einen großen Wunsch nach Anerkennung gehabt.

Das stimmt. Das ging früh los. Das war bei mir eine starke Antriebsfeder. Ich habe schon als Kind gerne meine Familie zum Lachen gebracht. Ich bin auf Familienfesten als Otto-Imitator aufgetreten. Und womöglich mag meine Leidenschaft für die Bühne eine Rolle gespielt haben, dass ich mich nicht so ganz auf eine Zukunft auf dieser Alm einlassen wollte. Ich dachte schon gelegentlich: Welche Castingfrau soll mich denn hier entdecken?

Sie sagten auch mal, dieses Bedürfnis nach Anerkennung hat mit der frühen Scheidung Ihrer Eltern zu tun.

Das kann sein. Ich war noch ziemlich klein, als sich meine Eltern trennten. Weil mein Vater viel unterwegs war, als Musiker und Schauspieler, war klar, dass ich zu meiner Mutter kommen würde. Anfangs war ich dann ziemlich eklig zu meiner Mutter, weil ich während der wenigen Male, die ich bei meinem Vater war, immer totale Narrenfreiheit hatte. Meine Mutter musste sich die eine oder andere Quengelei von mir sicher anhören. Aber das ist ja alles längst vorbei, ich liebe meine Eltern sehr, beide, habe zu ihnen einen wunderbaren Kontakt. Das alles hat sich relativiert. Aber als Kind war es nicht einfach. Ich hatte damals monatelang mit einer Gastritis zu kämpfen. Das zeigt, wie sehr mir das damals auf den Magen geschlagen hat.

Wenn Sie heute zurückdenken: Wie sehr haben Sie diese frühen Erfahrungen geprägt?

Ich bin ein sehr unabhängiger Mensch, das hat sicher damit zu tun. Wenn ich in einer sehr glücklichen Familie aufgewachsen wäre, wer weiß, vielleicht hätte ich dann früh geheiratet und Kinder bekommen. Ich habe früh begriffen, dass Männer keine Lebensversicherung sind. Ich wollte dies auch nie. Ich will mein eigener Herr sein. Ich möchte nie von irgendjemanden abhängig sein.

Es heißt, dass manche Scheidungskinder von einem gewissen Verlorenheitsgefühl ihr Leben lang begleitet werden.

Bei mir ist das nicht so. Es gibt so einen Spruch: Wherever I lay my hat, that’s my home. Ich weiß es ja, ich habe in Paris gelebt, in New York, drei Jahre in Barcelona. Ich spreche diese Sprachen, das fällt mir leicht. Ich fühle mich überall wohl, weil ich aus jeder Situation das Beste machen will.

Wie sah das Zimmer der 15-jährigen Alexandra Kamp aus?

Lassen Sie mich überlegen. Jedenfalls gab es nie ein Pferdefoto. Die so genannten Pferdemädchen haben mich genervt. Ich habe als Kind lieber mit Jungen gespielt als mit Mädchen. Also, bei mir im Zimmer hing ein Poster von den Rolling Stones.

Mit 15?

Als ich das erste Mal in einem Stones-Konzert war, war ich elf. Ich war wahrscheinlich der jüngste Stones-Fan Deutschlands. Ich kannte alle Texte auswendig. Das lag daran, dass meine Mutter völlig Stones-verrückt ist. Wir waren bis heute bestimmt zusammen in elf, zwölf Konzerten von dieser Band.

Wie hat Ihre Mutter der 11-Jährigen Liedtitel wie „Starfucker“ erklärt?

Da hat sie gar nichts erklärt, weil ich auch nichts gefragt habe. Mich hat eher interessiert, von welcher Angie der da singt. Mit 13, 14 kamen andere Bands hinzu: Madness, Fischer Z, Talking Heads, dann fand ich BAP toll und später auch AC/DC.

Wir halten fest: Alexandra Kamp war ganz schön frühreif.

