Zeitung Heute : Durchs alte Europa

Er war der Guru des Reise-Schriftstellers Bruce Chatwin. Vor 70 Jahren begann seine Wanderung: Die Abenteuer des Patrick Leigh Fermor.

Susanne Kippenberger

Was für ein Tag! Ein Tag zum Zuhausebleiben. Vor lauter Regenschirmen sieht man London nicht mehr, die Fußgänger werden weggeweht, das Taxi schwimmt durch die Kälte zum Hafen. Schnell die letzten Umarmungen, ein Abschied auf Jahre, schon steigt der Wanderer auf den Dampfer – und könnte nicht besserer Laune sein. Der 18-Jährige geht auf große Reise: ans Schwarze Meer.

Als er in der Dämmerung des nächsten Morgens in Holland landet, als einziger Gast mit dem Zug durch die verschneite Landschaft nach Rotterdam fährt – da hat er das Gefühl, durch eine Geheimtür nach Europa zu schlüpfen. Am 10. Dezember 1933 zieht Patrick Leigh Fermor in Hoek van Holland los, am 1. Januar 1935 kommt der Wanderer in Konstantinopel an. Dazwischen: ein halber Kontinent und ein ganzes Leben, so wird es ihm später erscheinen. Er wird mit Matrosen den Rhein hinunterfahren, mit Schweinehirten am Lagerfeuer trinken, rumänischen Rabbis im Wald begegnen und sich in eine verheiratete Ungarin verlieben. Er wird Fahrrad-Polo spielen und in Kövecsepuszta Proust schätzen lernen, wird kalten deutschen Speck probieren (grässlich, findet er), unter Bäumen, in Polizeizellen und in Palästen schlafen, er wird die SA singen hören und sich von Europa verzaubern lassen.

Learning by walking and talking: So könnte man diese unglaubliche Bildungsreise eines Jungen beschreiben, dem die Schulbank immer zu eng gewesen war und der sich nun mit Begeisterung auf jede Begegnung, auf Sprachen, Abenteuer und Bücher stürzt. Leigh Fermor, in Großbritannien heute als Renaissancemensch verehrt, als Mann des poetischen Wortes und der militärischen Tat, hatte nicht einmal einen richtigen Schulabschluss, als er an jenem pitschnassen Dezembertag loszog. 1915 als Sohn eines Geologen, der in Indien arbeitete, geboren, verlebte der Junge die ersten Jahre in völliger Freiheit auf einer englischen Farm. Immer wieder wechselte er die Schulen, flog aus der letzten schließlich raus: weil der Teenager Händchen gehalten hatte mit der Tochter des Gemüsehändlers, einer Frau von 24 Jahren.

Paddy, wie Freunde und Fans den inzwischen 89-Jährigen heute noch nennen, ging nach London, um sich auf die Aufnahmeprüfung zur Militärakademie vorzubereiten – und das Leben eines jungen Bohemiens zu leben, in einer Wohngemeinschaft, in der die Partys nie endeten. Auch wenn er fleißig mit seinen Privatlehrern lernte (am liebsten im Liegestuhl im Park), Griechisch und Geographie, Literatur und Geschichte – eine Offizierslaufbahn in Friedenszeiten erschien ihm dann doch nicht verlockend genug. So fasste er seinen romantischen Plan: von Hoek van Holland quer durch Europa nach Konstantinopel zu wandern. Allein, wie ein Tramp, mit wenig Geld in der Tasche und einem klaren Ziel vor Augen: Schriftsteller zu werden.

