Zeitung Heute : e-Jihad: Der Krieg der Zukunft ganz nah

Frank Jansen

Die Islamisten waren geschockt. Wie ein plötzlich auftretendes Unwetter brach über ihre Websites der Angriff von pro-israelischen Hackern herein. Die "wizel.com creators" riefen permanent sechs Seiten der libanesischen Hisbollah sowie der Hamas und anderer palästinensischer Organisationen auf. Am Ende waren die mehrmals pro Minute aufgerufenen Seiten wegen Überlastung nicht mehr zu erreichen. Doch die Verlierer schlugen rasch zurück. Pro-palästinensische Hacker attackierten nun die Website "wizel.com" - und die "Bank of Israel" und die Aktienbörse in Tel Aviv. Auf einmal war der Krieg der Zukunft ganz nah.

Es klingt nach Science Fiction, doch der "Cyberwar" deutet sich bereits in Form erster Scharmützel am Rande konventioneller Konflikte an. Nicht das erste, aber ein besonders markantes Beispiel ist der Kampf zwischen pro-israelischen und pro-palästinensischen Hackern. Schon wenige Tage nach Ausbruch der "Al-Aksa-Intifada", wie die Palästinenser ihren Ende September gestarteten Aufstand gegen Israel nennen, mutierte ein Teil des Internet zum Nebenkriegsschauplatz. Insgesamt sind 20 Hacker-Gruppen und 30 Einzelpersonen an den Zusammenstößen im Cyberspace beteiligt.

Auf 100 Seiten listet der von Sicherheitsexperten erstellte Bericht "I-Defense" Hacker-Angriffe gegen Israel auf. Auch wenn die Folgen beherrschbar waren, wächst die Furcht vor einem Angriff mit ganz anderen Dimensionen. "Im Kriegsfall könnte die Einberufung unserer Soldaten verzögert werden, wenn Hacker die Rechner der Verkehrlenkung oder sogar der Telefonsysteme lahmlegen", lautet eines der Szenarien, das die israelische Computerexpertin Yael Shahar letzte Woche in Jerusalem beschrieb. Welche Gefahr sie kommen sieht, verdeutlichte Shahar mit einem Satz: "Wir arbeiten an einem Überlebensprogramm."

Shahar trat bei einer Tagung am Rande der 20. Internationalen Buchmesse der israelischen Hauptstadt auf. Das Treffen von Fachleuten aus Sicherheitsbehörden und -instituten sowie Journalisten veranstalteten die Deutsche Botschaft, das Bundespresseamt und das deutsche Institut für Auslandsbeziehungen. Im Mittelpunkt stand unter anderem die Frage, wie Extremisten - aber auch "Schurkenstaaten" - das Internet missbrauchen können - und möglicherweise werden. Yael Shahar präsentierte einschlägige Erfahrungen, die sie in ihrer Arbeit im "International Policy Institute for Counter-Terrorism" sammeln konnte, das ehemalige Angehörige der israelischen Geheimdienste Mossad und Schabak leiten.

Ob pro-israelische Hacker wie "wizel.com creators", "a.israforce.com", "SmallMistake" und "Hizballa" und ihre pro-palästinensische Gegner auf eigene Faust oder mit Hilfe von Nachrichtendiensten gegen Websites, E-Commerce-Server, E-Mail-Dienste oder Provider, wurde auf der Tagung nicht ganz klar. Immerhin zeigt sich beim Blick auf die Palästinenser-Freunde, dass weltweit muslimische Hacker mitmischen. Besonders aktiv sei die Gruppe "Pakistan Hackerz Club", sagte Shahar. Sie macht den "Club" für mehr als 80 Internet-Attacken allein im letzten Jahr verantwortlich.

Ein Mitglied des "Pakistan Hackerz Club" habe auch den bislang folgenschwersten Anschlag verübt: Durch das Eindringen in den Server der pro-israelischen Lobby-Organisation "American-Israel Publik Affairs Committee" sei nicht nur deren Internet-Präsenz verunstaltet worden. Der Hacker mit dem Namen "Doctor Nuker" habe außerdem Informationen über 200 Kreditkarten-Inhaber heruntergeladen sowie weitere Angaben über insgesamt 700 Mitglieder der Lobby. Nach Ansicht Shahars ist der "Club" Teil einer pakistanischen "Hacker-Subkultur", von der aus auch das verfeindete Indien angegriffen wird. Anfang dieses Jahres habe die Gruppe "Harkat-ul-mOs" die indische Niederlassung des japanischen Elektronikkonzerns Sony belästigt.

Israel-feindliche Hacker gibt es laut Shahar nicht nur in Palästina und Pakistan, sondern auch in Libanon, Ägypten, Großbritannien, den USA und Brasilien. Propagiert wird der "e-Jihad" - gemeint ist die elektronische Variante des muslimischen Kampfbegriffs "Heiliger Krieg". Die Gruppen haben Namen wie "GForce Pakistan" oder "UNITY". Letztere kooperiert laut Shahar mit der Hisbollah und will in einem Vier-Phasen-Plan die israelische Internet-Infrstruktur zerstören. Außerdem gibt es Ableger älterer, traditionell militanter Organisationen wie "Al-Muhajiroun". Diese von London aus operierende Gruppe unterhält nach Informationen Shahars Kontakte zu dem Terroristen-Anführer Osama bin Laden.

Sorgen bereitet den israelischen Sicherheitsbehörden auch das ideologische Zusammenrücken von Islamisten und Neonazis. Zwar gebe es bislang keine gemeinsamen Aktionen. Doch sei nicht nur auf den Websites von fundamentalistischen Gruppierungen wie Hamas und Hisbollah, sondern auch bei "mainstream-muslim-sites" eine Zunahme antisemitischer Hasspropaganda zu beobachten. Yael Shahar: "Das reicht bis zum Leugnen des Holocaust."

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