Aber nur in Sachen Musik. In allen anderen Bereichen war ich der totale Spätzünder. In der Klasse war ich immer die Längste und Dünnste. Die anderen Mädchen waren schon viel weiter entwickelt, die Jungs hatten nur Augen für die. Damals waren frauliche Figuren sehr in. Bei mir hat alles schrecklich lange gedauert. Ich will Ihnen mal ein Beispiel erzählen von meinem ersten Freund. Ich war 15, er 19. Er fragte, was mein Lieblingsbuch sei. Ich sagte: „Momo“ von Michael Ende. Dann fragte ich ihn, er sagte: „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Musil. So war das. Später hat dieser Freund mir ein Buch geschenkt, welches bis heute eines meiner Lieblingsbücher ist: „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss. Ein gnadenlos hartes Buch, das die Wut eines Jungen schildert, der erwachsen wird.

Frau Kamp, wenn Sie heute auf Ihr Leben blicken, wie fällt eine Bestandsaufnahme aus?

Sehr gut. Ich fühle mich ausgezeichnet. Mein Leben ist ganz wunderbar.

Wunderbar? Das überrascht uns.

Warum?

Na ja, in den letzten Wochen mussten Sie in aller Öffentlichkeit ein ziemlich schauerliches Spiel über sich ergehen lassen. Erst kippte Hugo Erwin Balder kübelweise Häme über Ihre angeblichen Schönheitsoperationen aus, und am Ende verloren Sie Ihren Juroren-Job bei „Star-Search“. Das war alles nicht nur lustig.

Natürlich nicht. Alles wunderbar soll nicht heißen, dass das nicht wehgetan hat. Ich bin froh über diese Erfahrung, weil sie mich stärker gemacht hat. Durch diese Gasse musste ich gehen, und ich weiß jetzt genau, wer meine Freunde sind. Ich habe ja auch schon vorher gewusst, wie manche in diesem Business ticken. Das hat mich im Grunde nicht überrascht. Deshalb bin ich auch in kein Loch gefallen.

Wir wollen nicht länger bei dieser unerfreulichen Geschichte bleiben, nur noch eines dazu: Sie waren in dieser Sendung selbst eine Jurorin, die über diese jungen Leute urteilt, auch über deren Aussehen. Etwas überspitzt formuliert: Hat sich da ein Prinzip umgedreht? Plötzlich richtete sich dieser scharfe Blick auf Sie.

Also, ich habe mich schon bemüht bei meiner Kritik nie verletzend zu sein. Aber es stimmt schon, was Sie da sagen. Das trifft den Punkt.

Ziehen Sie aus dieser Geschichte irgendwelche Konsequenzen?

Für mich persönlich, ja. Dabei geht es um das Ziehen von Grenzen. Ich bin da nicht am Ende meiner Überlegungen angelangt.

Sie sagten: Sie wussten auch vorher schon, wie Teile dieser Branche gelegentlich ticken.

Wissen Sie, in der Regel habe ich gute Erfahrungen gemacht. Aber es gibt eben auch andere. Als ich mit Fred Kogel zusammen war…

…dem damaligen Sat1-Chef…

…bekam ich schon mal eine Anfrage, man wolle sich unbedingt mit mir treffen, weil sie ein Drehbuch geschrieben hätten, das genau auf mich zugeschnitten wurde. Man geht als Jungschauspielerin da hin und freut sich, unterhält sich drei Stunden und verliebt sich immer mehr in die Rolle. Plötzlich kommt dann der Nebensatz: Wir finden ja, dass dies ein perfekter Film für Sat1 wäre… Dass man so für dumm verkauft wird, das hat mich geärgert. In solchen Momenten werde ich dann sehr deutlich.

Man merkt: Unterkriegen lassen wollen Sie sich grundsätzlich nicht.

