Zeitung Heute : Durst nach Musik

Schon im Gründungsjahr 1998 war das „Jerusalem Chamber Music Festival“ ein Riesenerfolg. Bis heute fasziniert es die Besucher durch seine einzigartige, kommunikative Atmosphäre.

Als 1998 das erste Chamber Music Festival in Jerusalem stattfand, ahnte keiner, dass dieses Unternehmen bald eine so außergewöhnliche und große Reputation gewinnen würde. Heute ist es eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse im Musikleben Israels. Während eines Besuchs, den sie aus Anlass des 60. Gründungsjubiläums des Israel Philharmonic Orchestra zusammen mit ihrem Ehemann Daniel Barenboim unternahm, kam Elena Bashkirova mit Journalisten und Musikwissenschaftlern ins Gespräch, die beklagten, dass Jerusalem immer mehr an kultureller Bedeutung verlöre. Aufgrund der verfahrenen politischen Lage zögen sich die Intellektuellen zurück, nach Tel Aviv oder gleich in die USA. Ein Festival müsste man haben, überlegten sie: Doch das kann nur jemand von außerhalb auf die Beine stellen. Die Sache ging Elena Bashkirova im Kopf herum, und sie entschloss sich, einen Test zu machen: Sie rief einige ihrer Künstlerfreunde an, berichtete von der Idee – und fügte gleich hinzu, dass es kein Geld für die Aufritte geben würde. Zu ihrer Freude aber signalisierten alle ihre Bereitschaft mitzumachen.

Also wagte sie den Schritt – und die Nachfrage von Seiten der Musikfreunde in Jerusalem war sofort enorm, der Durst nach Musik tatsächlich riesengroß. Vielsprachigkeit, eine Mischung von unterschiedlichen kulturellen Provenienzen sowie etwas chaotisch anmutende, aber dabei besonders sympathisch berührende Verhältnisse waren in den ersten Jahren charakteristisch für dieses Festival. Bis 2002 fand es in einer ehemaligen Karawanserei am Rande der Altstadt statt. Eine spannungserfüllte Stimmung lag über den Konzerten, die manchmal halbe Nächte lang dauerten und auf die Zuhörer – ganz überwiegend ältere Leute, Migranten aus vielen Ländern und Städten der Welt, die in Jerusalem ihre neue Heimat gefunden hatten – einen starken Zauber ausübten.

Das Jerusalemer Publikum war und ist der eigentliche Protagonist dieses Festivals. Und man kann sich kaum ohne Tränen an die Konzerte im September 2001 erinnern: Die Menschen kamen damals in Scharen, als suchten sie Schutz unter dem Mantel der Musik gegen die Bedrohungen von Draußen.

Von Anfang an war es für Elena Bashkirova, die künstlerische Leiterin des Festivals, wichtig, dem Publikum hervorragende, aber in Israel meistens noch unbekannte Musiker vorzustellen, und gleichzeitig die Ticketpreise so zu gestalten, dass es allen möglich ist, an den Konzerten teilzunehmen. So namhafte Musiker wie Jefim Bronfman, Mischa Maisky, Emanuel Pahud und Boris Pergamenschikow und viele andere mehr zogen immer mehr Publikum an, so dass ein Umzug an einen größeren Konzertort nötig wurde. Aufnahme fand das Festival im YMCA, einem spektakulären Gebäude aus den dreißiger Jahren, das die Symbole der drei Religionen Kreuz, Davidstern und Halbmond unter seinem Dach vereint. Im 600- Plätze-Saal findet das Festival bis heute jeweils Anfang September statt. Es ist ein Ort der ökumenischen Begegnung, ein Freiraum, in dem die Unterschiede der Religionen sich in eine harmonische Eintracht hinein auflösen.

Die Programme, die Elena Bashkirova jedes Jahr zusammenstellt, zeigen die künstlerische Leiterin als eine exzellente Dramaturgin und zugleich musikalische Weltbürgerin. Ein Hauptaugenmerk liegt natürlich auf der deutschen zentraleuropäischen Tradition, es gibt aber auch musikalische Länderportraits von Russland, Frankreich oder Amerika. Bei der Werkauswahl steht das klassische und romantische Repertoire im Vordergrund, doch werden immer wieder auch wichtige Komponisten der Moderne mit einbezogen, insbesondere die „Schönberg-Schule“ oder auch Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die durch die Nazis früh aus ihrem schöpferischen Leben gerissen worden sind.

Höhepunkte stellen weiter in jedem Jahr Uraufführungen von Komponisten dar, die oftmals auch als composer in residence fungieren. Wichtige Beiträge auf diesem Gebiet kamen unter anderen Kompositionen von Elliott Carter, von York Höller, Betty Olivero und Christian Jost. Einer der schönsten Festival-Aspekte ist die Gattungsvielfalt: Denn in jedem Konzert spielen die Musiker in verschiedenen Besetzungen. Da stehen Liederbeiträge neben klein oder groß besetzter Kammermusik, Solo-Auftritte neben Ensemble-Werken. Spannend sind auch die Kammermusik-Versionen großer symphonischer Werke wie Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, Arnold Schönbergs „Pelléas und Melisande“ oder Beethovens 2. Sinfonie.

Wenn es um die Zusammenstellung der Interpreten geht, dann sucht Elena Bashkirova stets nach der besten Mischung von etablierten Künstlern und Nachwuchstalenten: Denn wenn große Künstler mit jungen, aber durchweg hochbegabten Musikern zusammen musizieren, entsteht eine unverwechselbare Lebendigkeit.

„Besonders begeistert mich immer die Qualität des Zuhörens“, schwärmt Elena Bashkirova. „Die Leute warten tatsächlich das ganze Jahr auf das Festival, bereiten sich vor und kommen nach Konzerten mit besonders anspruchsvollem Programm zu mir und sagen: Sicher ist es schwere Kost – aber wir wollen ja etwas lernen.“

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