Zeitung Heute : Durchblick bei Brustkrebs

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man verborgene Tumoren findet

Hartmut Wewetzer

Am letzten Dienstag starb Paul Lauterbur. Wenn Sie sich jetzt fragen, wer das ist, brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Trotzdem gibt es einen guten Grund, an ihn zu erinnern. Lauterbur, der ein Chemiker mit freundlichem Gesicht und grauem Bart an der Universität von Illinois war, bekam 2003 den Medizin-Nobelpreis für die Entwicklung der Magnetresonanz-Tomografie. Damit sind wir mitten im Thema. Die Magnetresonanz-Tomografie (MRT) erlaubt nämlich sehr genaue Aufnahmen aus dem Körperinneren, und das ganz ohne Strahlenbelastung. Eine neue Untersuchung zeigt, dass sie auch bei der Suche nach Brustkrebs große Vorteile bietet und andere Verfahren in den Schatten stellen kann.

Bei jeder zehnten Frau wächst, nachdem Brustkrebs auf der einen Seite aufgetreten ist, auch in der anderen Brust ein bösartiger Tumor. Ein deutsch-amerikanisches Ärzteteam unter Leitung von Constance Lehman von der Universität von Washington in Seattle setzte die Magnetresonanz-Tomografie bei knapp 1000 Frauen mit kürzlich erkanntem Brustkrebs ein. Mit der MRT wurde die vermeintlich gesunde Brust untersucht. Und das, obwohl die Tastuntersuchung und eine herkömmliche Röntgenaufnahme (Mammografie) nichts Verdächtiges gefunden hatten. Anders die MRT. Bei 30 der Frauen konnten Krebsherde in der Brust ausfindig gemacht werden, die die anderen Verfahren übersehen hatten.

Der wesentliche Vorteil der MRT ist ihre große Empfindlichkeit. Ihr entgeht so gut wie nichts Verdächtiges. Wenn man mit der MRT keinen Tumor in der Brust findet, dann ist höchstwahrscheinlich auch keiner da. „Außerdem kann man das Verfahren zur Problemlösung bei schwierigen Fällen einsetzen“, sagt Ulrich Bick, Radiologe an der Berliner Uniklinik Charité. „Zum Beispiel bei einer jungen Frau, bei der man an der Brust etwas Auffälliges ertastet hat, bei der aber die Röntgenuntersuchung wegen der Gewebedichte nicht geeignet ist.“

Der Vorteil des Verfahrens wird mit einem nicht unerheblichen Nachteil erkauft. Manchmal sieht man mit der MRT nämlich Gefahren, die gar nicht existieren. Die MRT übersieht nichts, aber sie schlägt auch oft blinden Alarm. Bei 121 Frauen entnahmen die deutschen und amerikanischen Ärzte aufgrund verdächtiger MRT-Aufnahmen Gewebe. Aber nur bei 30 war der Verdacht begründet. 91 Frauen waren also umsonst behandelt worden, hatten sich ohne Grund geängstigt. Dieses Problem ist einer der Gründe dafür, dass das Verfahren überwiegend bei Frauen eingesetzt wird, die ein hohes Brustkrebs-Risiko haben. Zum Beispiel, weil sie ein Brustkrebsgen in sich tragen.

„Man benötigt viel Erfahrung, um die Aufnahmen richtig zu interpretieren“, sagt der Charité-Radiologe Bick. Ähnlich sieht es auch seine Kollegin Ute Kettritz vom Helios-Klinikum Berlin-Buch. „Die herkömmliche Röntgenaufnahme bleibt vorerst unentbehrlich“, sagt sie. „Aber die MRT-Geräte werden besser.“

Noch was vergessen? Ach ja: danke, Herr Lauterbur.

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