Zeitung Heute : Durchatmen

Lars von Törne[z. Zt. Toronto]

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Holen Sie mal tief Luft. Merken Sie es? Wie der Qualm in der Lunge kratzt und beißt? Was denn, Sie spüren nichts? Das muss die Gewöhnung sein. Vielleicht fällt es einem erst auf, wie verraucht die Berliner Luft ist, wenn man von außen draufschaut. Aus Kanada zum Beispiel, wo ich derzeit meine Urlaubstage unter anderem in gut belüfteten Cafes und qualmfreien Kneipen verbringe, in denen ich täglich das kanadische Gegenstück zum Tagesspiegel, die Zeitung „The Globe and Mail“, lese. Darin berichtetet vor einigen Tagen Europa-Korrespondent Doug Saunders von einem offenbar ziemlich verrauchten Berlin-Besuch. „Am auffälligsten bei der Ankunft ist der alles durchdringende Rauch, der die Luft an jedem öffentlichen und privaten Ort vernebelt“, schrieb er. Die Zigarette werde in Deutschland „wie der Bierhumpen und das politische Protestplakat als fester Bestandteil der Umwelt betrachtet“.

Das Urteil des kanadischen Reporters mag für Berliner Ohren übertrieben klingen; aber wer wie ich einige Wochen Großstadtleben genossen hat, ohne nach jedem Kneipenbesuch seine Kleider in die chemische Reinigung geben zu müssen, der lernt den nordamerikanischen Rigorismus in dieser Sache zu schätzen. Schuld daran, dass wir Deutschen das mit der nichtraucherfreundlichen Stadt nicht hinbekommen, sind übrigens die Nazis, wie der kanadische Besucher ganz ohne Ironie feststellte. Die Tatsache, dass man in Berlin sich selbst und alle anderen wie selbstverständlich mit Rauch einnebelt, sei ein „hart erkämpftes Symbol der Nachkriegsfreiheit“. Nicht zuletzt wegen der fanatischen Anti-Rauch-Haltung Hitlers werde das Rauchen „von vielen Deutschen als Bürgerrecht betrachtet“.

Dennoch gibt es Hoffnung, beruhigt uns der kanadische Berlin-Besucher. In Berlin habe still und effektiv eine jüngere Generation an Einfluss gewonnen, die dem Laster nicht nur abschwört, sondern es inzwischen sogar im Bundestag mit Verboten eindämmen will. Eine Aussicht, die Doug Saunders zu der euphorischen Bilanz hinreißt: „Die Deutschen haben tatsächlich einen neuen Bewusstseinszustand erreicht.“ Nach einer so versöhnlichen Aussicht freue ich mich fast auf die Rückkehr nach Berlin.

Die Zeitung The Globe and Mail im Internet: http://www.theglobeandmail.com.

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