Zeitung Heute : Dylan und ich

Sein Fan zu sein, war nicht immer leicht. Manchmal wurde man ausgelacht. Am 24. Mai wird Bob Dylan 65. Eine Rückschau.

Tom Buhrow

Meine Schwester ist sechs Jahre älter als ich. Durch sie habe ich viel Musik mitbekommen, als ich noch sehr jung war. Sie besaß zwei Songbooks: eins von Donovan und eins von Bob Dylan. Mit acht Jahren konnte ich die beiden allerdings nicht genau unterscheiden. Der eine hörte sich eher sanft an, der andere kratzig und rau.

1971 kam der Film „Concert for Bangladesh“ raus, Dylan war überraschend im New Yorker Madison Square Garden aufgetreten. Der Freund meiner Schwester nahm mich, den 13-Jährigen, mit nach Bonn ins Programmkino – und ich geriet in Dylans Bann. Danach habe ich meine Tonbänder wochenlang immer wieder zurückgespult, um die Texte von „Mr. Tambourine Man“ und „A Hard Rain’s Gonna Fall“ zu verstehen. Ich habe mit meinem Schulenglisch nur Fetzen übersetzen können, doch je mehr ich über die Songs herausbekam, desto mehr hatte ich das Gefühl: Ich muss weitermachen. Da war zum Beispiel von einem blauäugigen Sohn die Rede: „Where have you been, my blue-eyed Son?“ Hey, damit war ich gemeint! Oder?

Die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit dieser Texte hat mich tief beeindruckt. Bob Dylan ist derjenige, der der Rockmusik Bedeutung und Inhalt gegeben hat. Seine Botschaft des Friedens kann man auch schon als Jugendlicher verstehen. „The Times They Are a-Changin‘“ zum Beispiel ist ja ein Song, der einen immer dann anspricht, wenn Wandel in der Luft liegt, nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Und für einen Heranwachsenden liegt jede Menge Wandel in der Luft.

Meine Schwester hatte mir drei Griffe auf der Gitarre beigebracht, damit kann man in der Folk-Musik ziemlich viel anfangen! Ich spürte, diese Musik wollte nicht gefallen, das mochte ich. Heute trifft man auf Bob-Dylan-Konzerten Eltern, die sich mit ihren Kindern einen schönen Abend machen. Doch als ich erwachsen wurde, lebten Kinder und Eltern auf zwei vollkommen verschiedenen kulturellen Planeten. Meine Eltern haben viel klassische Musik gehört, Ivan Rebroff, Gitte, Wenke Myrrhe. Da gab’s keine Brücke zwischen diesen Welten.

Ich hatte allerdings einen Onkel, der war ein lockerer Typ. Einmal sah er sich die Platten meiner Eltern an. Er sagte nur: langweilig. Schließlich blieb er bei „Rhapsody in Blue“ von Gershwin hängen. Da habe ich zum ersten Mal jemanden aus der Generation meiner Eltern kennen gelernt, der einen ähnlichen Musikgeschmack hatte wie ich. Mir wurde klar: Musik muss keine Generationsfrage sein.

Mit Dylan konnte man sich nicht nur vom Geschmack seiner Eltern absetzen, sondern auch von dem der Gleichaltrigen, die Deep Purple und Roxy Music hörten. Das hatte mir alles nichts zu sagen. Dylan konnte ich immerhin nachspielen, aber wer kann schon Roxy Music nachspielen? Natürlich haben sich meine Freunde über mich lustig gemacht, es ist ja auch sehr leicht, sich über Bob Dylan lustig zu machen.

Jemand schenkte mir 1973 die Platte „New Morning“. Damals dachte ich: Huch, was ist das denn? Die Musik hat mir erst viel später gefallen. Dylan war seiner Zeit immer voraus. Irgendwann kam er mit Country, viele Fans reagierten sauer. Heute erkennt man den Rebellen in Johnny Cash, mit dem er damals „Girl from the North Country“ im Duett gesungen hat. Bis dahin war Country die Redneck-Musik.

