Zeitung Heute : Durchzählen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Die neue Kleine Berlin-Statistik ist raus! Das Statistische Landesamt teilt darin seine schönsten und aktuellsten Zahlen mit, und es zieht Schlüsse. Den zum Beispiel: „Die in den beiden Vorjahren zu verzeichnende Bevölkerungszunahme setzte sich im Jahr 2003 nicht fort. Die Stadt verlor 3948 Einwohner. Dieser Verlust wurde durch einen Sterbeüberschuss von 4423 Personen verursacht, dem ein Wanderungsgewinn von nur 477 Personen gegenüberstand.“

Ist das jetzt schlimm? Sterbeüberschuss klingt natürlich ungesund. Ist in einer Gegend, in der die Leute lieber sterben, als Kinder zu bekommen, jedoch unausweichlich. Jedenfalls gab es im Jahr 2003 3948 Berliner weniger als noch 2002. In der U-Bahn ist mir das gar nicht mal so aufgefallen. Wenn ich mich recht erinnere, war es 2003 schon sehr voll in der U-Bahn. Voller als in diesem Jahr auf jeden Fall – was heißen könnte, dass wir 2004 einen noch viel höheren Sterbeüberschuss verzeichnen müssen. Was, wenn sich da der Wanderungsgewinn nicht rappelt?

Dass es weniger Berliner gewesen sein sollen, kommt mir auch deshalb merkwürdig vor, weil ich 2003 keine große, schöne und zugleich bezahlbare Wohnung fand. Da müssten doch etliche leer geworden sein. Es sei denn, der Sterbeüberschuss verdankt sich vor allem solchen, die zuletzt in Ein- und Zweiraumwohnungen oder in extrem teuren Drei- oder Vierraumwohnungen gelebt hatten.

Und dann fällt noch was auf. Während die bekannt gewordenen Straftaten seit 1995 leicht zurückgingen (von 580829 auf 563905), ist die Zahl der Strafgefangenen explodiert: 1995: 2907, 2003: 4343). Warum? Saßen 1995 noch die meisten wegen mehrerer Straftaten und 2003 nur noch Luschen, die sich gleich nach ihrem ersten Ding einsperren ließen? Oder hat das was mit dem erhöhten Sterbeüberschuss zu tun? Lauter Mörder, die sofort eingebuchtet wurden? Logisch auch, dass es da zu keinem großen Wanderungsgewinn kommen konnte. Gefährliches Pflaster hier. Da wandern nur noch schwere Jungs ein, werden sofort eingesperrt und zählen wahrscheinlich gar nicht mehr als statistisch Eingewanderte.

Die Kleine Berlin-Statistik gibt es kostenlos beim Statistischen Landesamt Berlin oder unter www.statistik-berlin.de

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