Zeitung Heute : Dynamische Turbulenzen

Eine günstige Strömung: Der Mathematiker Rupert Klein erhielt den höchst dotierten DFG-Preis

Felicitas Aretin

Der Mathematiker und Klimaforscher Rupert Klein war sofort hellwach, als ihn in New York mitten in der Nacht der Anruf aus Deutschland erreichte, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) habe ihn mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis geehrt. Kein Wunder: Der DFG-Preis ist mit 1,55 Millionen Euro der höchst dotierte deutsche Förderpreis. Klein bekommt ihn für seine Turbulenzforschungen.

In diesem Jahr zeichnete die DFG zehn Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin aus. Insgesamt 207 Mal wurde bislang der Leibniz-Preis vergeben, der „die Arbeitsbedingungen herausragender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verbessern, ihre Forschungsmöglichkeiten erweitern, sie von administrativen Arbeitsaufgaben entlasten und ihnen die Beschäftigung besonders qualifizierter Nachwuchswissenschaftler ermöglichen will“.

Mit Rupert Klein erhöht sich die Zahl der Preisträger an der Freien Universität auf zwölf, rechnet man die Honorarprofessoren dazu, sind es dreizehn: Denn auch der jüngst vom Fachbereich Mathematik und Informatik zum Honorarprofessor ernannte Gerhard Huisken, Direktor am Albert-Einstein-Institut für Gravitationsphysik in Golm, gehört in diesem Jahr zu den Ausgezeichneten.

Die Liebe zur Technik und besonders zur Geschwindigkeit begann bei Rupert Klein mit dem ersten Moped. Als Schüler nahm er es auseinander und befasste sich mit den „akustischen Wellen, die im Auspuffrohr hin und her laufen“. Klein war technikfasziniert – und blieb es auch. So schrieb sich der geborene Wuppertaler an der renommierten RWTH Aachen für Maschinenbau ein und promovierte 1988 über das Thema „Stoßinduzierte Zündung und der Übergang zur Detonation in engen Spalten“. Nach einem Ausflug als DFG-Stipendiat in Princeton/USA habilitierte er sich an der RWTH.

Doch nicht allein der Mechanik gilt Kleins Interesse: „Ich wollte mich immer im Umweltschutz engagieren“, sagt der 43-Jährige. Dies verlangt ein interdisziplinäres Denken, wie es unter Maschinenbauern nicht selbstverständlich ist. Klein wandte sich von der reinen Maschinenbaulehre mehr und mehr der theoretischen Mathematik zu. Deren Methoden nutzte er, um verschiedene Strömungsprozesse in Computersimulationen darzustellen. „Schauen Sie her!“, sagt Klein dynamisch und führt auf seinem Notebook farbige Diagramme vor. Sie zeigen, wie eine rote Flammenfront in einem Rohr plötzlich nach oben lodert und eine scharfe rote Linie bildet. Sie zeigt den Übergang zur Explosion.

Nach einem kurzen Zwischenspiel als Professor für „Methoden der Sicherheitstechnik und Unfallforschung“ an der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal beschäftigt sich Klein seit 1997 mit der Klimaforschung.

Er sieht es als seine Mission in Berlin und Potsdam, eine Brücke zwischen Angewandter Mathematik und Informatik einerseits und der Klima- und Klimafolgenforschung andererseits zu schlagen. „Dabei stellt die Integration von Sozial- und Naturwissenschaften eine Herausforderung dar, die mir besonders am Herzen liegt“, erzählt Klein, der an der FU seit 1997 eine Stiftungsprofessur im Fachbereich Mathematik und Informatik innehat. Außerdem arbeitet er auch als Leiter der Abteilung „Data & Computation“ am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Der Benningsen-Förderpreisträger des Landes Nordrhein-Westfalen von 1995 entwickelt neuartige numerische Verfahren zur Simulation von Atmosphärenströmungen und arbeitet am PIK an der mathematischen Modellierung von Mehrskalen-Wechselwirkungen in natürlichen und sozialen Systemen. Die Moderne Erdsystemanalyse und die Klimafolgenforschung sind auf Computersimulationen als Hauptarbeitswerkzeug angewiesen.

Die dabei verfolgten Ansätze stehen nicht in Übereinstimmung mit existierenden, scheinbar direkt anwendbaren mathematischen Techniken. Solche Diskrepanzen will Klein beseitigen, indem er mathematische sowie natur- und sozialwissenschaftliche Konzepte weiterentwickelt. Die interdisziplinäre Forschung muss auf solidere Grundlagen gestellt werden, meint Klein. Gelingt es ihm, wäre das bahnbrechend: Dann ließen sich klimatische Veränderungen über Jahre hinaus vorausberechnen.

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