Zeitung Heute : Durch Wunderkammern wandern

Die Ausstellung „WeltWissen“ zeigt Berlin als innovative Forscherstadt – durch drei Jahrhunderte

Constanze Haase

Eintreten. Stehen bleiben. Weltwissen bestaunen. Doch dann: nur Schatten. Mehr als 100 Objekte in quadratisch-praktischen Regalen ins Licht getaucht. Ein überdimensionales Gehirn ist darunter, Skulpturen, Bücher, menschliche Skelette, aber auch tierische, wie das von Condé, dem einstigen Lieblingspferd des Preußischen Königs Friedrich dem Großen. Die Ausstellung WeltWissen ist der Höhepunkt des Berliner Wissenschaftsjahres 2010. Eine Panoramaschau mit mehr als 1500 Exponaten, die in den vergangenen 300 Jahren aus der Welt nach Berlin gelangten, hier im wissenschaftlichen Gebrauch waren, entwickelt oder erforscht wurden.

Hier also, unter der Glaskuppel des Martin-Gropius-Baus, wirft die Wissenschaft ihre Schatten voraus. Wer die überdimensionale, 500 Quadratmeter große Installation, die der US-amerikanische Künstler Mark Dion gemeinsam mit den Architekten und Ausstellungsmachern gestaltet hat, im Lichthof des Museums auch von vorne erkundet hat, wird zu zwei Rundgängen eingeladen. Zehn Themenräume, die Namen wie Streiten, Reisen und Experimentieren tragen, stellen Methoden des Forschens und Findens über die Disziplinengrenzen hinweg vor und geben faszinierende Einblicke in die Arbeit von Wissenschaftlern. In weiteren sechs Räumen werden in chronologischer Abfolge 300 Jahre Berliner Wissenschaft in den Kontext der jeweiligen Epoche gestellt.

„WeltWissen stellt die Berliner Wissenschaften und ihre Vernetzungen innerhalb der Stadt in den Mittelpunkt, thematisiert aber gleichzeitig, dass wissenschaftliches Schaffen nicht an der Stadtgrenze endet“, sagt Michael Kraus, einer der Kuratoren der Ausstellung, über das Konzept. Zwei, die sinnbildlich für diese Auffassung standen, sind die Brüder Humboldt. Wilhelm, der Bildungsreformer und Universitätsinitiator, und Alexander, der Naturforscher und Weltreisende. Auf ihre persönlichen Leistungen wie auch auf ihr wissenschaftliches Umfeld wird in der Ausstellung gleich mehrfach eingegangen.

Dabei war die Gründung der Universität vor 200 Jahren eher unspektakulär. Um dem Ganzen doch ein klein wenig Glanz zu verleihen, schrieb Clemens Brentano seine Kantate „Universitati Litterariae“, die im Original ausgestellt ist. Wilhelm von Humboldts Ideen über Bildung und Wissenschaft, wie er sie in seinem Manuskript über die „innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ niedergelegt hat, spielten für die Entstehung der Universität eine wichtige Rolle. 1910 wurde der inzwischen vergessene Text im Universitätsarchiv bei den Vorbereitungen zum 100-jährigen Jubiläum wiederentdeckt und publiziert. Noch einmal 100 Jahre später wird er in der Diskussion um die Studienreform im Namen von Bologna wieder zitiert.

Die Ausstellung erzählt Geschichten – und verzichtet dabei fast gänzlich auf Biografisches. Anmerkungen und Kritzeleien auf Vorlesungsmitschriften des Mediziners Rudolf Virchow oder die Schreibfedern Alexander von Humboldts verraten mehr über die bedeutenden Gelehrten, als ein bloßes Datum es je könnte. Mit zahlreichen Kollegen im In- und Ausland stand Humboldt in regem Briefwechsel. Doch die umfangreiche Korrespondenz war ihm oft eine Last, und er klagte darüber, seine eigenen Forschungen wegen der vielen zu beantwortenden Schreiben selbst nur in der Nacht zwischen 23 und zwei Uhr betreiben zu können. Ein gesellschaftliches Großereignis waren seine berühmten „Kosmos-Vorlesungen“ in Berlin. Selbst König Friedrich Wilhelm III. mischte sich regelmäßig unter die Zuhörer: „800 Menschen atmen kaum, um den einen zu hören“, schrieb Karl von Holtei damals an Goethe.

Erfolgreiches, Beständiges und Skurriles hält die Ausstellung bereit, darunter die Staubsammlung des Begründers der Mikrobiologie, Christian Gottfried Ehrenberg. Aber auch Brüche und Verwerfungen zu Zeiten des Nationalsozialismus werden thematisiert.

Und bevor die Besucher schließlich wieder austreten aus dem Raum des Staunens und WeltWissens bekommen sie die Gelegenheit geboten, die Schatten der Wissenschaft unter der Glaskuppel einzufangen. Mit speziell entwickelten „sprechenden“ Fernrohren können sie das Skelett von Condé und den anderen Exponaten der Installation in den Blick nehmen, während eine Hörgeschichte Hintergrundinformationen zum Objekt verrät.

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