Zeitung Heute : E-Business: Der gehetzte Turbo-Arbeiter

Michaela Böhm

Er ist das Klon-Schaf Dolly der Erwerbsarbeit, der Enterprise-Spock der Informationsgesellschaft, der Vorreiter des neuen Zeitalters: der Turbo der "New Economy". Er arbeitet in einem jungen Unternehmen der IT-Branche. E-Business, sagt er, wenn ihn jemand fragt. Gut qualifiziert. Eine Berufsbezeichnung hat er nicht. Genauso wenig wie einen Titel oder ein abgeschlossenes Studium. Aber was zählt das schon. Ihn reizt die Philosophie: Der Chef ist Teil des Teams, und jeder soll handeln, als führe er die eigene Firma. Sein Gehalt wird größtenteils in Aktien bezahlt. Eine Karriere plant er nicht. Zukunft? Das ist heute und nicht morgen. Eine Ausbildung, ein Beruf, eine Rente? Eine Lebensplanung von gestern.

Manchmal fühlt er sich wie im Rausch. Geschwindigkeitsrausch. Sein Rohstoff ist die Information, sein Werkzeug der Computer. Veränderungen in Lichtgeschwindigkeit. Ein Internetjahr sind sieben alte Jahre.

Der Weg in die Informationsgesellschaft geht einher mit einem Niedergang der gewerblichen Arbeit. Prognostiziert wird, dass in den nächsten Jahren vier Fünftel aller Arbeiten mit Informationen zu tun haben: beraten, forschen, entwickeln, organisieren, vernetzen, managen, recherchieren, gestalten, präsentieren.

Der Aufbruch in die neue Arbeit schleppt drei Begriffe hinter sich her: Wissen, Bildung, lebenslanges Lernen. Um die Kreativität der Menschen, ihre Ideen und Innovationen abzuschöpfen, werden sogar Hierarchien eingeebnet und Manager der mittleren Ebene geopfert. Denn das Prinzip "Wissen ist Macht" ist als Ideenkiller verschrien. Wissen der Zukunft hat nichts mit humanistischer Bildung zu tun. Es ist nichts anderes als der Beweis, sich anpassen zu können. Hauptsache, man lernt, was am Markt gefragt ist. Grenzen hasst er. Er will sich nichts vorschreiben lassen - weder wie noch wann er Arbeit zu erledigen hat. Er braucht keinen Aufpasser, keinen Anweiser, keinen Abfrager. Was zählt, ist das Arbeitsergebnis.

Zeit ist flexibel. Seine Arbeitszeit allemal. Oft fährt er um 19 Uhr nach Hause, setzt sich zur Familie an den Abendbrottisch und geht um 22 Uhr noch mal in die Firma. Morgens um 7 Uhr das erste Breakfast-Meeting. Er sagt sich dann, dass er arbeitet, wie es seinem Biorhythmus entspricht. Manchmal ist sein Biorhythmus ruhelos. In seiner Welt haben es die Chefs am liebsten, wenn die Grenzen von Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen, wenn sich feste Arbeitszeiten auflösen, damit jeder jederzeit erreichbar ist. Mit den neuen Kommunikationsmitteln wie Internet, E-Mails und Mobiltelefon kein Problem. Arbeit ist dann überall, zu Hause am Schreibtisch, unterwegs am Handy, im Kopf beim Sonntagsspaziergang.

Flughäfen kennt er viele. Er hat in München gearbeitet, in London, in Seattle. Er klammert nicht. Man muss sich trennen können, von Umgebungen, Kollegen, Freunden, ist seine Devise, die er gern auf Partys erläutert. Wohin er auch geschickt wird, er passt sich überall an. Die Firmen setzen die Teams für jedes Projekt immer neu zusammen, damit nicht auf eingefahrenen Gleisen gedacht wird. So begegnet er einem Kollegen nie ein zweites Mal. Eine Welt, die kurzfristig wirtschaftet, will den flexiblen Menschen, der sich ständig neuen Aufgaben stellt und bereit ist, Arbeitsstelle, Arbeitsformen und Wohnorte zu wechseln.

Irgendwo hat er was von Ich AG gelesen. Das gefällt ihm. Vom Arbeitskraftverkäufer zum Arbeitskraftunternehmer. Das gibt ihm ein neues Profil. Die AOK tauscht er ein gegen eine private Krankenversicherung. Für das Alter kauft er sich Immobilien. Es ist ihm egal, wenn er dazu beiträgt, dass das Fundament der Sozialversicherung wegbricht.

Manchmal wundert es ihn, wie gelassen der Staat zuschaut, ohne etwas zu unternehmen. Unternehmen zerfallen oder fusionieren, Jobs tauchen auf und verschwinden, Firmen verlieren ihr Gesicht und ihren Namen, zerbrechen in Business Units und Profit Center. Aus Belegschaften werden flukturierende Projektteams. Kollegen werden zu Kunden, Konkurrenz ersetzt soziale Beziehungen. Manchmal erwischt er sich, wie er seine Frau und Kinder scheucht. Wie er hupend auf der Autobahn jagt. Wie er sich vor Wartende drängelt, sogar im Flugzeug.

Sein Wissen hat ein Verfallsdatum: Schulwissen hält 20 Jahre, Hochschulwissen, zehn und technisches Wissen ein bis drei Jahre. Tuscheln die Jungen schon über ihn? Er checkt sich durch: Stimmt sein Zeitmanagement. Ist er noch profitabel? Kann sein Chef sich ihn noch leisten? Am liebsten würde er die Zeit anhalten und das Tempo auf ein erträgliches Maß herunterfahren. Nicht er allein. Mit anderen.

Wer über Zeit verfügt, herrscht. Er möchte wieder Herr seiner Zeit sein, der Arbeitszeit, Freizeit, Lebenszeit. Denkt er manchmal.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!