Zeitung Heute : durchsetztes Wüstenpanorama“

Wohnlage im Westen: Die Wilmersdorfer Straße schaut auf eine hundertjährige Geschichte zurück

Harald Olkus

dertjährige Jubiläum bereits 1988 begangen werden müssen. Doch 1905 wurde die Straße abermals umbenannt, diesmal in die heutige Schreibweise Westfälische Straße. Namensgeber war die preußische Provinz Westfalen. Von 1807 bis 1813 bestand ein napoleonischer Vasallenstaat, der aus Teilen Westfalens, preußischen Provinzen und weiteren Gebieten gebildet war und Königreich Westphalen hieß.

Noch 1913 stand zwischen dem Hochmeisterplatz und dem Fehrbelliner Platz kaum ein Haus. Die Straße, vielmehr die ganze Gegend, entwickelte sich vom S-Bahnhof her. „Die Westfälische Straße, der Kurfürstendamm und der Henriettenplatz waren die Einkaufsstraßen für die Villenkolonie im Grunewald“, sagt Horst Hoppe. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand am Halensee auch ein großes Garten- und Ausflugslokal, wie es um diese Zeit im Berliner Raum groß in Mode war.

Später wurden daraus die Terrassen am Halensee, die dann in Luna-Park umbenannt wurden. Am 14. Mai 1904 wurde dieser Vergnügungspark eröffnet, der sich zum beliebtesten Ausflugsziel in der ganzen Berliner Umgebung entwickelte. „Durch diese Ausflügler und die Villenkolonie Grunewald ist Halensee, wie auch die Westfälische Straße letztlich gewachsen“, sagt Lokalhistoriker Hoppe. Die ältesten Bauten in der Westfälischen Straße sind nach Angabe des Schriftstellers Erich Richard Majewski die Häuser der Nummer 44 und das Doppelgebäude 39/40. „Die genannten Häuser weisen sich als älteste schon dadurch aus, dass sie noch dreistöckig sind. Für die ersten Mietshäuser in Halensee waren damals nur drei Stockwerke über dem Erdboden zugelassen.“

Die Nähe zur Villenkolonie machte die Westfälische Straße für viele jüdische Bewohner attraktiv. „Nach der Gegend um die Spichernstraße war Halensee eine der bevorzugten Gegenden für jüdische Berliner“, sagt Hoppe. Wie man im Buch des Schriftstellers Dieter E. Zimmer über Nabokows Leben in Berlin nachlesen kann, gilt dies auch für russische Emigranten. Zur Zeit des Nationalsozialismus tat das Regime allerdings viel, um das zu ändern: Horst Hoppe liegen eine Reihe von Nachweisen sogenannter „Arisierungen“ vor, in denen jüdische Hausbesitzer und Geschäftsinhaber um ihren Besitz geprellt wurden. Darüber hinaus führt Hoppe eine Liste von über 70 jüdischen Mitbürgern der Westfälischen Straße, die von den Nazis ermordet wurden.

Doch ein sympathisches Nebeneinander verschiedener Kulturen ist in die Straße zurückgekehrt: „Wir hatten in dieser Gegend schon immer einen großen Ausländeranteil“, sagt Horst Hoppe. „Heute sind es, wie schon in den 20er Jahren, Russen, außerdem viele Iraner und Italiener, die hier wohnen.“ Hoppe findet das sehr angenehm. „Eine schöne Wohngegend, kann man nicht anders sagen.“

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