Zeitung Heute : Durchgezählt

Faire Verteilung, geschützte Daten: Welche Vorteile der Zensus 2011 für die Gesellschaft hat

Gert G. Wagner
Nahaufnahme. Wer sind die Deutschen? Wo und wie leben sie, welche Bedürfnisse haben sie an die Gesellschaft? Das will der Zensus herausfinden. Foto: picture-alliance/ZB
Nahaufnahme. Wer sind die Deutschen? Wo und wie leben sie, welche Bedürfnisse haben sie an die Gesellschaft? Das will der Zensus...Foto: picture-alliance / ZB

Der 9. Mai war der Stichtag für den Zensus 2011, also das, was man früher „Volkszählung“ genannt hat. Obwohl das ganze Volk gezählt wurde, hat nur etwa jeder dritte Privathaushalt unmittelbar davon etwas mitbekommen. Lediglich eine Stichprobe von knapp 10 Prozent der Bevölkerung wurde befragt. Da aber auch alle Haus- und Wohnungsbesitzer kontaktiert wurden, ergibt sich etwa ein Drittel befragter Haushalte.

Die entscheidende Zensus-Zahl, nämlich die Bevölkerungszahl, wird mit Hilfe einer statistischen Auszählung der Daten der Einwohnermeldeämter und der Bundesanstalt für Arbeit ermittelt. Durch diese Kombination der Methoden wird viel Geld gespart. Denn eine konventionelle Volkszählung würde heutzutage mehrere Milliarden Euro kosten. Gleichwohl ist auch der Zensus nicht billig, etwa 750 Millionen Euro kostet er. Doch wozu ist das Ganze gut?

Der wichtigste Zweck ist zunächst, die Bevölkerungszahl in Deutschlands Städten und Gemeinden zu ermitteln. Denn der Finanzausgleich innerhalb der Europäischen Union und innerhalb Deutschlands hängt von dieser Zahl ab. Aus diesem Grunde muss das Volk gelegentlich gezählt werden.

Es besteht zwar Meldepflicht, aber Verletzungen werden nicht staatlich sanktioniert. Insbesondere entsteht dem Einzelnen kein Schaden, wenn er sich nicht abmeldet, oder beim Erst- und Zweitwohnsitz schummelt. Deswegen wird als ein Ergebnis des Zensus’ damit gerechnet, dass über eine Million Menschen weniger in Deutschland leben, als gegenwärtig geschätzt wird.

Innerhalb Deutschlands ist ein gemeldeter Kopf im Rahmen des Finanzausgleichs ungefähr 2500 Euro pro Jahr wert. Wenn in einer Großstadt also 10 000 Menschen mehr leben als gegenwärtig angenommen wird, dann macht das ein Minus von 25 Millionen Euro pro Jahr aus. Und das Jahr für Jahr. Das fehlende Geld kann also dafür verantwortlich sein, dass es zu wenige Kindergärten gibt oder die Straßen in einem miserablen Zustand bleiben. Andere Gemeinden sind aufgrund der ungenauen Zahlen zu gut ausgestattet. Insgesamt könnten also gut und gerne aufgrund der neuen Zensus-Zahlen mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr gerechter verteilt werden.

Von der Bevölkerungszahl hängen teilweise auch die Tarife von Stromversorgern ab. Und die Zahl der Sitze im Bundesrat auch, was bei kontroversen Entscheidungen eine signifikante Rolle spielen kann.

Die wichtigste statistische Funktion einer Volkszählung beziehungsweise des Zensus’ ist jedoch sehr abstrakt. Der Zensus liefert nämlich den „Hochrechnungsrahmen“ für die Stichproben, die heutzutage vielen Entscheidungen zugrunde liegen. Insbesondere wissenschaftliche Erhebungen sind darauf angewiesen, dass geprüft werden kann, ob alle Gruppen, die man erreichen will, sich auch tatsächlich bei einer freiwilligen Erhebung beteiligen. Falls nicht (zum Beispiel machen Junge und Alte bei Umfragen ungern mit) werden die Ergebnisse anhand der Eckzahlen des Zensus’ „umgewichtet“. Das ist völlig unspektakulär, aber für die Aussagekraft oftmals entscheidend. Es ist höchste Zeit, dass wieder verlässliche Eckdaten durch den Zensus vorgelegt werden.

Ein Wort noch zur Datensicherheit, denn der Zensus steht durchaus in der Kritik. Besorgte Bürger fragen: Kann der Staat das zentrale Personenregister, das für den Zensus angelegt werden soll, nicht missbrauchen? Oder können die Daten gar von Adressenhändlern zweckentfremdet werden, die für 80 Millionen Menschen Persönlichkeitsprofile anbieten könnten?

Die Antwort lautet: Es entsteht gar kein zentrales Einwohnerregister. Denn die Zensusdaten dürfen nur innerhalb der Statistischen Ämter verarbeitet werden. Und diese Ämter legen auf Datenschutz größten Wert. Noch nie gab es in der amtlichen Statistik einen Datenschutzskandal. Und es werden auch keineswegs die vollständigen Daten der Einwohnermeldeämter und der Bundesagentur für Arbeit an den Zensus geliefert, sondern nur wenige Angaben über Geschlecht, Alter und Beruf. Zum Beispiel die Einkommensangaben, über die die Bundesagentur verfügt, bleiben dort und werden nicht an die Statistikämter weitergeleitet. Und die Daten gelten nur für den Stichtag des 9. Mai 2011, sie werden keineswegs ständig aktualisiert.

Ganz wichtig ist ebenfalls: Wenn sich bei der Befragung von zehn Prozent der Bevölkerung herausstellt, dass jemand nicht dort gemeldet ist, wo er wohnt, so wird diese Information den Bereich der Statistik nicht verlassen. Es gibt ein „Rückspielverbot“. Der Zensus wahrt also das Statistikgeheimnis voll und ganz. Das ist gut so. Die Volkszählung 1983 wurde vom Verfassungsgericht genau aus diesem Grund verboten. Damals war ein Abgleich der Volkszählungsbefragung mit den Meldeamtsdaten vorgesehen. Dieses Vorhaben hätte alle Prinzipien der amtlichen Statistik verletzt.

Auch kann man davon ausgehen, dass die Zensus-Daten nicht von Hackern zweckentfremdet werden können, obgleich das natürlich theoretisch möglich ist. Angesichts der technischen und organisatorischen Sicherheitsmaßnahmen ist aber ein erfolgreicher Datenangriff nahezu ausgeschlossen. Das wird daran ersichtlich, dass zum Beispiel die Daten der Bundesagentur für Arbeit, die auch die Daten über das Einkommen beinhalten, und die zum Beispiel für Werbezwecke viel interessanter sind als die Zensus-Daten, niemals missbraucht wurden. Effektiver Datenschutz ist möglich.

Gert G. Wagner ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er ist Vorsitzender der „Zensus-Kommission“, die den Zensus wissenschaftlich begleitet.

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