Und 1974 ging ich nach Amerika, Schüleraustausch. Da habe ich einen Freund gefunden, zu dem ich auch heute noch Kontakt habe. Wir haben zusammen Gitarre gespielt. Plötzlich verstand ich Dylans Texte. Als er 1975 „Blood on the Tracks“ rausbrachte, gab es die zweite Dylan-Renaissance. Und ich war dabei, in den USA, das blies mich vollkommen weg. Die Platte fing an mit „Tangled up in Blue“. Ich habe Lied für Lied atemlos vor dem Plattenspieler gesessen und mich eingefühlt in den Kosmos eines Mannes, der allein reist, ständig etwas hinter sich lässt. Da sind viele Songs drauf, die mit großem Schmerz zu tun haben, aber es sind trotzdem keine Herzschmerzsongs. Sie erzählen vom Weitergehen, das manchmal schmerzhaft sein kann, wenn man sich einsam fühlt, dann wieder sind sie voller Zuversicht.

Auch ich war damals auf meiner ersten großen Reise. Damals gab es natürlich noch kein Internet, und nach Hause telefonieren war sehr teuer, so dass ich während meines Jahres in Amerika wirklich von Deutschland abgeschnitten war. Dann erschien Bob Dylans Album „Desire“ – stärker ging’s nicht mehr.

Doch eine große Enttäuschung warf ihre Schatten voraus: Dylan machte die sagenhafte Tour „Rolling Thunder Review“ an der Ostküste entlang. Bloß: Ich war im Mittleren Westen, eine gefühlte Weltreise entfernt. Da war ich schon in Amerika und konnte mein Idol trotzdem nicht live sehen.

1978 hab ich ihn dafür in der Dortmunder Westfalenhalle erlebt. Ich weiß noch, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich nach dem Konzert zurückkommen sollte. Zum Glück traf ich irgendjemanden aus Bonn, der mich nachts noch nach Siegburg gefahren hat. Und dann bin ich 1984 extra nach Berlin gereist, zur Waldbühne, da war ich mitten im Examen und hatte eigentlich gar keine Zeit. Es war großartig, der Mann brannte regelrecht zu dieser Zeit.

Ende der 80er begann die „Never Ending Tour“, und Dylan wurde wahnsinnig schlecht. Als er mit Tom Petty auf Welttournee war, war er völlig abgeschlafft. Man erkannte die Songs nicht wieder, Dylan hatte ein Augenproblem und bestand darauf, im Halbdunkel zu spielen. Das war so schrecklich, dass ich niemanden mehr zu den Konzerten mitnahm, der nicht sowieso Fan war.

Als ich beim WDR die „Aktuelle Stunde“ moderiert habe, bin ich einmal nach London geflogen und drei Abende hintereinander ins Konzert gegangen. Montags morgen bin ich zurückgeflogen und direkt zur Arbeit gegangen – in schwarzen Lederhosen. Der Redaktionsleiter hat schon komisch geguckt. Das hatte schon echte Groupie-Qualitäten.

Ich ging weiter zu den Konzerten, weil ich dachte: Jetzt hänge ich schon so lange an seiner Musik, da halte ich ihm auch bis zum bitteren Ende die Stange. Dylan könnte es sich leicht machen und in Las Vegas eine Oldie-Show spielen! Aber er ging und geht jedes Jahr auf Tour. Ich dachte, irgendwann wird der Funke wieder überspringen. Wie bei einem Auto, das man anschieben muss. Go through the motions, und es wird wieder klappen. Aber ich habe nie behauptet, dass es ein ganz tolles Konzert gewesen ist, wenn es in Wirklichkeit grauenvoll war. Zum Glück hat Bob Dylan wieder Tritt gefasst.

1994 ging ich wieder nach Amerika und hatte zum ersten Mal die Möglichkeit, ihn hier zu sehen. Das war immer mein Traum. Ich war sehr gespannt, ob Dylan mit dem amerikanischen Publikum sprechen würde. Er ist da aber genauso wortkarg wie in Europa.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich Bob Dylan live gesehen habe, es waren mehrere Dutzend Konzerte. Die meisten Eintrittskarten habe ich noch. Vielleicht werde ich sie einmal alle einrahmen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Erlebnis 1996. Es war in Atlanta, während der Olympischen Spiele. Dylan trat erst gegen Mitternacht auf, was genau seinem Biorhythmus entsprach, er war gut drauf und ausgeschlafen. Und ich stand direkt vor der Bühne. Das war unwirklich. Er war da, aber er war irgendwie doch nicht da.

Wenn man jung ist, will man sich mit jemandem identifizieren, am besten mit einer abenteuerlichen Ersatzexistenz, aber das hat bei mir natürlich irgendwann nachgelassen. Es gibt ein T-Shirt, das bei Dylan-Konzerten immer verkauft wird. Da steht drauf: If you need somebody you can trust, trust yourself.

So ist es auch.

Aufgezeichnet von Esther Kogelboom.

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