Das wurde er auch, 1950 erschien sein erstes Werk. Da war Leigh Fermor längst als Kriegsheld berühmt. Die britische Armee hatte den humanistisch gebildeten Griechenlandfan 1942 nach Kreta geschickt; dort lebte er drei Jahre lang als Verbindungsoffizier mit Partisanen in den Bergen und nahm den deutschen General Kreipe fest – eine Heldentat, die später mit Dirk Bogarde in der Hauptrolle verfilmt wurde. Dass er seine Bücher über die Europa-Wanderung, „A Time of Gifts“ und „Between the Woods and the Water“, erst 40, 50 Jahre nach der Reise schrieb, der dritte Band bis heute fehlt, hat seinem Ruhm nicht geschadet, im Gegenteil: Jetzt war die Zeit reif. Reisende Schriftsteller wurden gerade richtig populär, und das Rumänien, von dem Leigh Fermor erzählte, mit seinen Wölfen und Bären und Schluchten, das Ungarn mit seinen Grafen und Baronen, das malerische, unzerstörte Rotterdam waren für die britischen Leser so exotisch und unerreichbar wie das Patagonien, von dem Paddys junger Freund Bruce Chatwin zur selben Zeit schrieb. Als junger Mann hatte Leigh Fermor ein Europa erlebt, das in den 80er Jahren wie weggewischt war; so virtuos beschrieb er es jetzt, dass auch die Leser es sehen, riechen, hören und schmecken konnten.

Ein Jugendlicher, der heute zum ersten Mal nach New York kommt, hat das Gefühl, längst da gewesen zu sein: Jedes Hochhaus hat er schon mal im Kino gesehen. Als Leigh Fermor in Holland an verschneiten Mühlen und Kanälen vorbeimarschiert, kommt er sich wie in einem Gemälde von Brueghel vor: diese Weite, diese Landschaft, dieses Licht! Wie viele Engländer seiner Klasse und Generation hat er all das bei unzähligen Museumsbesuchen schon kennen gelernt. Anstelle von Soap Operas haben Sagen und Geschichtsbücher seine Fantasie angeregt, seine Vorstellungen geprägt. Nicht Brad Pitt – Karl der Große ist sein Held.

„Student“ hatte er nach langem Grübeln in seinen Pass als Beruf eingetragen. Eine kluge Entscheidung, so merkt er schnell, „ein Sesam-Öffne-Dich“. Als wandernder Student ist der charmante Engländer überall willkommen. Das gehört für den heutigen Leser zu den großen Überraschungen dieser Reise: Auf welch warmherzige Gastfreundschaft der Wanderer mit seinem Rucksack überall stößt – so offen, wie er auf die Menschen zugeht, egal, ob Bürgermeister oder Penner, so offen wird er, Jahrzehnte vor Erfindung des Massentourismus, auch empfangen. Die holländische Wirtin zum Beispiel, die dem müden Reisenden, nachdem er in der Gaststube eingeschlafen ist, ein Zimmer gibt, wo er zum ersten Mal unter einer Daunenfederdecke, dick wie ein Baiser, schlummert, will nicht einmal Geld dafür nehmen. Als ihm der Rucksack geklaut wird (das einzige Mal, das ihm so etwas passiert, in München, das ihm ohnehin kalt und pompös erscheint, „die zugigste Stadt der Welt“, in der ihm mehr SA- und SS-Truppen begegnen als irgendwo sonst), gibt ihm der englische Konsul einfach das Geld, das ihm nun fehlt.

Oder der russische Baron, der ihm Horaz in einer kostbaren Ausgabe schenkt, überhaupt: die ganze Aristokraten-Schar in Österreich, Ungarn und Rumänien. Auch lange nach der Abschaffung des Adels funktioniert ihr Netzwerk perfekt; nach dem Schneeballprinzip schicken sie ihn von einem Schloss zum nächsten, wo er (mit einem Hauch schlechten Gewissens, schließlich wollte er ja Europa als Pilger durchqueren) ein Leben führt wie ein Prinz auf der Erbse. Auf die kostbaren Bibliotheken und gewaltigen Enzyklopädien stürzt er sich mit derselben Neugier wie auf die Gespräche mit den Schlossherren, die Partys, Picknicks und Diners. So entspannt, wie er sich mit bayerischen Bauern und friesischen Schmuggeln unterhält, diskutiert er mit den Schlossherren Literatur und Geschichte, wird in Wien und Budapest, was er schon in London war: Mitglied der Jeunesse Dorée.