Nein, vielleicht ist das so etwas wie ein Lebensmotto von mir: Wie es ist, ist es, also mache das Beste draus. Dieses Motto ist in einem eher etwas kitschigen Moment entstanden. Mit 17, 18 war eines meiner Lieblingsbücher „Homo Faber“ von Max Frisch. Ich habe immer davon geträumt, die Rolle der Tochter zu spielen. Eines Tages kam der Anruf, ich sei für ein Casting für den Schlöndorff-Film „Homo Faber“ eingeladen, genau für diese Rolle. Ich fuhr hin und unterhielt mich fünf Stunden mit Schlöndorff, wir redeten über das Buch, über den Französischen Film und wie sehr wir beide Frankreich lieben. Als ich ging, dachte ich, wow, das lief ja super, die Rolle bekomme ich. Zwei Wochen später kam der Anruf, das sei ja alles sehr nett gewesen, aber die Rolle bekam Julie Delpy, auch deshalb, weil der Film eine französische Coproduktion war. Ich habe völlig überreagiert und drei Nächte durchgeheult. Doch dann, eines Morgens lief im Radio dieses Lied von Doris Day „Que Sera, Sera“, Sie wissen schon, „what ever will be, will be“. Da dachte ich, genau, das wird mein Lied. Hört sich kitschig an, ich weiß, aber es war so.

Sie waren 15, als Ihre Model-Kampagne begann.

Ein befreundeter Fotograf hat meine Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass ich doch lange und sehr schöne Beine hätte – und sie solche Beine gerade für eine Strumpfkampagne suchen. So fing es an. Ich freute mich sehr, weil es für mich eine große Selbstbestätigung war. Ich wurde dann drei-, viermal im Jahr für diese Kampagne fotografiert. Und dann haben sich meine Beine anscheinend herumgesprochen, plötzlich flog ich um die Welt, für Dior, Yves Saint Laurent und Calvin Klein. Ich fand das großartig, aber meiner Schule gefiel das gar nicht, auch meine Klassenkameraden fanden das nicht so toll. Ich hatte ziemlichen Ärger, weil ich öfter gefehlt habe.

Ihr Abitur haben Sie aber an der Schule noch gemacht.

Ja, aber im Nachhinein denke ich, es war ein Fehler. Ich hätte lieber mit 16 aufhören sollen mit der Schule. Diese Jahre waren im Rückblick Zeitverschwendung. Ich wäre lieber schon mit 16, 17 in die Welt hinausgezogen.

Frau Kamp, gibt es für Sie eine Sehnsucht nach perfekter Schönheit?

Was ist das denn, bitte, perfekte Schönheit?

Es gibt nicht wenige Menschen, die so unzufrieden sind mit ihrem Aussehen, dass sie es unbedingt verändern wollen.

Ich denke, Schönheit hängt in erster Linie von der inneren Befindlichkeit ab. Zufriedene, glückliche Menschen, die mit sich im Reinen sind, die das leben, was sie sich erträumen, sind auch schön.

Zum Thema Schönheitsoperation haben Sie schon vor einiger Zeit gesagt, dass dies für Sie sehr wohl in Frage kommen würde, wenn Sie mit irgendwas unglücklich wären. Nach dem Motto: Wenn man sich hässlich fühlt, ist man auch nicht zufrieden.

Ich finde die Diskussion in Deutschland zum Thema Schönheitsoperationen sehr uncharmant. Warum muss man sich für sein Aussehen rechtfertigen? In Frankreich ist man da sehr viel zurückhaltender, charmanter. Da hat man mehr Respekt.

Halten Sie sich für einen gefährdeten Menschen?

Nein, gar nicht. Ich bin gut geerdet.

Drogen?

Ich war ein paar Mal beschwipst in meinem Leben, das wars dann aber auch. Und das Einzige, was Marihuana mit mir macht: Ich werde hungrig und dann müde. Das bringt mir nichts. Nee, Drogen sind nichts für mich. Nur eines ärgert mich: Dass ich mit 33 angefangen habe zu rauchen. Das ist ziemlich bescheuert.

Wie kam das?

Ich war in Australien. Wir haben einen Film gedreht und mein Partner Hardy Krüger jr. hatte 13 Jahre nicht geraucht und musste in einer Szene rauchen. Wir saßen auf dem Balkon, haben die Szene für den nächsten Tag besprochen, und er hat sich zur Probe eine angezündet. Und sagte dann noch, wie eklig das für ihn ist. Ich dachte, okay, aus Solidarität nehme ich auch ein paar Züge. Tja.

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