Zeitung Heute : Durch Zeit und Raum

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Von Peter von Becker

Immer wieder möchte man die stummen Dinge zum Reden bringen. Hier den Schreibtisch, an dem der gerade 26jährige „Technische Experte III. Klasse“ im Eidgenössischen Patentamt zu Bern in seinem Wunderjahr 1905 gesessen haben soll. Dort Albert Einsteins Lieblingssessel oder die Standuhr mit den Eisengewichten, die im Wohnzimmer in Berlin und später in Princeton dem Einstein-Clan die Stunde geschlagen hat. Wir fahren mit der Hand über das Holz, pochen an die Wurmlöcher und imaginieren uns à la Proust eine Madeleine der verlorenen, der wiedergefundenen Zeit.

Natürlich lebt Albert Einstein zuallererst fort in seinen Theorien, Aufsätzen, Reden, Briefen. Aufgehoben ist das Denken und Fühlen des Jahrhundertgenies zudem in den Konvoluten von Manuskript-Mappen, Aktenordnern und Kartons, die heute als Einsteins Erbe in der Hebräischen Universität Jerusalem verwahrt werden. Eine Schar schwer bewaffneter israelischer Soldaten hatte das Archiv aus dem Institute for Advanced Study, Einsteins Arbeitsstätte in seinen letzten 22 Jahren, während einer Dezembernacht 1981 auf einen Lkw verladen und Stunden später nach Tel Aviv geflogen. Das war Israels vermutlich einziger offizieller Truppeneinsatz auf amerikanischem Boden – um 26 Jahre nach Einsteins Tod ein wenig verspätet seinen letzten Willen zu erfüllen. Sechs Wochen später starb Helen Dukas, Einsteins Privatsekretärin seit Berliner Zeiten, die bis dahin sein Archiv in Princeton verwaltet hatte.

Was jedoch ist jenseits der Gedankenwelt noch geblieben an originalen Spuren, an authentischen Orten?

Es gibt ein paar verstreute Erinnerungsstätten, aber kein wirkliches Einstein-Museum. Das entspricht Einsteins Wunsch. Der jahrzehntelang von Verehrern, Bittstellern und Wichtigtuern aus der ganzen Welt genervte Mann wollte nicht auch posthum noch zur Wallfahrt dienen; ihm grauste vor einem Einstein-Schrein.

Sein halbes Leben lang war er nach eigenen Worten ohnehin ein „Zigeuner“ gewesen – mit festen Adressen zwar, aber, seine Bücher und Papiere ausgenommen, fast ohne bürgerlichen Besitz. In 76 Jahren hatte er 26 zumeist möblierte Wohnungen und (spät erst) zwei Häuser. Allein in Bern, wo vor 100 Jahren die Spezielle Relativitätstheorie entstand, ist er zwischen 1902 und 1906 sechsmal umgezogen. Nur an zwei Orten überhaupt hat Albert Einstein länger gelebt: in Berlin, von 1914 bis 1933, danach bis zu seinem Tod 1955 in Princeton, in der kleinen feinen Universitätsstadt eine Zugstunde südlich von New York.

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