Leigh Fermor ist im Zeitalter von Jazz und Faschismus unterwegs, aber in den ungarischen Herrenhäusern steht noch immer das Bild der geliebten Kaiserin Elisabeth auf dem Flügel. So wie im Wirtshaus am Niederrhein Hitler zwischen Friedrich dem Großen, Bismarck und Kaffee-Hag-Reklame hängt und in Wien Kaiser Franz Joseph allgegenwärtig ist. Kein Wunder: Die Zeit der k.u.k.-Monarchie lag damals nicht länger zurück als für uns heute der Mauerfall.

Leigh Fermor ist bestens ausgerüstet für seine Reise. „Eine gefährliche Mischung aus weltläufiger Intellektualität und Verwegenheit“ hatte ihm ein Rektor schon als Schüler bescheinigt. Nur selten auf seiner weiten Reise, die er mit Schaftstiefeln und Turnschuhen lässig zu bewältigen scheint, ist der junge Mann „incommunicato“, wie er es nennt. Hände und Füße, Charme und Slibowitz helfen im Notfall immer weiter. Und wenn ihm, so allein auf langen Strecken, langweilig wird, beginnt er Shakespeare und Keats zu rezitieren, Limericks aufzusagen und Lieder zu singen: „Shuffle off to Buffalo“.

In jedem Land versucht er die Sprache zu erlernen, und eigentlich ist ihm nur Ungarisch wirklich zu schwer. Englisch beherrschen in der Regel allein die Mitglieder der Oberschicht; sie sind mit englischen Nannys groß geworden, haben Jahre in London verbracht oder, als Marineoffizier selbstverständlich die Sprache der führenden Seemacht gelernt.

Als lingua franca wird Deutsch den Briten auf seiner Reise durch Mitteleuropa begleiten. Das bringt er sich selber bei, mit „Hamlet“ vor allem. Die romantische Übersetzung von Schlegel und Tieck steckt die ganze Reise über im Rucksack, zwischen der dunklen Flanell- und der hellen Leinenhose, dem Tweed-Jackett, den Hemden und Schlipsen, einem Dutzend nagelneuer Taschentücher mit eingesticktem Monogramm (die hat ihm die Haushälterin eines Gastgebers geschenkt), zwischen Kompass, Taschenmesser, Reisenecessaire, Kerzen, Pyjamas, Streichhölzern, Pfeife, Tabak, Zigaretten, Skizzen- und Tagebuch, Landkarten und einer Thermosflasche, in die er nicht Tee füllt, sondern den regionaltypischen Schnaps, vom Himbeergeist bis zum Arrak.

Leigh Fermor ist einer, der sich gerne berauscht, am Wein genauso wie an der Sprache, an der wilden Donau und an Eiern im Glas („meine neueste Leidenschaft“), an der Kathedrale von Esztergom und an Menschen.Wer Patrick Leigh Fermor liest, dem wird schnell klar, warum England diesen Gentleman, dessen Humor und Eigenwilligkeit durch und durch britisch sind, nicht halten konnte. Und warum er nie richtig zurückgekehrt ist auf diese Insel, auf der man noch heute „Europe“ sagt, wenn man den Kontinent meint. Der kultivierte Kosmopolit ist das Gegenteil der „splendid isolation“. Bei ihm ist alles mit allem verknüpft. Immer wieder holt Leigh Fermor aus und streift durch die Geschichte, die aus seiner Sicht all diese Länder miteinander verbindet, so wie die Kultur. Das Wandern scheint die angemessenste Form zu sein, dieses Mitteleuropa kennen zu lernen, denn überall stößt Leigh Fermor auf Spuren von Völkerwanderungen, begegnet er Minderheiten, Slowaken in Ungarn, Ungarn in der Slowakei, Donauschwaben in Rumänien, Sachsen in Siebenbürgen und schließlich Türken in Rumänien.

So ist es auch kein Zufall, dass Patrick Leigh Fermor Rhein und Donau zum roten Faden seiner Reise bestimmt. Weil die Flüsse, von Mythen umrankt, alle Grenzen überschreiten, Menschen und Tiere über Hunderte von Kilometern hinweg miteinander verbinden. So komplex, auch fragil dieses Europa ist, das er beschreibt, so durchlässig ist es: Problemlos überschreitet er mit seinem englischen Pass alle Grenzen. Einen Eisernen Vorhang gibt es noch nicht.

