Zeitung Heute : E-Learning: Der Ort des freien Geistes

Friedrich Knilli

Ich bin seit über vierzig Jahren in der Lehre tätig, habe aber immer noch Mühe, mich als Lehrer zu verstehen, weil Lehre und Forschung für mich eine untrennbare Einheit sind, was aber für viele Kollegen nicht mehr gilt. Sie verbringen ihre Freizeit nicht in Archiven, sondern auf Urlauberinseln und geben mit Forschungsergebnissen an, die andere gefunden haben. Als Erzieher versagen sie auch. Über den Wert des Individuums weiß jeder Arbeitslose, Stadtstreicher, Saufbruder und Knacki mehr als ein Beamter auf Lebenszeit. Aus Hass gegenüber Lehrern, der bei mir, zugegeben, unverkennbar neurotische Züge trägt, gab ich meinen Töchtern für eine Eins im Zeugnis immer eine Mark und fünf Mark für eine Fünf.

Lernen ohne Lehrer und Lehrerinnen, ohne die kleinen seelischen Grausamkeiten, die Sadismen und Gewalttätigkeiten des face to face-Unterrichts: Der Inbegriff dafür ist heute E-Learning. Da wird Faulheit nicht mit Nachsitzen bestraft. Ich muss mich nicht schämen, weil ich dumm bin. Es gibt keine Ohrfeige für nicht gelernte Lateinvokabeln. Das Internet bietet zum ersten Mal in der Mediengeschichte der kindlichen Neugierde und Tratschsucht die Chance, ohne eine besserwisserische Aufsicht zu forschen und zu lernen. Jeder kann auf einer Surftour seine Geographiekenntnisse verbessern und mit Hilfe von Suchmaschinen herausfinden, dass er nicht der erste ist, der ein Perpetum mobile oder einen Ellipsenzirkel erfinden will. Jeder kann Einstein im Original verstehen oder an dessen Texten scheitern und muss sich nicht mit der Version seines halbgebildeten Physiklehrers begnügen. Jeder kann auf wissenschaftliche Primärdaten zugreifen und seine eigenen zur Diskussion stellen.

Dieses neue Medium ist das Zuhause des freien Geistes, der in alle Datentöpfe gucken möchte. Das Lernen kann dorthin zurückkehren, wo Forschung beginnt, nämlich bei der Neugierde, bei Beobachtungen, die man zufällig macht, bei Einfällen, die nachts oder auf einem Spaziergang kommen, es führt zurück zum Selbsttun und Selbstdenken - ohne genervte Pauker. Und selbstverständlich werden durch das E-Learning Bücher nicht abgeschafft, ganz im Gegenteil. Nur müssen die Buchinhalte neu organisiert, auf das Internet bezogen werden. E-Learning ist crossmedial. Und auch die faktische Realität wird durch deren fiktionale Abbilder nicht zum Verschwinden gebracht. Die Neue Schule der Autodidakten, und wer ist das nicht immer wieder, funktioniert freilich nicht, wenn Internet nicht produktiv, sondern lediglich reproduktiv benutzt wird, wenn die Lernmittelhändler das Medium nur für einen neuen Vertriebsweg für alten Didaktikschrott missbrauchen und eine schnelle Mark mit schneller Pädagogik machen wollen. Ich wünsche deshalb den Langzeitarbeitslosen, dass die neue Ministerin Künast einen virtuellen Bauernhof mit gläsernen Kühen ins Netz stellt, auf dem Langzeitarbeitslose sich im Alleingang zu Biobauern umschulen und mit dem Geld, das sie dann bei Günther Jauch in der RTL-Quizshow "Wer wird Millionär?" verlässlich gewinnen, einen wirklichen Bauernhof in Brandenburg kaufen können. Ich wünsche den künftigen Schulabgängern, die wieder einmal keine Lehrstelle bekommen, dass ihnen Herr Schrempp von DaimlerChrysler einen gläsernen Pkw auf die Datenautobahn schickt, mit dem sie Formel 1 spielen dürfen, ihn spaßeshalber immer wieder auseinandernehmen und immer wieder zusammenmontieren können und das so oft und am Ende so perfekt auf ihrem Bildschirm machen, dass sie damit nicht nur eine Gesellenprüfung ablegen, sondern gleichzeitig von Herr Schrempp einen Risikokredit angeboten bekommen; für eine Reparaturwerkstätte im Intranet von DaimlerChrysler.

Und last not least: Meinen noch nicht schulpflichtigen Enkeltöchtern Jo, Paula und Isa wünsche ich, dass sie in ihrem künftigen Leben kein Klassenzimmer betreten, keine einzige Stunde auf den Exerzierplätzen der Bildung vergeuden müssen, sondern den Volksschulstoff per Mausklick lernen, ihr Abitur im Internet ablegen und ihren Hochschulabschluss in einem Prüfungs-Chat bestehen, wo und wann immer sie gerade sind, in Europa oder sonstwo auf der Erde.

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