Das Gehen zu Fuß ist eine bewusste Entscheidung. Alle Verkehrsmittel stehen zur Verfügung, Leigh Fermor nutzt sie auch zwischendurch, Bus, Bahn, Schiff und Pferd, lässt sich mit Wonne in Mercedes und Bugatti durch die Gegend chauffieren. Nur ein einziges Mal begegnet ihm ein anderer Langstreckenwanderer, ein Schornsteinfegergeselle auf der Walz, der versucht, ihn vom geplanten Wege weg nach Italien zu locken. Aber die klassische Grand Tour reizt den Engländer nicht. Ihn lockt das mythische Europa, die geheimnisvolle Mitte des Kontinents, die sagenumwobenen Gegenden, deren Namen schon so märchenhaft klingen, wie sie ihm dann auch in Wirklichkeit erscheinen: die Karpaten, Transsylvanien, die Wallachei.

Leigh Fermor hatte den richtigen Instinkt. Dieses Europa, das er durchwandert, steht kurz vor dem Untergang. Kaum eine Grenze würde bleiben, wie sie war, Millionen von Menschen würden sterben und vertrieben werden, Städte, ganze Landschaften untergehen.

Aber der Eindruck, der von dieser Reise bei aller Wehmut bleibt, ist ein sonniger. So sonnig wie Leigh Fermors Gemüt. Dass ihm sein Rucksack in München gestohlen wird, darüber ist er im Nachhinein froh: Der Ersatz sei viel praktischer. Nur einmal scheint er wirklich Angst zu haben, als er mit einem geliehenen Pferd bei wilden Zigeunern in der Pampa übernachtet. Seine adeligen Freunde hatten ihm zu viele Schauergeschichten erzählt. Nicht nur Herzlichkeit und Naturschönheit, auch Vorurteile und Ressentiments scheinen größer zu werden, je weiter er in den Osten vordringt. Auf dem Weg nach Rumänien vermacht ihm eine Ungarin eine kleine Pistole: Man weiß ja nie.

Es ist kein objektives Europabild, das Leigh Fermor in seiner barocken Sprache ausmalt. Er sieht die Welt mit den Augen des 18-jährigen historisch interessierten Romantikers, eines leidenschaftlichen Menschenfreunds. Wäre er nicht als wohlerzogener, unerschrockener, naturliebender und geselliger Engländer, sondern als junger Deutscher, als distanzierter Ethnologe oder gar richtiger Tramp herumgewandert, er hätte andere, schlechtere Erfahrungen gemacht.

So aber hat Leigh Fermor sich in Europa verliebt, zuletzt in Griechenland. Dorthin ist er, von Konstantinopel aus, weitergewandert, dort hat er die Faschisten bekämpft, dort, in der südlichen Peleponnes, hat der Nomade sich mit seiner Frau, einer Fotografin, ein Haus selbst gebaut: auf einer Steilklippe am Meer, umgeben von Zypressen und Olivenhainen. Dort lebt er heute noch. Und hat in einer byzantinischen Kirchenruine die Asche seines Freundes Bruce Chatwin vergraben, mit Retsina begossen und einem Gebet begleitet: „Möge die Erde leicht auf ihm ruhen und möge die Erinnerung an ihn ewig andauern.“

Chatwin hatte Leigh Fermor zu seinem „letzten Guru“ erklärt, so Nicholas Shakespeare in seiner Chatwin-Biografie. In Kardamily schrieb Chatwin seine „Traumpfade“, d.h. vormittags schrieb er, nachmittags gingen die beiden wandern. Für beide war das Gehen eine poetische Handlung, wie ein Freund es beschrieb, beide gelten als wahre Nomaden: ohne feste Heimat, überall zu Hause. „Solvitur ambulando“, erklärt der Ältere dem Jüngeren auf einer ihrer Wanderungen: Es wird durch Gehen gelöst.

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